Kinder- und Jugendliteratur

Iva Procházková: Wege, die zu gehen sich lohnt

© Archiv der Autorin
Iva Procházková; © Archiv der Autorin
“Sag mir, was Du liest, und ich sage Dir, wer Du bist”, erklärte einst T.G. Masaryk und gab so von der Warte des Gebildeten aus zu verstehen, dass für ihn der Intellekt das Maß sei, mit dem er die Menschen messe. Denkt man Masaryks Worte konsequent zu Ende, so existiert ein Mensch, der nicht liest, de facto nicht. Diesen Gedanken weiterzuspinnen erscheint mir gefährlich, insbesondere in heutigen Zeiten, wo sich das Lesen allgemein auf dem Rückzug befindet. Welche Art von Existenz erwartet dann die vielen Kinder und Jugendlichen, die statt des obligatorischen Buches abends im Bett lieber zu ihrem klugen Telefon oder ihrer Play-Station greifen? Ist es angesichts der Überfülle an digitaler Unterhaltung überhaupt noch möglich mit einem Text zu fesseln? Am Anfang, so behauptet die Bibel, war das Wort, aber sie schweigt sich darüber aus, ob es für alle Zeiten Bestand haben wird – noch dazu geschrieben, gelesen oder reflektiert. Vielleicht genügt es ja, wenn wir es uns in Form aktueller Hits oder als Begleitrauschen von Videospielen und Filmen gedankenlos in die Ohren fluten lassen?

Hat die Literatur eine Zukunft? Soll dem so sein, muss vor allem die Literatur für Kinder und Jugendliche überleben. Das haben vor allem die Autoren selbst in der Hand. In wohl jeder Kultur der Welt suchen sie Themen und Erzählformen, mit denen sie junge Leser ansprechen und in ihnen eine anhaltend positive Beziehung zum Buch entwickeln. Die deutschsprachige Kinder- und Jugendbuchliteratur hat sich genau das seit längerem zum Ziel gesetzt. Ähnlich wie in der tschechischen Literatur für die jüngsten und junge Leser versucht sie, Unterhaltung und Spannung mit erzieherischen Momenten zu verbinden, aber auch das Gefühl für Sprache zu fördern. Die Gewichtung der einzelnen Komponenten und ihr jeweiliges Verhältnis zueinander korrespondiert dabei mit aktuellen Trends in der Gesellschaft.

Einer der Grundpfeiler der deutschsprachigen Kinderliteratur ist seit Jahrzehnten die Autorin Mirjam Pressler. Nach ihren weithin bekannten und mehrfach ausgezeichneten Titeln wie Bitterschokolade, Malka Mai und Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen spürt die Autorin in Ein Buch für Hanna ihren jüdischen Wurzeln nach. Die Geschichte von dem Mädchen, das ein Zuhause sucht, trägt autobiographische Züge und enthält viele authentische Momente. Der Autorin gebührt großer Dank, dass das jüdische Thema in der deutschsprachigen Kinderliteratur nicht verknöchert ist, sondern selbst dann unmittelbar und lebendig wirkt, wenn es in längst vergangene Zeiten entführt wie in der Prager Geschichte Golem, stiller Bruder.

Das Leben hinter den Grenzen des eigenen Landes

Salah Naoura: Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums; © Beltz & GelbergVon Mirjam Pressler zu sprechen, heißt zugleich vom Übersetzen zu sprechen. Das Interesse für das Leben hinter den Grenzen des eigenen Landes, ob nun in nächster Nachbarschaft oder exotischen Fernen, schlägt sich in Deutschland gewissermaßen in einer Tradition der Verlagshäuser nieder, die Kindern und Jugendlichen eine Fülle an übersetzter Literatur bieten. Sie ist ein fester Bestandteil des Buchmarktes und viele der preisgekrönten Titel sind gerade aus ihren Reihen, wie jüngst John Greens The fault in our stars, das deutsch unter dem Titel Das Schicksal ist ein mieser Verräter erschien. Ohne die sonst gängigen Klischees werden wir in Hazels Kampf gegen den Krebs hinein genommen und im gleichen Atemzug erfahren wir von der ersten Liebe. Einen ganz anderen, aber nicht minder authentischen Blick entwickelt Jenny Robson in ihrem Buch Tommy Mütze, das für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2013 nominiert war. Tommy Mütze ist ein gelungenes Beispiel, wie ein Buch einem kindlichen Leser auf ebenso spannende wie humorvolle Weise die Identifikation mit Altersgenossen aus einer ganz anderen als der vertrauten Kultur ermöglicht.

Aber nicht nur durch Übersetzungen lernen Kinder und Jugendliche andere Länder kennen. Salah Naoura, als Sohn eines syrischen Vaters in Berlin geboren, schreibt auf Deutsch. Sein Buch Matti und Sami und Die drei größten Fehler des Universums feierte im vergangenen Jahr große Erfolge. Der Autor versetzt Helden wie Leser mit Witz und mit der Raffinesse kindlicher Schwindeleien in die – hier zum Glück sommerliche – Realität Finnlands.

Große Literatur für kleine Leser

Der Roman Tschick des Berliner Autors Wolfgang Herrndorf ist zweifellos einer der herausragenden Titel der letzten Jahre – exzessiv, originell erzählt und bittersüß, ein Roadmovie, der Jugendliche wie Erwachsene in Bann schlug, ein selbstsicherer, viel versprechender Schritt auf dem Weg zur literarischen Meisterschaft – leider nur ein begonnener Weg, denn Wolfgang Herrndorf hat im August 2013 seinen Kampf gegen den Krebs verloren. Bei der Lektüre von Tschick drängt sich die Nähe zu einem anderen Autor auf – zu Andreas Steinhöfel, der die deutsche Kinder- und Jugendliteratur bereits seit den 1990er Jahren um viele Titel bereichert. In erstere Sparte gehört seine in Berlin angesiedelte, als Tagebuch gehaltene Erzählung Rico, Oskar und die Tieferschatten, in letztere Die Mitte der Welt. Für beide Bücher wäre die Schublade Jugendbuch viel zu eng. Sprachlich virtuos und mit einer Originalität, die sich kühn über Normen und Gewohnheiten hinwegsetzt, reihen sich Steinhöfels Romane unter das Beste, was in Deutschland zum Thema Erwachsenwerden geschrieben wurde.

Es ist ein sympathischer Zug der deutschen Kinder- und Jugendbuchliteratur, dass ihre jungen Autoren sich in einem guten Sinne dem Einfluss ihrer älteren Kollegen öffnen und dennoch eigene Wege einschlagen. Das gilt z.B. auch für Susan Kreller und ihren neuen Roman Elefanten sieht man nicht, einem Psychothriller mit überzeugendem Seelenportait des Teenagers Mascha, zugleich aber auch dem sozialkritischen Genre verpflichtet, ganz wie wir es von Gustav Falk über Lisa Tetzner, Erich Kästern bis hin zu Peter Härtling kennen. Es war einmal Indianerland von Nils Mohl fesselt durch seine nichtlineare, mosaikartige Komposition, seine messerscharfen Sätze und die Fähigkeit, in karger Sprache ein Lebensgefühl heraufzubeschwören. Die Hauptfigur ist namenlos, dafür aber geradezu zum Bersten angefüllt mit Problemen, die nach Lösung verlangen, Entscheidungen müssen getroffen werden. Eine zersplitterte Welt von mitreißender Energie. Aus diesem Buch springt den Leser etwas höchst Gegenwärtiges an, etwas Junges, was zugleich vom Prozess des Heranreifens und Erwachsenwerdens erzählt, der so alt ist wie die Welt selbst.

Bilder voller Phantasie

Zur Kinder- und Jugendliteratur gehört das Bild. Insbesondere heutzutage, wo die Literatur mit der bunten Welt der digitalen Spiele, die die Jugend fest im Griff hält, konkurrieren muss. Bilderbücher, reich illustrierte Texte, Comics, Texte mit begleitenden Fotografien – all das sind Möglichkeiten, wie sich eine Geschichte erzählen lässt. Ein Gefühl. Ein Thema. Peter Sis hat es uns mit seiner Mauer gezeigt, die vergangenes Jahr in Deutschland erschien und große Resonanz bei den jugendlichen Lesern fand; und ebenso der Illustrator Tobias Krejtschi, dessen Bilder den Kindern Afrika oder Neuseeland vor Augen zaubern oder Welten zwischen Traum und Wirklichkeit.

Für Martin Baltscheit ist das Bild eine Brücke, die vom Gefühl zum Gedanken führt. Seine Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor ist eine Parabel vom menschlichen Vergessen, von der Gedankenlosigkeit, Zerstreutheit und, im Extremfall, auch von der Demenz. In kurzen, präzisen Sätzen werden die Fakten genannt. Farben, Formen, Komposition und Kontrast rufen Emotionen wach. Baltscheits kleines Büchlein ist zärtlich und humorvoll, in seiner Schlichtheit von einer ganz eigenen Tiefe. Es weckt im Herzen ein wichtiges Gefühl, das Mitgefühl – bei Kindern wie bei Erwachsenen. Wie gerne wüsste ich, was T.G. Masaryk sagen würde, wenn ich ihm antworte: „Ich lese vom verwirrten Fuchs, lasse mir von den Bildern erzählen, und denke darüber nach, wohin sich, seit Sie, Herr Masaryk, klein waren, die Kinderliteratur entwickelt hat.“ Mag sein, dass das Lesen sich auf dem Rückzug befindet, vielleicht aber sucht es sich lediglich neue Wege. Und ganz sicher lohnt es sich, sie zu gehen.

Iva Procházková, September 2013
Ins Deutsche übersetzt von Kristina Kallert.

Iva Procházková schreibt Bücher für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in tschechischer und deutscher Sprache. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet: u.a. Deutscher Jugendliteraturpreis, IBBY Certificate of Honour for Writing, Luchs und Magnesia Litera. Die Ausstellung Pěkně od začátku – Von allem Anfang an stellt ihren Roman "Orangentage" ("Uzly a pomeranče") vor.

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