Kinder- und Jugendliteratur

Zur Rezeption deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur

Radek Malý © Radek Malý

Wie steht es um die Rezeption deutschsprachiger Kinder- und Jugendliteratur in Tschechien? Antwort auf diese Frage bietet die Enzyklopädie 2 x 101 Bücher für Kinder und Jugendliche (2 x 101 knih pro děti a mládež), die der Verlag Albatros 2013 herausgebracht hat.

Unter den insgesamt 202 Titeln finden sich lediglich 17 Titel aus den deutschsprachigen Literaturen, von deutschsprachigen Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Keine berauschende Zahl: doch hoch genug, um ein repräsentatives Bild vom „literarischen Kanon“ zu umreißen. Die Auswahl der Titel – das hat sich während der Arbeit an der Enzyklopädie immer wieder gezeigt – war wesentlich schwieriger, als man vermuten würde. Gerade der deutschsprachige Raum kann als Beispiel dafür dienen, wie illusorisch es ist, in der Kinderliteratur einen Kanon erstellen zu wollen und wie verzerrt die Wahrnehmung dieses literarischen Sektors im Nachbarland sein kann. Die Kriterien, nach denen die einzelnen Titel ausgewählt wurden, waren überwiegend außerliterarisch, wie zum Teil auch die Botschaft des Buches selbst. Es handelt sich hier nicht um ein akademisches Handbuch, das einen Kanon schaffen will (der im Kinder- und Jugendbuchbereich wirklich sehr schwer zu errichten wäre), sondern um eine Orientierungshilfe für Eltern, Lehrer und letztlich auch Verlage, denn auch international erfolgreiche Titel, die noch nicht ins Tschechische übersetzt sind, werden vorgestellt. Vielleicht findet der ein oder andere Klassiker dann doch noch in Übersetzung seinen Weg zum tschechischen Leser, allerdings ist keineswegs von vornherein garantiert, dass selbst ein international beliebtes Buch auch in Tschechien unbedingt ein Erfolg wird. Denn nicht nur die Sprache ist eine Barriere, auch die Zeit, will heißen die sich verändernden Zeiten – und das wirkt sich auf eine verspätete Rezeption aus.

Heinrich Hoffmann: Ježipetr (Der Struwwelpeter); Kalich

Die deutsche und die tschechische Literatur haben sich über Jahrhunderte hin Seite an Seite entwickelt, in unmittelbarer Nachbarschaft, und so liegt die Vermutung nahe, dass es eine dementsprechende tschechische Rezeption deutschsprachiger Kinderliteratur gegeben hat. Doch gefehlt: der so grundlegende und weltbekannte Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, den einige Wissenschaftler als das erste illustrierte Kinderbuch überhaupt bezeichnen, wurde erst 2004 auf Tschechisch veröffentlicht – in der Übersetzung von Tomáš Kafka. Auch Wilhelm Buchs Bildergeschichte Max und Moritz, eine Art Vorläufer der heutigen Comics, hat im tschechischen Raum keine wirklich spektakuläre Rezeptionsgeschichte: zwar liegt sie in drei Übersetzungen vor, wurde aber so gut wie nicht wahrgenommen.

Bei der Auswahl der Bücher aus dem deutschsprachigen Raum wurden ausschließlich Titel berücksichtigt, die bereits in tschechischer Übersetzung vorliegen. Bisweilen fiel dieses Kriterium fast zu dominant ins Gewicht: So wurde von Ursula Wölfel Feuerschuh und Windsandale (Ohnivá bota a Sandál Větroplach) aufgenommen; mehr liegt von dieser bedeutenden Autorin der sechziger Jahre übersetzt nicht vor. Auf andere, viel wichtigere Werke sowie auf die Thematik ihres Gesamtwerkes konnte lediglich im Stichwortartikel verwiesen werden. Mein Großvater und ich , von James Krüss wiederum wurde ausgewählt, weil der Autor zu den großen Klassikern der deutschen Kinderbuchliteratur gehört – vielfach ausgezeichnet, durchaus mit den bedeutendsten auch internationalen Preisen, die dieser Bereich zu vergeben hat. Typisch für James Krüss ist allerdings ein Sprachwitz, zu dem selbst deutsche Kinder heutzutage nicht mehr unbedingt Zugang haben, und umso mehr gilt das für die kleinen tschechischen Leser. Was sehr schade ist: denn die tschechische Übersetzung von Hana Žantovská – Můj pradědeček i já – ist brillant.

Bei sehr bedeutenden Autoren wurde die Möglichkeit genutzt, zwischen Büchern für Kinder und Bücher für Jugendliche zu unterscheiden, sozusagen aus taktischen Gründen, wie im Fall von Michael Ende: nur schwer ließe sich wirklich beweisen, dass Momo und die gestohlene Zeit (Děvčátko Momo a ukradný čas) ein Kinderbuch, Die unendliche Geschichte (Nekonečný příběh) hingegen ein Jugendbuch ist, doch ließen sich so zwei Titel des Autors in der Enzyklopädie unterbringen. Bei einem anderen deutschen Autor, der ebenfalls mit zwei Werken vertreten ist, nämlich Otfried Preussler, lagen die Dinge klarer: die meisten seiner Werke richten sich an kleinere Kinder – beim tschechischen Publikum dank Zdeněk Smetanas Zeichentrickfilm am weitaus bekanntesten ist die Kleine Hexe (Malá čarodějnice) – Krabat (Čarodějův učeň) jedoch gehört eindeutig in die Sparte Jugendbuch.

Nur selten gehört das Werk eines deutschsprachigen Autors zum internationalen Kanon der Kinder- und Jugendbuchliteratur und erfreut sich zugleich auch einer intensiven tschechischen Rezeption. Heidi, das Mädchen aus den Bergen (tschech. Heidi, děvčátko z hor) ist so ein Fall – das einzige Buch der sehr schreibfreudigen Schriftstellerin Johanna Spyri, das es zu Weltruhm gebracht hat. Aber auch Erich Kästners Emil und die Detektive (tschech. Emil a detektivové) wäre hier zu nennen (das aus Kästners vielfältigem Schaffen gerade dieser Titel ausgewählt wurde, lag wohl am Pioniercharakter des Genres).

Bei Karl May aber könnten schon Zweifel aufkommen – sind die „Mays“, „mayovky“, wie die Tschechen sagen, nicht nur bei Deutschen und Tschechen Kult? Und was ist mit einer so bekannten literarischen Gestalt wie der Biene Maja – auf den ersten Blick ein klarer Kandidat, doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass dem bemerkenswerten neoromantisch-literarischen Gleichnis von Waldemar Bonsels nur vorübergehend Erfolg beschieden war; zum Welterfolg geriet erst der spätere Zeichentrickfilm, der mit seiner literarischen Vorlage aber recht frei verfährt.

Auch einige Titel, die im deutschen Raum eine fundamentale Rolle spielen oder aber zumindest Kultstatus haben, sind in der Enzyklopädie nicht vertreten, zum Beispiel Werner Holzwarths Bilderbuch Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat. Werner Holzwarth / Wolf Erlbruch: Vom kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat; Peter Hammer Verlag 1989 erstmals erschienen, dreht es sich um die „skandalöse“, bei Kindern aber äußerst beliebte Thematik tierischer Exkremente. Nicht „geschafft“ in die Enzyklopädie hat es auch Wolfgang Herrndorfs Tschik. Als das Buch 2010 erschien, war noch kein zeitlicher Abstand gegeben. Welch enormen Erfolg es haben würde, und nicht nur beim deutschen Publikum, ließ sich damals noch nicht absehen. In einer eventuellen Neuauflage der Enzyklopädie würde es sicher nicht fehlen.

Wenn wir es also bei 2 x 101 Bücher für Kinder und Jugendliche mit einem Kanon zu tun haben, so doch – zumindest in Hinblick auf die deutschsprachige Literatur – mit einem sehr spezifischen Kanon, der uns zeigt, womit – aus tschechischer Perspektive gesehen – die deutschsprachige Kinder- und Jugendbuchliteratur den internationalen und den tschechischen Kontext bereichert hat.

Radek Malý
Dichter, Autor von Kinderbüchern und Übersetzter
Übersetzt von Kristina Kallert

Copyright: Goethe-Institut
Juli 2014

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
infobibl@prag.goethe.org

    Aktuell

    Deutscher Buchpreis 2017

    geht an Robert Menasse

    Georg-Büchner-Preis 2017

    geht an Jan Wagner

    Abbas Khider

    erhält den Adelbert-von-Chamisso-Preis 2017

    Das Buch 11

    © Denemarková Radka, cena ML Městská knihovna
    Deutschsprachige Literatur auf der Prager Buchmesse „Svět knihy“ 2017