Nora Bossong (Deutschland) – Mein 1989

Zurück in die Zukunft

Wir hatten, als die Mauer fiel, noch nie etwas von Marx gehört, wir, meine Schulfreunde und ich, konnten im Herbst '89 nichts mit der SED anfangen, waren wir im Alphabet erst beim M angekommen und auch den Sozialismus verstanden wir nicht, weil wir nicht wussten, was das Gegenteil meinte. Und trotzdem sollten wir es sein, die fünfzehn Jahre später unseren Eltern berichteten, wie es denn nun war, drüben, in jenem Gebiet, das in unserer Kindheit so verboten verheißungsvoll die Zone genannt worden war. Wir konnten nichts Seltsames daran finden, an Leipzig und Dresden, Friedrichshain und Halle, nichts außer dem glasigen Blick unserer Eltern, aus dem ein Unglaube sprach, zu dem sonst nur Kinder fähig sind.
Als man das Wort Zone nicht mehr benutzte, wohnte ich im Osten an einem Platz, an dem einst die ersten Exemplare des Kapitals gedruckt worden waren oder aber (ich erinnere den Wortlaut der Gedenktafel nicht mehr genau) Marx hatte dort eine Wohnung gemietet oder er war dort nur regelmäßig spazieren gegangen. Irgendetwas war im Osten mit Marx geschehen und in jedem Fall war es mir mit ihm wohler als mit einem Hinweis auf Goethe, der überall gewesen war, was seine einstige Anwesenheit inflationär an Wert verlieren ließ. Doch auch, wenn das Schild imposant und der Einstige nicht Goethe gewesen war, so ist es mir nie gelungen, jene Begebenheit in meiner Gegenwart nachzuspüren. Der Platz schien unbeeindruckt von der Historie zu sein, die auf ihm stattgefunden hatte oder aber mir ist eine Taubheit für Vergangenheiten eigen, die in Messingplatten graviert sind.

Ein Zufall brachte mich dazu, das Ehepaar Marx persönlich zu treffen, wenn es sich auch Marks schrieb und vermutlich etwas mit „Marks and Spencer“ zu tun hatte, was sie allerdings bestritten. Sie kamen aus der Nähe von Köln, wobei man eher von stammen sprechen muss, mehr als eine Herkunft konnte es nach dreißig Jahren in der New Yorker Upper East Side für sie nicht sein und ein Herkommen impliziert Wege, Strecken, die zurückgelegt werden, sie aber hatten seit Jahrzehnten die Strecke zwischen Deutschland und den Staaten nicht mehr zurückgelegt, wenn sie mir gegenüber auch mehrmals betonten, dass sie gerne einmal wieder die alte Heimat besuchen würden, dass sie Deutschland nach wie vor schätzten, die Kultur, die Sprache, das Land und deutschen Apfelkuchen äßen, dass sie aus diesem Grund einen deutschen Zirkel führten, weniger wegen des Apfelkuchens, wenn es auch diesen dort oft gäbe und dass sie eine Reise nach Deutschland planten und auch sicher bald umsetzen würden, wenn nur nicht die Arbeit, die Aufträge, all die Termine - „Aber bald“, erklärte Frau Marks.
Ob ich nicht einmal zu ihren Treffen dazukommen wolle, fragte mich Herr Marks und zu seiner Frau gewandt erklärte er, wie wundervoll es wäre, mich bei einem Treffen dabei zu haben, sei doch von ihnen, also den Zirkelmitgliedern, niemand mehr in den letzten Jahren in Deutschland gewesen. Ich könnte von Deutschland berichten, von meinem Leben in Deutschland, entschied Herr Marks und Frau Marks nickte und erwähnte einmal mehr die geplante Reise, „bald“, sagte sie und fügte nach einigem Zögern hinzu: „Und wenn es auch nicht ganz so bald sein mag.“
„Who knows where and when“, zitierte Herr Marks den Text eines alten Liedes.

In New York, sollte man meinen, vergeht die Zeit schneller, ist die Zukunft unserer europäischen Zukunft immer schon einen Schritt voraus. Dennoch – oder gerade deshalb – gibt es Flecken dort, in denen die Zeit still zu stehen scheint, ihr fortwährendes Voranhetzen aufgegeben hat oder sich gar dagegen auflehnt. Ich betrat einen solchen Ort an einem Januarabend, die Luft war trocken und warm und es roch nach Apfelkuchen. Die weichgebackenen Fruchtscheiben glänzten wie Zinnen unter einer Glasur, deren Zusammensetzung vor Jahrzehnten erdacht worden war, zu einer Zeit, da Bonn noch Bonn gewesen war, die innerdeutsche Grenzkontrolle hartnäckig und die Marksens in einem Haus am Rhein gelebt hatten, weit im Westen, von wo aus man vergaß, was oberhalb Bayreuths liegt.
Voluminös frisierte Menschen, die ihre weißen Zähen in den Apfelkuchen senkten, füllten nach und nach den Raum, sie mochten vierzig, fünfzig, einige vielleicht sechzig Jahre alt sein und keiner von ihnen nahm Notiz von mir, obgleich ich auffiel, oder, schlicht gesagt, nicht in ihre Runde passte, weniger blond, weniger frisiert, weniger glänzend als die Übrigen. Sie sprachen deutsch, sicher und ohne Akzent, aber die Lautstärke, die Überbetonung einzelner Wörter, das klangliche Erstaunen, das sie in die Konversationen einbauten, war amerikanisch und ich wusste nicht genau, in welcher Welt ich mich befand, in einer Zwitterwelt vielleicht, in der nur der Apfelkuchen eine eindeutige Herkunft suggerierte, die sich alle Anwesenden einverleibten.
Herr Marks kam mit zwei Herren auf mich zu, die - „wie Sie ja auch!“ - einmal in Leipzig gewesen waren. Eine Sensation. Marks beobachtete unsere Annäherung, mir war unwohl und ich begann zu reden. Ich erzählte von meinem Platz in Leipzig, von den gepflegten Bäumen und der polierten Gedenktafel, von einer Wohnung, die zu einem irrwitzig niedrigen Mietpreis aus dunklem Parkett, Stuckaturen und Weitblick bestanden hatte, von der Universität, für die in den Neunzigern eine der schönsten Bibliotheken der Republik aufgebaut worden war und von den Sachsen, die, ähnlich den Schweizern, sich bisweilen für ihren Dialekt entschuldigten.
„Sie wollen nicht im Ernst die Sachsen mit den Schweizern vergleichen“, beanstandete einer der Herren meinen Bericht.
Ich entschuldigte mich, nach kurzem Überlegen aber war mir klar, dass ich Recht gehabt, dass man sie in diesem Punkt durchaus vergleichen konnte.
„Wie lange, sagten Sie, haben Sie dort gelebt?“ fragte der Herr mich.
„Vier Jahre.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“
„Ein grauenhafter Ort, der Osten“, fügte der Andere hinzu.

Nie bin ich verwundert gewesen über meine Entscheidung, nach Leipzig zu gehen. Leipzig war für mich weniger absurd als Göttingen, wo ich zuvor gewohnt hatte, ein Ort an der Grenze zur Stadtbezeichnung, 100.000 Einwohner während des Semesters, in den Ferien in den Status einer Kleinstadt zurück sinkend. Meine Eltern hingegen, denen die Groteske Göttingens nie aufgefallen ist, holten nun Informationen ein: Ob Leipzig gefährlich sei. Ob die Straßen grau und trist, die Wohnungen verfallen, die Menschen arbeitslos und böse seien. Ob man in Leipzig leben, nicht nur vegetieren könne. Der Osten war für sie etwas, das lange Zeit fort gesperrt gewesen war und nun als untoter Ort zurückkehrte, sich ausbreitete und an den Festen ihrer Familie sog. Ich übertreibe natürlich. Doch es ist nicht viel, es ist, würde ich meinen, nur die Verbildlichung, die meine Eltern für ihre Ängste nicht fanden und die so als nüchterne Sorge in ihnen wuchsen.
Aber Leipzig, unterbrach mich einer der Zuhörenden, Leipzig sei doch wirklich abscheulich. Wie ich nur so ruhig darüber berichten könne. Wie ich es dort nur so lange ausgehalten hätte.
Ich kehrte zurück in die warme Wohnung der Marksens, in die Heizungsluft und die Klaviermusik, ich roch das teure Make-Up in den Gesichtern der Damen, sah die glatt gebundene Seide an den Hälsen der Männer. Immer zahlreicher hatten sich die Anwesenden meiner Erzählung zugewandt und jetzt, musste ich feststellen, war niemand mehr im Raum, der nicht Teil des Kessels war, der mich umschloss.
Leipzig, entschied ein Herr mit fuchsrotem Gesicht, Leipzig könne nicht sein.
Bonn hingegen – erklärte eine der Damen.
Oder Düsseldorf, fiel einer Zweite ein.
Und München, ergänzte ein Dritter.
München - ! wurde bekräftigt.
Und München bleibe!, fügte ein Weiterer hinzu.

Irgendwann an diesem Abend, in diesem Gespräch wurde mir klar, dass ich für sie eine Botin aus der Zukunft war, aus jener Zukunft eines deutschen Staates, die keiner von ihnen für glaubwürdig hielt. Ich selbst driftete in den Bereich des Zweifelhaften ab. Wir hätten auseinander gehen können, ohne die Existenz des anderen anzuerkennen oder indem man die Anerkennung, die man zeitweilig gewährt hatte, wieder zurückforderte. Denn auch ich glaubte nicht wirklich an die Realität dieser Menschen, für die die Mauer noch stand, die es für mich nie wirklich gegeben hatte. Auch mir wäre es leichter gefallen, diesem Gespräch einem Platz in meiner Fantasie einzuräumen und es damit zu umgehen, die Ironie zwischen den Zeilen zu suchen, eine Ironie, die es, und das war das Tragische, nicht gab.
Ich meine nicht, dass ich ihnen nicht glaubte, dass ich nicht glaubte, dass sie meinten, was sie sagten, sondern es war ein viel schlichterer Zweifel: Ich war mir nicht sicher, ob ich mit ihnen in diesem Raum stand, ob wir zu gleichen Maßen anwesend waren, ob sie all dies zu mir sagten und ich mit nicht mehr als einem Lächeln antwortete.
Ich warf einen Blick in den Spiegel, der neben mir hing und über den ich in den Nebenraum blicken konnte, auf die belegten und arabesk gestapelte Sandwichtürme, Pralinenpyramdien, auf die Tabletts mit Brownies, Muffins und deutschem Apfelkuchen; darüber hing ein Matisse, der vermutlich echt war.
Ob ich überhaupt jemals in Bonn gewesen sei, fragte man mich. Ob ich wisse, wie schön Bonn sei, wollte man von mir wissen, ich drehte mich vom Spiegel weg und sah wieder in die Runde, zig zu mir gewandte Gesichter, von denen ich nicht sagen konnte, welches soeben die Frage gestellt hatte. Mein Blick flog über die Augenpaare und da kippte, unerwartet, aber energisch, die Stimmung.
Dass ich ganz sicher niemals in Bonn gewesen sei, rief eine Männerstimme, ich konnte den dazugehörigen Mund nicht schnell genug finden, da brach schon eine zweite Stimme los: Nein, dass ich niemals in Bonn gewesen sein könne. Dass, wer so über Bonn spreche, nämlich gar nicht, sondern von Leipzig erzähle, der könne nicht wissen, was Bonn sei!
Es war sehr warm im Raum, nicht zu warm, nur eben sehr, draußen war es Januar und die Straßen, selbst in New York, schon seit Stunden dunkel. Es hätte sich Müdigkeit ausbreiten müssen und ein ungestillter Hunger nach Schnittchen, Pralinen und deutschem Apfelkuchen, aber die Anwesenden verharrten an ihren Plätzen, in ihrem um mich her gezogenen Kreis, ihre Gesichter blank vor Aufmerksamkeit, vor Neugierde oder, wie ich fürchten musste, Angriffslust. Ich schloss die Augen, hörte die Sätze einzeln in mein Bewusstsein schlagen, zusammenhanglos, leiser werdend. Dann war es ruhig.
Die Stille von Ereignissen, die ausbleiben. Mitten in einer durchregneten Nacht blickte ich noch einmal an den Häusern empor, in allen Fenstern brannte Licht, sie waren dadurch ununterscheidbar. Es war in Ordnung so, nichts hätte ich mehr erwidern wollen, mein Körper war voller Müdigkeit. Diesen Menschen hatte ich ohnehin nicht geglaubt, dass es sie gab. Sie blieben für mich zweifelhaft, eine in Messing gravierte Behauptung.