Alternative Geschichte
Auf Sylwias erstem Tagebuch war vorne ein kleines Mädchen aus Afrika zu sehen, das schüchtern vor der Kamera stand und verschmitzt lächelte. Darunter war eine Kontonummer für eventuelle Spenden angegeben: „Rettet Kinder aus der Dritten Welt – UNICEF“. Das tägliche Festhalten der eigenen Gedanken wurde für viele Schülerinnen zur Obsession, aber nicht immer regelmäßig betrieben. Die erste Seite des Tagebuchs war kunstvoll mit sorgfältig gemalten rosa Herzen und rankenden Weintrauben verziert, daneben das Datum des ersten Eintrags: Dienstag, der 9. Mai 1989. Sylwia war damals fast zehn Jahre alt und ging in die dritte Klasse. Sie wohnte im Warschauer Stadtteil Bielany, einem grünen Stadtteil in Waldnähe. Sie hatte damals noch eine Mama und einen Papa.
Genau ein Jahr später rief ihr Papa während eines festlichen Mittagessens bei Oma an und gab bekannt, dass er nicht nach Polen zurückkehre. Er bleibe in Amerika, im Land des Superglanzes, wo es in jedem Geschäft Kaugummi gibt. Hello, I want to get one chewing gum. Und schon bekam man einen. In Polen schmeckten die Kaugummis nach Schuhsohle, und für die besseren musste man Dollar haben und im Pewex Schlange stehen. Aber Sylwias Papa wählte seine neue Heimat nicht wegen des Lebensmittelangebots, sondern wegen seiner neuen Frau.
Wie auch immer, wir sind beim 9. Mai, das Mädchen aus Bielany hat noch kein Trauma, vom Vater verlassen worden zu sein, und schreibt fleißig in ihr Tagebuch: „Heute ist der Tag des Sieges. Unsere Lehrerin hat uns vollgequatscht, wie wir die Deutschen damals vertrieben haben. Es war langweilig. Aber am wichtigsten ist, dass M.S. bis über beide Ohren in mich verknallt ist. Ich liebe ihn nicht, obwohl ich anderntags sagte, ich würde ihn lieben.“ Wie so oft vermischten sich Liebe und Patriotismus auf frivole Art, ohne dass das zehnjährige Kind etwas von der politischen Lage im Land des duftenden Stifts wissen musste. Obwohl doch nur ein Monat später die ersten freien Wahlen stattfanden und Polen sich vom langjährigen kommunistischen Diktat befreite. Aber in Wirklichkeit beschäftigte das nicht alle.
Den Schulweg schmückten hunderte Plakate mit einem Cowboy , mit einem Herrn mit Schnurrbart und noch einem anderen, der einem Nilpferd ähnelte. Dazu die polnischen Fahnen, die erhabene Atmosphäre des Neuen – irgendein Feiertag kündigte sich an.
Die Zeit verging auch mit Besuchen der St.-Stanisław-Kostka-Kirche, wo Sylwia verzückt im Krippenspiel tanzte und bei der Prozession Rosenblätter streute. Auf dem Gelände der Pfarrei befand sich das Grab des vom Staatssicherheitsdienst ermordeten Priesters Popiełuszko , das in einem Meer von Blumen versank. Und die Kinder, die zum Religionsunterricht in einem kalten Raum zusammenkamen, stopften sich den Bauch voll mit Schokoladenriegeln aus den Spenden. Die ganze Welt schickte ihnen Pakete, denn sie waren ein armes, geknechtetes Land aus dem Osten. Die Bilder von ihnen riefen, wie das des Kindes aus Afrika, „Help!“.
Die Menschen erinnerten sich an das Kriegsrecht, die Panzer auf den Straßen und die leeren Regale in den Geschäften. Schokoladen „mit Fenster“, das heißt Schokoladentafeln in durchsichtiger Folie, durch die ganze Nüsse zu sehen waren, versüßten ihnen das Warten auf den Wandel. Alle aßen diese Schokolade, vermutlich sogar auch die aus der Regierung und der Opposition. Interessant, ob sie deren Inhaltsstoffe kannten, zum Beispiel das Phenylethylamin, einem auch als „Glückshormon“ bezeichneten Amphetaminderivat. War der Systemwechsel deshalb so „samten“ verlaufen, ähnlich wie in der Tschechoslowakei? Vielleicht sollten wir mit einer ordentlichen Ladung Süßigkeiten in den Iran oder nach Afghanistan fahren.
Und überhaupt, für viele Kinder waren die Süßigkeiten das wichtigste und zugleich sichtbarste Symbol des Wandels – des ökonomischen natürlich, nicht des politischen. Endlich war Schluss mit schokoladenähnlichen Imitaten, irgendwelchen merkwürdigen Bonbons, die vorgaben Drops zu sein. Man musste nur zum Lebensmittelladen um die Ecke gehen, und dort, inmitten all der Leckereien, drängten sich ständig neue Schokoladenriegel, Kaugummis und Lutscher in den Vordergrund. Wie viel Geld dafür ausgegeben wurde! Die Mädchen und Jungen standen vor dem Haus und brüllten: „Mamaaaa, gibst du mir Geld für eine Limonade?“
Die Mamas schnaubten, aber kurze Zeit später lehnten sie sich aus dem Fenster und warfen im Strumpf oder Täschchen ein paar Münzen hinunter.
Aber zurück zum Thema.
Die antikommunistische Opposition war mit der katholischen Kirche stark verbunden und verfügte über Werte wie Gott, Ehre, Vaterland und Würde. Die Vision eines freien Polen wurde stets mit dem Kreuz, beziehungsweise – wie für jeden ersichtlich war – mit dem Leiden in Verbindung gebracht. Anschließend litt die ganze Gesellschaft, die bereits daran gewöhnt war, den Gürtel enger zu schnallen, und für die Krisen, „ökonomische Übergangsprobleme“ und die ganze Palette an Depressionen und Monotonien nichts Neues waren.
Zu dieser Zeit war der Kirchenzaun mit Fahnen und Solidarność-Transparenten behängt. Wahrscheinlich durfte man sie nicht einfach so aufhängen, sondern musste erst beim Pfarrer um Erlaubnis bitten. Der Vielzahl von aufgehängten Tüchern nach zu urteilen, stellte dieser allerdings keine allzu hohen Anforderungen.
Sylwia assoziierte das Jahr 1989 auch mit dem intensiven Duft von Blumen in der Kirche. Der Geruch der Wiesensträuße, Rosen und Orchideen vermischte sich mit Kerzenrauch. Hinter der Kirche war ein kleiner Garten, in den man kurz lief, bevor die Messe begann. Damals wusste Sylwia noch nicht, dass sie einige Jahre später ganz auf den Religionsunterricht, die Kirchenblumen, den Glauben und das Sammeln von Heiligenbildchen verzichten würde.
Aber bis auf Weiteres sammelte sie noch. Vor allem Poster von Madonna, von der Sängerin, nicht von der Dame aus dem Himmel. Die deutschen Musikzeitschriften bekam man auf dem Markt, sie enthielten Sticker und Doppelposter mit den Idolen. Das waren die goldenen Zeiten minimalen Retuschierens, beim Anblick des unscharfen Rasters hatte man das Gefühl, es mit einem lebendigen Menschen zu tun zu haben. Man kaufte diese Zeitschriften aus zweiter und dritter Hand und bettelte Bekannte an, sie mögen doch von ihren Reisen irgendwelche bunten Blätter mitbringen. Danach war das ganze Zimmer vollgeklebt mit den Jungs von New Kids On the Block.
Sehr wichtig waren auch die Kataloge. Die Typen schnitten die Models aus, die Unterwäsche und BHs präsentierten. Zum Beispiel lauter Popos, die in alle Himmelsrichtungen gestreckt wurden. Spitze, Ansätze von Stringtangas, Strumpfhalter mit Schleifchen. Später wurden sie ausgeschnitten und auf die Innenseiten der Spinde in der Fabrik oder auf Kellertüren geklebt. Warum sahen unsere polnischen Frauen nicht wie die Models in den Katalogen aus? Warum mussten sie sich in den „Zentrum-Warenhäusern“ um die graubraunen Pagenschlüpfer prügeln? Hatten sie vielleicht schlechtere Körper, hatten sie etwa diese luftigen Rüschen, diese Morgenröckchen und pelzgefütterten Umhänge nicht verdient? Armes diskriminiertes Polen. 1989 war jedoch ein unglaublicher Boom im Pornobusiness zu beobachten. Magazine en masse, die ersten Sex-Shops in Geschäftspavillons, die man von der Rückseite betrat – mit einem Wort Freiheit. Und man weiß ja, dass erotische Ausschweifung und Revolution eng miteinander verknüpft sind. Alle Zeichen standen auf Wandel.
Sylwia fand die Unterwäsche im Quelle-Katalog jedoch unerträglich, in all dem lag etwas Ekelerregendes. Sie riss also aus der Bravo oder der Popcorn Poster aus und hängte sie auf. Einmal brachte ein Klassenkamerad aus der Grundschule ein anderes Poster mit: ein Plakat mit einem Cowboy. Wahlen sollten stattfinden, weshalb das abendliche Kinderprogramm eine Zeit lang kürzer ausfiel, da sie andauernd über den Runden Tisch sprachen. Eines Abends tanzte während der Hauptnachrichtensendung ein Mädchen in einem Kleid à la Cyndi Lauper auf dem Wohnzimmerteppich im Kreis und sang dazu: „Runder Tisch, sagen sie immer wieder, ich hab genug davon, hört schon auf“ zur Melodie von „Like a virgin“. Und obwohl sie die Erregtheit angesichts der heraufziehenden Veränderungen mochte, hatte sie große Angst, dass man nach den Wahlen keine Pakete mehr mit Süßigkeiten verteilen würde.
Während die Menschen in Polen Stimmzettel in die Wahlurnen warfen, massakrierte die chinesische Armee die Demonstranten auf dem Platz des himmlischen Friedens. Die Berichte in den Medien dürften nicht allzu freimütig gewesen sein. Das war die Zeit, in der man die Zensur testete, alte Gewohnheiten zu durchbrechen versuchte und den neuen Blick auf die Demokratie – man tat als gäbe es eine – probte, deren Atem man schon im Rücken spürte und deren Schritte näher kamen. Nach den Sommerferien stürzte die Mauer in Berlin ein, vor der Sylwia auf einem Ausflug mal ein Foto von sich gemacht hatte. Nur dass sie jetzt schon in die vierte Klasse ging und furchtbar viel in Mathe aufbekam. Sie hatte nicht einmal Zeit, vor dem Fernseher zu tanzen und die Menge zu beobachten, die auf den Trümmern stand und Sekt verspritzte. Pah, wir hatten nach dem Krieg auch solche Trümmer. Aber niemand hat sie zum Andenken aufbewahrt oder versteigert.
In der Zwischenzeit erschien die erste Nummer der „Wahlzeitung“, eine Streikwelle rollte durch das Land. Im Trubel der Ereignisse ging die Information unter, dass die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren Polen besuchte, weil ihr die Universität Warschau die Ehrendoktorwürde verleihen wollte. Schließlich sind die Bücher von Astrid Lindgren der Hit. Das müsste eigentlich die Information Nummer eins sein, die uns sofort einfällt, wenn wir an das Jahr 1989 denken! Pippi, Michel und viele andere ihrer Helden sind bis heute Inspiration zum Ungezogensein.
Sylwia spielte „Wir Kinder aus Bullerbü“ und versuchte, zwischen ihrem Balkon und dem Fenster der im gleichen Plattenbau wohnenden Freundin ein Verbindungsseil zu ziehen. In das am Seil befestigte Körbchen oder Schächtelchen hätte man supergeheime, in einem ausgedachten Code verfasste Nachrichten hineinlegen können. Leider stellte sich heraus, dass die Freundin zu weit entfernt wohnte, und es unmöglich war, eine Schnur zu spannen. Im Plattenbau in Bielany gab es damals noch kein Telefon, also blieb einem nichts anderes übrig, als in den Hof hinunterzugehen.
Auf dem Hof trieb ein Perverser sein Unwesen. Niemand hatte ihn gesehen, niemand hatte ihn auf frischer Tat ertappt, aber man flüsterte, dass er in den Büschen lauere und sobald er eine Frau sehe die Hosen herunterlasse. Angeblich hatte er im benachbarten Treppenhaus eine Frau überfallen. Er hatte plötzlich den Fahrstuhl angehalten und sie begrapscht. Unklar ist, was weiter war, aber das Gerücht machte unter den Müttern die Runde: gebt acht auf eure Mädchen! Und wenn man rausging, musste man immer in Mutters Sichtweite bleiben, die einen aus dem Fenster beobachtete. Und wenn es dunkel wurde, nichts wie nach Hause.
Einbruch der Dunkelheit, Nacht, Nebel – poetische Bezeichnungen für die Zeit des Kommunismus. In dieser Zeit entstand auch das Album der Gruppe Manaam „Es dunkelt“, dessen Titelsong das Ende des Systems made in USSR verkündete. Natürlich, der Text war poetisch, die Band gehörte nicht zu den politisch engagierten. Dennoch lief den Menschen ein Schauer über den Rücken, wenn die Sängerin Kora ins Mikrofon brüllte:
Du stehst so still da
Ich weiß es, ohne hinzusehen
Du gehst fort, ich spüre es
Aber ich weine nicht
Bei Sylwia suchten vor allem die Schulliebschaften das Weite. Zuerst M.S., dann A.H. und der geheimnisvolle Paweł, der, wenn nicht alles täuscht, aus der Siedlung war. Jeder Tagebucheintrag informierte lakonisch, in wen man gerade verliebt war und konzentrierte sich ansonsten eher auf die Freundinnen. Dass die eine nicht auf dem Gang spazieren wollte (wobei man sich unterhakte und einander Geheimnisse ins Ohr flüsterte), eine andere wiederum die Liebste sei, weil sie das schönste Spielzeug habe.
Eine dieser Mädchen wohnte im alten Żoliborz. Sie hatte ein Kindermädchen, ihre Eltern hatten viele Bücher auf Regalen aus dem neunzehnten Jahrhundert. In einem Einfamilienhaus wohnen, statt in einem Block mit Schaben und einem knarzenden Fahrstuhl, das war was. Der Klassenkampf dauerte an, nur dass man zur Abwechslung Solidarność-Anstecker tauschte. Und was bedeutet Solidarność – Solidarität? Das wird uns ein zehnjähriges Mädchen wohl nicht erklären können.
Wenn jemand abschreibt und man ihn nicht bei der Lehrerin verpetzt, vielleicht ist das Solidarität. Oder wenn jemand in der Pause einen Blumentopf umwirft und die ganze Klasse nachsitzt. Ich weiß nicht, ob es den Gründern der Solidarność-Bewegung darum gegangen war, aber selbst wenn nicht, ist die Schülerinterpretation sicherlich für etwas gut.
Als es dann ernst wurde, spielte die Schauspielerin Joanna Szczepkowska in der Hauptnachrichtensendung die Rolle ihres Lebens – aber das haben alle schon vergessen.
Diejenigen, die gekämpft hatten, verstreuten sich über den Sejm oder fanden in Werbeagenturen eine neue Heimat. Diejenigen, die aufgehört hatten zu regieren, bekehrten sich in großer Zahl und fälschten ihre Vergangenheit. Die Mädchen wuchsen zweimal auf, und ihr Erwachsensein begannen sie bereits zur Hochzeit des Kapitalismus. Dank dessen wussten sie, wie es ist, arbeitslos zu sein, wie sich der freie Markt der modebewussten Business-Jungwölfe anfühlt und wie man auf die eigenen Wünsche zugunsten eines Bankkredits verzichtet.
Aber das wiederum ist eine andere, verbotene Geschichte. Denn es würde unsere Eltern traurig machen, zu erfahren, dass es nicht um ein solches Polen gegangen war.
Andreas Volk, geboren 1971, lebt in Warschau
Übersetzer aus dem Polnischen
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)











