Radka Denemarková (Tschechien) – Mein 1989

Junger Mann 1989 oder Ich helfe der Revolution durch persönliches Bohnern des Parketts

Am unerbittlichsten sind die Mauern und Käfige, die wir selbst um uns errichten. Herbst 1989, eine junge Frau. Das äußere Geschehen filtert sie durch ihre einundzwanzig Jahre. Nein. Es ist ein Junger Mann. Er studiert in Prag an der Karls-Universität, Literatur und Sprachen. Nein. Er studiert Theaterregie. An der DAMU, der Theaterakademie der Musischen Künste. Er wirbelt in Depressionen, so viele Hoffnungen, aber er wirbelt in Depressionen, die eigene Geschichte und die große finden nicht zueinander, er leidet an Schlaflosigkeit, projiziert die Schatten seiner inneren Verdunkelung an die Wand, denkt sich eine „Stimme“ hinzu, die sein „fortschreitender Blues“ in ihm generiert, eine Stimme, die sich in den kafkaesken Dramatisierungen so sehr bewährt und die er in seinen Inszenierungen haben will. Ein Klang, der das Gewissen vibrieren lässt. Die verbotene Sängerin Marta Kubišová. Als man ihre öffentlichen Auftritte definitiv unterband, war der Junge Mann fünf. Auch Karel Gott hatte er verehrt und Helena Vondráčková. Die hatte ´69 auf die Frage Was hat Sie in diesem Jahr am meisten beeindruckt? gesagt: „Dass es in der heutigen Zeit zu so unglaublichen Ereignissen kommen muss wie im Januar bei uns, als wir Zeugen der tragischen Tat des Studenten Jan Palach wurden.“ Ein Jahr später wird sie die Aufmerksamkeit von dieser Tat schon abzulenken versuchen. Nein, so hatte der Junge Mann nie gedacht.
Doch Konfuzius hat Recht. Wenn der Feind im Land ist, wird der Vornehme keine Karriere machen.
Der Junge Mann ist ungeduldig, in alles investiert er seine ganze Energie. Was ihn deprimiert, ist das „laienhafte“ Ergebnis. Nie weißt du, wann Du an einer Kathedrale baust oder nur einen Irrtum verfeinerst. Der Weg ist wichtig, nicht das Ziel.
Er hört nicht und hört nicht zu.
Er bohnert das Parkett.

Die Stimme des Volkes: Alle Theater streiken, nur das ÚV KSČ spielt

Am 27.10.1989 wird der Dramatiker Václav Havel ein letztes Mal verhaftet. Er weiß nicht, ob für zwei Tage oder zwei Jahre. Am 10.12.1989 schlägt der Schauspieler Jirí Bartoška Havel im Namen des Bürgerforums für das Amt des Präsidenten der Republik vor. Das Parlament – vom alten Regime ererbt – wird ihn 19 Tage später einstimmig (!) in dieses Amt wählen. Zwei Monate danach hält der Präsident eine Rede vor dem Kongress in den USA.

Noch ist November. Nach dem Eingreifen der Ordnungstruppen gegen die Studenten auf der Národní třída [Nationalstraße] am 17.11.1989, dem anschließenden Aufruf zum Streik und der Gründung des Bürgerforums ist noch immer nicht klar, ob die Herrschaft der einen Partei tatsächlich enden wird. Die Armee ist mobilisiert, der Generalsekretär des Zentralkomitees der KSČ Milouš Jakeš appelliert an 5000 Milizionäre, den Sozialismus im eigenen Land zu verteidigen. Moskau schweigt, zum Glück. Die Kommunistische Partei, von innen paralysiert, ist zu selbstständigem Handeln nicht fähig. Schon gar nicht unter Jakeš und dann Karel Urbánek. Die Hochschulen streiken, kleine Delegationen fahren aufs Land, meist bestehen sie aus drei Leuten: ein Student, ein Schauspieler, ein erfahrener „Führer“. Am 26.11.1989, am Tag vor dem Generalstreik, als viele sich schon die Desinformation zunutze machen, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, organisieren die Studenten der DAMU das Happening „Stopp der Gewalt“. Am Nachmittag ebenjenes Sonntags zieht eine Demonstration zum Letná-Plateau hinauf, eine dreiviertel Million Menschen. Ganz Prag erinnert sich an dieses Mega-Happening. Drei Tage zuvor hatte auf dem Wenzelsplatz eine Demonstration stattgefunden. Mit Transparenten Nur nach Futtertrögen gieren heißt Autorität verlieren . Eng umschlungen sangen die beiden Karels die Hymne: der unversöhnliche Emigrant Karel Kryl und die Ikone der Normalisierung, Karel Gott, Alexandr Dubček sprach, Marta Kubišová kehrte vors Publikum zurück mit ihrer Revolutionshymne Was dich betrifft, wird alles wieder dein , Charta-Leute, Mitarbeiter der Staatssicherheit und plötzlich ergriffene Parteilose – sie alle rasselten mit Schlüsselbünden. Jeder war einer der Splitter, die zusammen die Gestalt des tschechischen Volkes ergaben. Am 24.11. tritt die Führung des Zentralkomitees der KSČ zurück. Die Machtposten werden verteilt, regieren lehrt Marián Čalfa: er vermittelt seine Erfahrungen als Parteikader an die Dissidenten.
An jenen Novembertagen fällt Schnee, es friert, die Hoffnung wärmt. Irgendwo in diesem Szenarium tritt der Junge Mann von einem Fuß auf den anderen und haucht seine Handflächen an. Auch er beseitigt Jahre alten Schmutz: Am 17. November habe ich Marta Kubišová besucht, ich habe ihr die Lieder gebracht. Sie fragte mich, ob ich am Nachmittag nach Albertov komme, ich wusste von nichts, sie sagte, sie werde dort die Hymne singen, was gab es da noch lang zu überlegen. Als ich am Abend nach dem Aufruhr nach Hause kam, wäre mir nicht im Traum eingefallen, was alles noch geschehen wird. Ich war Putzkraft im Museum für Mittelalterliche Malerei, und weil ich in den letzten Tagen viel geschwänzt hatte, wollte ich meinen Vorgesetzten eine Überraschung bereiten: am Samstag, dem achtzehnten, habe ich die Treppen gewischt. Um alle meine Absenzen wettzumachen, hatte ich mir verschiedene Säuren besorgt; damit wollte ich all den langjährigen Schmutz auf den Treppen beseitigen. Am Montagmorgen bekam ich an der DAMU, die langsam zu revolutionärem Gären erwachte, den Auftrag, eine Staatsflagge zu organisieren. Ich machte mich auf den Weg in die Galerie. Schon an der Pforte rief man mir zu: „Gehen Sie da nicht hinein!“ Ich kam als Bote der Revolution, aber hinter der Ecke, an der Treppe unten, begriff ich: Der Marmor war von meinen Samstagssäuren völlig zerfressen. Seine Struktur erinnerte an Polystyren. Im Büro des Direktors bekam ich eine Standpauke verabreicht, zunächst wegen der Treppe, und dann, weil wir Studenten das ganze Land auf diese Art verwüsten wollen. Die Flagge haben sie mir aber geliehen.
An der DAMU blieb man während der Revolution auch zum Schlafen. Nicht dass man gerade viel geschlafen hätte, aber die Tatsache, dass man hier nicht nur kämpfte, sondern auch schlief, halte ich für sehr wesentlich. Es muss zwar nicht jeden Tag sein, aber trotzdem empfehle ich allen Theaterleuten, dass sie imstande sein sollten, in ihren Theatern zu übernachten. Diese Theorie fand ich vor kurzem in einem Artikel bestätigt. Die Leiterin einer christlichen Grundschule in Iglau lässt ihre Abc-Schützen eine Nacht gemeinsam im Klassenzimmer schlafen – das ist Teil des Lehrprogramms –, so lernen sie ihre Schule lieben. Mein erster revolutionärer Auftrag war die Regie des Happenings auf dem Letná-Plateau, dort, wo früher das Stalin-Denkmal stand. Ich fuhr mit einem Lastwagen die Requisitenkammern der Theater ab und brachte den Bühnenkram hoch in den Park. Auf der Ladefläche kauerten zwei Studenten aus dem ersten Jahrgang und reichten mir die Hand. Die Studenten der DAMU hatten bei der ersten Demonstration auf dem Wenzelsplatz Regie geführt. Ich eilte in die Abteilung für Kanalisation, um Marta Kubišová abzuholen. Hand in Hand rannten wir zum Melantrich-Haus. Frau Kubišová stellte nur eine Bedingung: dass sie nach ihrem Auftritt gleich los könne, um ihre Tochter aus der Tagesstätte zu holen. Das ließ sich machen.

Die Stimme des Volkes: Wer, wenn nicht wir. Wann, wenn nicht jetzt.

Ein kühler Wind reißt die handgemalten Plakate und Transparente von Mauern und Vitrinen. Mit Havels Wahrheit und Liebe werden siegen über Lüge und Hass. Jeder versucht, sich seinen Teil zu sichern. Der Junge Mann will unbedingt ein eigenes Theater. Die Leute können reisen. Wien öffnet sich seinen Nachbarn. Der Eintritt in Museen und historische Denkmäler ist in jenen Tagen frei. Nebenbei gesagt, sie gähnen trotzdem vor Leere, die tschechischen und slowakische Augen weiden eher in den übervollen Geschäften, in den Markthallen mit dem säuberlich aufgereihten Obst und Gemüse. Führer lotsen Gruppen durch Kaufhäuser, die Metzger werden gefragt, womit sie die Ferkel füttern, denn das Fleisch habe eine so schöne Farbe. Die Zeit der Kaffeemaschinen bricht an, der Coca Cola-Sorten, der Wasserkocher, Friteusen. Jeder kauft. Wenigstens eine Kleinigkeit. Obwohl der Kurs unverhältnismäßig ist, schließt der Junge Mann sich an: In Wien habe ich mehrmals auf die Tafel geschaut, auf der Wien stand, um mich zu vergewissern, dass ich wirklich in Wien bin, denn Österreicher habe ich dort praktisch keine getroffen. Aus Wien habe ich mir eine Kaffeemaschine mitgebracht, jetzt eine Art Dauerverzierung unserer Villa. Wir trinken – nur so interessehalber – ungefähr 50 Tassen Kaffee am Tag. Mit Marta Kubišová treffe ich mich ab und zu auch in diesen unruhigen Tagen – eine besondere Freundschaft. Kennen gelernt haben wir uns, als sie noch im Büro saß und Kanalgebühren in die Maschine tippte, und auf einmal ist sie eine Sängerin, die nach ihren amtlichen Abrechnungen am Abend noch in vier Theatern hintereinander singt.

Die Stimme des Volkes: Altneue Macht, das Volk ist längst erwacht

Marta Kubišová wird zu einem Nationalsymbol, sie wäscht die Sünden anderer hinweg. Die haben vergessen, wie sie ihr Gefiepe erstickt haben, Kafkas Mitmäuse haben vergessen. Für die Kleinbürger war sie stets eine Provokation – das hat sie mit dem Jungen Mann gemeinsam: Noch im März 1970, in der Lucerna, konnte man sehen und hören, dass sie eine Sängerin von internationalem Format ist. Aber das Husák-Regime hat sie in ihrer Blütezeit abserviert. Nicht weil sie die beste Sängerin war oder die populärste Revolutionärin, sondern weil sie vor allem den Ehefrauen der Funktionäre auf die Nerven fiel. Von Anfang an. Für die war sie eine Schlampe aus der Gosse, ihr Äußeres ärgerte sie, die Art, wie sie sang. Das haben die nicht geschluckt und haben es ihr ordentlich reingewürgt. Reingewürgt. Anders lässt sich das nicht sagen. Dass sie dann die Charta unterzeichnet hat, das ist eine andere Sache.


Der Junge Mann: Mein Gott, bin ich glücklich

Der Junge Mann gibt sich keinen Illusionen hin. Er bewahrt seinen eigenen Sinn für Humor, die Distanz zu den äußeren Dingen – sofern sie nicht unmittelbar seine Person betreffen. Oder seine Arbeit. Dann verfällt er der Euphorie. Und die beengte Wohnung in Prag Břevnov nennt er Villa: Im Radio bringen sie gerade, dass Havel heute um 17.00 zu einem Gespräch mit Studenten ins Wohnheim Albertov kommt, aber es ist schon 15.00, und ich bin gerade erst nach Hause gekommen, ich werde nirgends mehr hingehen. Ich helfe der Revolution durch persönliches Bohnern des Parketts im Empfangssalon meiner Villa in Břevnov.
In der Galerie Mánes findet im Dezember 1989 eine Ausstellung von Fotografien zum Thema Revolution statt. Auf einer davon ist… ja, in der Tat, das ist er… der Junge Mann mit Václav Havel: Ich habe den Fotografen gebeten, dass er mir auch einen Abzug macht. Das wird schön sein, wenn ich es später einmal meinen Kindern zeigen und sagen kann, schaut mal, Kinder, das hier war unser Präsident.
Am 16.12. 1989 nimmt Havel die Präsidentschaftskandidatur an. Als bedeutender Politologe hat sich der Junge Mann nicht erwiesen, warum auch. Er ist in gefährliche Theaterbekanntschaften verstrickt: A propos – wählt Havel! Dubček ist zwar besser, aber jetzt brauchen wir einen Präsidenten für nur ein paar Monate, und dann wählen wir einen richtigen für fünf Jahre. Ich, als Theatermann, unterstütze entschieden die Kandidatur eines Theatermanns. Und damit mich die Politik nicht erledigt, gehe ich das Parkett bohnern. Am Abend gehe ich ins Blaník, Forman wird kommen, zur Vorpremiere seines neuen Films Valmont – das muss ich mir durch Bohnern verdienen.
In der zweiten Dezemberhälfte, nach einer Herbstdepression, erfasst den Jungen Mann eine manische Phase. Er kocht über vor Energie, brodelt vor Ideen, er braucht keinen Schlaf, er badet in Glücksgefühlen, in einer Liebe zur ganzen Welt, zu allen Menschen, er schleudert nur so um sich mit Briefen. Die vorübergehende Hochspannung wird durch das, was ringsum geschieht, noch gesteigert, der Junge Mann berauscht sich an der Vorstellung einer zukünftigen freien Theaterarbeit: Mein Gott, wie glücklich ich bin. Ich habe mir immer gedacht, dass der Mensch seine Träume nur auf der Bühne verwirklichen kann, aber jetzt gucke ich und sehe, es geht auch außerhalb des Theaters, ich weiß schon gar nicht mehr, wo man im Satz die Kommas schreibt, auch das Parkett bohnere ich ganz anders, nicht so, als müsste ich, sondern so, als wollte ich, als wäre ich womöglich über all das schrecklich froh, als würde ich mich freier fühlen und als wäre die Freiheit, von der man bisher immer nur lesen konnte, wenn sie so aussieht, wie sie aussieht, eine sehr schöne Sache; das, mit Verlaub, muss ich sagen, dass sie mir unglaublich schmeckt, diese Freiheit.

Die Stimme des Volkes: Havel auf die Burg!

Wie die Macht schmeckt und wie die Freiheit schmeckt. Zu Beginn des Jahres 1990 schreibt der Junge Mann in seiner Villa in Břevnov einen Brief an den Vater. Er ist vor zwei Jahren gestorben. Seinem Geburtstag zu Ehren legt der Junge Mann eine Platte mit Werken von Eric Satie auf, er öffnet das Fenster und tippt auf der Maschine die ersten Wörter. Einen Bericht über die frisch gewonnene Freiheit, nachgeschickt ins Grab: Die Freiheit schmeckt den Menschen. Dir würde sie auch schmecken. Sie würde Deine verständliche Verbitterung heilen, die trotz allem so liebenswert war. Sie würde dein krankes Herz heilen, das sicher auch ich verletzt habe, ich, dein Sohn. Werde ich je vergessen? Vater. Havel ist Präsident. Ich sehe, wie Du lachst. Er ist ein Präsident mit Noblesse -- und diese Noblesse, die erinnert mich an Dich. Sie hat etwas von jenen Jahren, als eure Generation voll Kraft war, voll Unternehmungslust, und für eure Selbstverwirklichung so absurd gar keine Voraussetzungen bestanden. Einmal hast Du zu mir gesagt, dass wir nur eine einzige wirklich populäre Sängerin hätten: Marta Kubišová. Vater, ich habe sie kennen gelernt, sie singt in meinem neuen Stück. Sie würde Dir wahrscheinlich gefallen, es würde Dich freuen. Ich kann das alles noch immer nicht glauben. Ich wollte dich bitten, weil ich weiß und glaube, dass du mich siehst –, dass Du es noch ein bisschen aushältst mit mir. Verzeih mir mein schreckliches Benehmen, verzeih, dass ich die Mutter quäle, genau wie Dich, dass ich unfähig bin und böse, dass ich selbst nicht verzeihen kann…

Der Junge Mann: Verzeih mir mein schreckliches Benehmen…

Seine genetische Veranlagung und seinen Charakter legt der Junge Mann mit dem Wechsel des politischen Regimes nicht ab wie eine alte Jacke. Neurotiker sind im Grunde gegen ihren eigenen Willen sehr egoistische Menschen. Das Entsetzliche ist, dass sie sich dessen bewusst sind. Und selbst können sie daran kaum etwas ändern. Der Junge Mann bewegt sich in einem Milieu, in dem das Gesamtresultat von vielen abhängt. Er muss dem Druck der Konflikte standhalten, die auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiterschwelen – nicht zuletzt weil auch er nie zu einem klaren Ja oder Nein imstande ist. Nährboden für die Depression. Heulen, dass einem das Wasser in die Schuhe läuft, dabei könnte man sich doch neue kaufen. Was tun mit der genetischen Veranlagung, mit der eigenen Psyche? Er laviert zwischen dem Anspruch, der Vorstellung von einem anständigen Benehmen zu entsprechen, und dem Zwang, das Konventionelle zu verlachen. Zwischen Selbsterniedrigung und der todernsten Sehnsucht nach Erfolg. Er erstickt an Schuldgefühlen gegenüber dem Vater. Biologische Väter, und Väter, die erziehen. Die reinigende Kraft der Freiheit schenkt dem Jungen Mann das Theater, vielleicht. Nicht die Veränderung der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Das Theater. Hier kann er sich die erträumte Wirklichkeit erschaffen. Aber was weiß ich.
Niemand weiß. Nur eines weiß ich sicher: dass Havel im Moment Präsident ist. Freiheit des Wortes, Theaterleute, freie Wahlen, Theaterleute, Marktwirtschaft, Theaterleute, eigene Außenpolitik. Eine Verdichtung von Theater. Spektakel. Havel wiederholt eine wichtige Sache: „Wir sind noch immer nicht imstande, die Moral über die Politik, die Wissenschaft und die Wirtschaft zu stellen. Wir sind noch immer nicht imstande zu begreifen, dass das Rückgrat all unseres Handelns, wenn es moralisch sein soll, einzig und allein die Verantwortung ist. Die Verantwortung gegenüber etwas Höherem… die Verantwortung gegenüber der Ordnung des Seins, in die sich all unser Tun unauslöschlich einschreibt, um erst später gerecht beurteilt zu werden. Der Vermittler zwischen uns und dieser Autorität ist das, was man traditionell das menschliche Gewissen nennt.“
Dem Jungen Mann verbietet nach 1989 keiner mehr das Theatermachen. Er stolpert über sich selbst. Am unerbittlichsten sind die Mauern und Käfige, die wir selbst um uns errichten. Eine verhinderte Generation bekommt ihre Chancen. Der Junge Mann hat ein Recht auf sein Theater. Warum auch sollte er warten. Wir wissen nie, wie viel Zeit uns noch bleibt. Und die anderen interessieren sich nicht für uns. Solange wir sie nicht dazu zwingen. Die neunziger Jahre. In der Regie von Theaterleuten. Sie wollten „irgendwie“ auf die achtziger reagieren. Anders. Und sind ins Schwitzen gekommen. Die Kunst braucht Freiheit. Und Fördermittel. Es werden keine regelmäßigen Rationen mehr zugeteilt. Die angebrochene Freiheit führt zu Verlegenheiten.
Der Junge Mann geht hinaus. Er hat das Parkett zu Ende gebohnert. Er geht hinaus in die Welt, in der alle denken, das Leben sei ein Wettbewerb. Das Leben ist kein Wettbewerb. Wieder eine depressive Attacke. Ja. Am unerbittlichsten sind die Mauern und Käfige, die wir selbst um uns errichten.

Übersetzung: Kristina Kallert