Petra Hůlová (Tschechien) – Mein 1989

Die große schwarze Blase

Daran wirst Du Dich erinnern, sagte die Mutter.
Sie hielt mich an der Hand, um uns herum brannten Kerzen, und Menschen drückten sich dicht an dicht. Es waren Tausende, die auf dem Prager Wenzelsplatz von einem Fuß auf den anderen traten, rings in den Fenstern der Wohnungen, auf den Balkons der Büros standen weitere, die mit der besten Aussicht auf die Tribüne.
Die Mutter sollte nicht Recht behalten.
Ich erinnere mich vor allem an ihren unbarmherzigen Griff. An ihre schweißige Hand, die die meine presst, an die sich drängenden Jacken und Mäntel, die mich in den Wogen der Menge ersticken. Zwischen Pelz und Parkas suchte ich nach einem Spalt zum Durchgucken. Mein Atem ging hastig und kondensierte in kleinen Wölkchen, die sich mit dem Qualm der Zigaretten vermischten. Wovor ich die größte Angst hatte, war, dass ich und die Mutter uns im Gedränge verlieren könnten.
Von den Rednern bekam ich keinen zu sehen, dafür strampelte ich zu weit unten herum. Ihre Namen hätten mir sowieso nichts gesagt, ihre Ansprachen nur wenig mehr, und dennoch – die Euphorie, die in der Luft lag, mussten auch die Prager Katzen und Hunde wittern, die Ratten in den Kanälen. Eine Luft, die bebte, fieberte, wie die Schultern eines Rennpferds in der Startbox.
Die Welle der Begeisterung trägt auch den mit sich fort, der keine Ansichten hat, kein politisches Bewusstsein und nicht einmal einen Grundschulabschluss. Also auch mich. Der Puls der Stadt schlug wie vor einem Infarkt, eine unklare Ahnung von Veränderung, und immer wieder schnappte ich von den Erwachsenen auf, dass es jetzt womöglich um alles gehe.

Mich persönlich interessierten an der Revolution am meisten die Kerzen. Zuhause durfte man nicht mit Feuer spielen und nun auf einmal taten es alle. Die Kerzen wurden zu Kreisen gereiht, mitten auf dem Platz, überall. Auf den Randsteinen, vor den Denkmälern, und ich entzündete eine an der anderen, denn brennen sollten auch die, die der Wind gerade gelöscht hatte, und ich netzte mir in dem schmelzenden Wachs die Spitzen aller meiner zehn Finger. Ab und zu, wenn ich mich verbrannte, zischte ich durch die Zähne; auch dieser Schmerz gefiel mir. Er gehörte zu dem erahnten Heldentum des Augenblicks. Zu all der geschichtlichen Bedeutsamkeit, in der auch ich meine Funktion hatte. Jede Kerze sollte brennen, und ich war diejenige, die dafür Sorge zu tragen hatte.
Die haben Mützchen auf, schau mal, und ich hielt der Mutter, die ihren Hals lang machte, um wenigstens ein bisschen von dem da vorne zu sehen, meine mit Wachs überzogenen Finger hin. Sie nickte nur abwesend und wandte ihr begeistertes Gesicht gleich wieder zur Tribüne.
Brenn dir bloß die Jacke nicht an, sagte sie noch.
Die große schwarze Blase von verbackenem Stoff an der Tasche meines hellblauen Anoraks trat schon nach wenigen Tagen groß in Erscheinung.
Als die Revolution vorbei war, kam viel Besuch. Man machte erleichterte Scherze über die gerade zu Ende gegangene Zeit, die Mutter spornte mich an, „das“ zu zeigen und ich rannte gehorsam zur Garderobe. Ich wusste, jetzt würde man gemeinschaftlich die schwarze Verklumpung begutachten, der Beweis würde geliefert: auch wir zwei waren dabei.
Ich drückte mich an die Mutter, stolz auf uns beide, stolz auch ein bisschen auf mich selbst. In der Schule wurde das Ganze auch wiedergekäut, und ich gab stets aufs Neue die Geschichte zum Besten, wie der Kinderwagen meines Bruders eine Portion Tränengas abbekam. Die Mutter schlängelte und drängelte sich sofort aus der Menge und beschimpfte die Kommunisten dabei nach allen Seiten hin als Verbrecher.
Die eigentliche Logik der Dinge lag unter einem Schleier, den ich nicht lüften konnte. Wie eigentlich fragt man richtig? Und wonach?

Wie sich mein kleiner Kopf die Ereignisse damals zusammenreimte, kann ich heute nur noch mit Mühe und Not rekonstruieren. Vor allem war es für mich ein Abenteuer. Ein Abenteuer, das noch einige Zeit nichts von all dem in Zweifel zog, was unser Leben bis dahin ausgemacht hatte und das für mich nichts grundsätzlich veränderte. In der Schule war Russisch kein Pflichtfach mehr, ich ging also in den Wahlunterricht, und wir fuhren ein erstes Mal in den Westen. In Österreich kaufte der Vater mir einen Ball, aber ich war mir sehr wohl bewusst, dass uns die Einheimischen dort nicht gern bei sich sahen. Eine unklare und dennoch deutlich brennende Scham setzte sich in mir fest – dafür, dass wir Tschechen sind. Ich und meine ganze Familie.

Das, was ich in den Novemberwochen fühlte, war Begeisterung und Verwirrung. Dann Begeisterung und eine schwer zu definierenden Scham. Damit zusammen hingen auch einige bedrückende Momente zu Hause. Der Vater war böse auf die Mutter, weil sie auf einer der ersten Demonstrationen irgendetwas unterschrieben hatte; wenn daraus jetzt Probleme entstünden und dass sie schön blöd gewesen sei, und das dachten auch der Großvater und die Großmutter. Die Mutter musste im Wohnzimmer Rede und Antwort stehen. Der Mangel an Courage bei den anderen verblüffte mich. Denn auf dem Platz hatten das alle unterschrieben, ich war ja dabei gewesen. Die Mutter hatte wegen der Unterschrift sogar lange angestanden. Was so viele Leute machen, kann gar nichts Schlechtes sein, hatte ich damals gedacht. Dass im Kommunismus genau das Gegenteil der Wahrheit entsprach, hätte mich sicher in Angst und Schrecken versetzt. Oder auch nicht. Weil für Kinder das Wichtigste die Eltern sind, und die sind über alle Zweifel erhaben. Und auch wenn ich alles ganz genau verstanden hätte, – der Umstand, dass meine Eltern in die Grauzone der Kompromissler gehörten, wäre mir zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus gegangen.

Es dauert viele Jahre, bis ich mich in Westeuropa nicht mehr dafür schämte, woher ich kam, obwohl ich seit der Pubertät viel gereist bin und auch passabel Englisch spreche. Die ökonomische und kulturelle Zurückgebliebenheit begreift man rasch, später wird man sich dann bewusst, dass in Tschechien der Stolz auf das eigene Land weder in der Familie tradiert noch in der Schule vermittelt wird, man zeigt ihn ganz einfach nicht. Und daher habe ich im westlichen Europa, obwohl ich zu der von der Vergangenheit nicht belasteten jungen Generation gehöre, bis vor nicht allzu langer Zeit unter einem Minderwertigkeitskomplex gelitten, und ganz vorbei ist das noch immer nicht. Freilich weiß ich jetzt, dass es keinen Grund dafür gibt. Franzosen, Belgier und Schweizer sind wiederum auf ihre Art lächerlich, nur dass sie sich dessen wohl gegenseitig nicht so sehr versichern.
Wie aber fertig werden mit der Scham für das regimetreue Verhalten meiner eigenen Familie? Das hat mir bis heute noch keiner verraten. Dabei müssen Tausende meiner Generation mit etwas Ähnlichem ins Reine kommen. Oder nicht? Eigentlich weiß ich es gar nicht so genau. Es mag komisch klingen, aber wir sprechen untereinander nicht darüber.

Wäre ich ein paar Jahre älter, dann wäre die Revolution mit meinem Erwachsenwerden zusammengefallen. Ziemlich wahrscheinlich, dass ich in einer Clique auf den Demonstrationen gewesen wäre, wir hätten die Kommunisten mit gemeinen Schimpfwörtern bedacht und Havel auf die Burg gerufen, die ersten Zigaretten wären rundgegangen, die Wahrheit wäre berauschend gewesen wie die Schlucke aus einer Flasche Frankovka. Die Revolution hätte meine Sache sein können. Aber sie ist es nicht.
Die Revolution haben die Erwachsenen gemacht, ich habe mich um die Kerzen gekümmert und nichts kapiert. Mich fröstelt bei dem Gedanken, dass ich mich ebenso gewissenhaft und enthusiastisch bei irgendeinem kommunistischem Karneval um die Kerzen gekümmert hätte, bei einem Umzug zu einem Leninjubiläum, womöglich sogar bei einer Party anlässlich der Hinrichtung von Unglücklichen, über die man in fingierten Prozessen das Urteil gesprochen hatte. Womöglich ja. Wenn es mir entsprechend erklärt worden wäre, wenn man es zu Hause irgendwie für richtig gehalten hätte. Zehn Kinderjahre sind aber doch schon mehr als nur fünf oder sieben, und ich erinnere mich an meine Verwirrung. Warum auf einmal die skandierten Rufe nach Freiheit, wo wir doch schon eine Freiheit hatten? Mir wäre damals nichts eingefallen, was mir verwehrt gewesen wäre, außer den Abendfilmen für Erwachsene oder den Bonbons nach dem Zähneputzen.

In der überschwänglichen revolutionären Begeisterung meiner Mutter ahnte ich einen unausgesprochenen Verrat. Den, dass sie mir nie gesagt hatte, dass früher mit uns etwas nicht in Ordnung gewesen war. Dass die anderen in der Familie den November bei weitem nicht so enthusiastisch begrüßten, tat mir einerseits Leid, weil es doch allem Anschein nach um eine gute Sache ging, andererseits verstand ich sie eher als die Mutter. Schließlich fehlte uns nichts, warum dann auf einmal so viel Aufhebens und Freudenausbrüche wegen irgendwelcher Veränderungen?

Der Reigen euphorischer menschlicher Körper, der mich an Silvester 89 über den Prager Wenzelsplatz zerrte, hätte mir fast die Arme vom Leib gerissen. Klirrende Kälte, und keiner hat mir etwas erklärt, auch nicht in den Wochen und Monaten danach. Mein Fehler, denn ich habe nicht gefragt.

Nie habe ich es geschafft, die Frage, auf die es ankam, richtig zu formulieren, und um sie auszusprechen, fehlte es an Gelegenheit.

Weißt Du, Mami, ich würde dich gern was fragen… Wenn ich nur daran denke, treibt es mir die Röte ins Gesicht, wie einem Mädchen, das zur Mutter kommt, um ihr zu sagen, dass sie die ersten Blutungen hat, und nach Binden fragt. Irgendwie sollten die Dinge sich von allein ergeben, besonders in der Familie. Draußen in der Welt winden sich einem die Innereien auch so zur Genüge im Krampf.
Auf eine Gelegenheit lässt sich eigentlich unbegrenzt warten, tröstete ich mich. Irrtum. Der Großvater, ein beinharter Kommunist und nach dem Krieg Attaché bei der Tschechischen Botschaft in Rumänien, starb, als ich fünfzehn war, ohne dass er mir irgendetwas erklärt hätte. Bei uns zu Hause genoss er große Autorität, denn er war Jurist, beherrschte mehrere Sprachen und kannte sich ausgezeichnet mit Blumen, Pilzen und Vögeln aus, auch in der Geschichte Prags und in der tschechischen Geschichte. Dieser Mann hatte vor fünfzig Jahren seiner Frau, meiner Großmutter, eine Ohrfeige verabreicht, als der Rundfunk von den politischen Prozessen berichtete und die Großmutter nicht an die freiwilligen Geständnisse glauben wollte.
Die Mutter ist mit beiden aufgewachsen. Mit meinem Großvater, dem beinharten Kommunisten, der die Sache nicht durchschaute oder dies zumindest nicht zugeben wollte, auch nicht, als ´68 die Panzer kamen. Und mit der Großmutter, die auf die Russen und den Kommunismus offenbar schon von Geburt an allergisch war. Die Großmutter schrieb Gedichte, der Großvater Spitzelberichte. Das eine wie das andere liegt heute in einer Kiste, in zwei verschiedenen Häusern Prags, denn nach Jahren voll Zank und Streit haben die beiden sich schließlich getrennt. Der Großvater hat noch zweimal geheiratet, die Großmutter lebte mit niemandem mehr zusammen, und von ihrem längst verstorbenen Mann fantasierte sie im Schlaf und auch noch auf dem Totenbett.
Was will ich damit sagen? Dass politische Ansichten nicht alles sind und dass menschliche Beziehungen bei weitem nicht so fest an sie geknüpft sind, wie es scheinen mag? Dass Liebe Berge versetzt?
Als ´68 die Panzer kamen, war meine Mutter mit einer Freundin auf der Datsche und hat angeblich nichts begriffen, obwohl sie damals schon sechzehn war. Ist das nicht alt genug? Im Fall meiner Mutter vielleicht nicht. Sie lebte nur für die Malerei. Später studierte sie an der kunstgewerblichen Hochschule und verdiente dann ihren Unterhalt als Grafikerin. In der ganzen kommunistischen Ära und auch danach. Angeblich hing alles davon ab, wem man begegnete. Der Kreis der Dissidenten war klein und hermetisch, und die Interessen der Mutter galten in erster Linie der Kunst. Ich habe es der Mutter nie gesagt, aber es versteht sich von selbst. Ein Künstler ist nicht etwa ein Künstler, um einen verfeinerten Ästhetizismus zu praktizieren, sondern um nachzudenken und sich ein Gewissen zu leisten. Nicht dass jeder zum Kampf verpflichtet wäre, aber ganze Dekaden im Atelier zu versitzen und abstrakte Kompositionen durchzuspielen, ohne das einem ins Bewusstsein brennt, wie notwendig eine Abgrenzung gegenüber dem Regime und seiner dämlichen Normalisierung ist, erscheint mir unentschuldbar. Eigentlich weiß ich nicht, inwieweit der Mutter das Ganze erst im November klar wurde oder in wieweit sie nur aufgehört hat, sich zu fürchten. Vielleicht hat sie aufgehört, sich davor zu fürchten, dass sie über etwas anderes nachdenken könnte als über Linien und Farbharmonien.
Ich will sie verteidigen. Sie ist meine Mutter und wird es immer bleiben. Früher war sie das Maß aller Dinge und noch heute wäre es unvorstellbar für mich, dass ich nichts anderes über sie sage als: dumm. Oder: Schisser.
Die Großmutter hatte sich über das Regime nie Illusionen gemacht, aber sie hatte auch der Mutter die ihren nie wirklich genommen, nicht drastisch genug. Wahrscheinlich damit sie ein besseres Leben hat. Ein besseres als sie selbst. Die Ehe mit dem feschen, ewig untreuen Kommunisten hat die Gedichte in ihr erstickt wie ein Stiefel die Samen des Widerstands, die Freude am Leben.
Oma, schreib endlich was, habe ich immer zu ihr gesagt. Zum Beispiel über die Kindheit. Das hätte nicht so wehgetan, und die Großmutter hatte noch alles von ihrem dritten Lebensjahr an bis ins kleinste Detail in Erinnerung. Wir haben es erst nach ihrem Tod entdeckt. Einige Blätter, mit Kuli beschrieben, viele Streichungen. Noch immer nicht kann ich mich zur Lektüre entschließen. Was, wenn es nichts weiter ist als eine verlogene, mit zittriger Hand geschriebene Altweiberromanze?
Weder die Großmutter noch die Mutter waren in der Partei, meine zwei Väter schon. Und beide würden einträchtig schwören, dass sie niemandem auch nur ein Haar gekrümmt haben. Dass sie es nicht der Karriere wegen getan hätten, würden sie sagen. Sondern um ihre Ruhe zu haben. Beide haben in der Kultur gearbeitet. Der eine beim Tschechoslowakischen Rundfunk, der andere an einer Volksschule für Kunst, später bei der Nationalgalerie. Wenigstens senkst Du dort den Prozentsatz der Schweine, hatte ein Freund gesagt, als er einen der Väter in die Partei lockte, und der hat sich womöglich noch gedacht, dass da etwas dran sei. Als einer meiner Freunde, ein bedeutender tschechischer Dichter, zufällig einmal meinem Vater begegnete, verdüsterte sich seine Miene von einem Augenblick auf den anderen. Er hatte, wie er sagte, in ihm jenen Lehrer erkannt, der ihn, trotz seines heftigen Widerstands, auf der Kunstschule einst gezwungen hatte, zum Revolutionsjubiläum den Panzerkreuzer Aurora zu zeichnen.
Mein anderer Vater sprach jahrelang in den Äther – über Bücher. Er kam und kommt einfach in jeder Lage bestens zurecht, macht stets das, was ihm die meisten Vorteile bringt und bildet sich auf seinen Pragmatismus einiges ein. Ein anpassungsfähiger Typ, wie man so sagt. Aber obwohl er die Mutter verlassen hat, als ich noch ein Baby war, hat er nie aufgehört, sich um mich zu kümmern. Auch wenn es für ihn leichter gewesen wäre, mich einfach zu vergessen, wie geschiedene Väter es so oft tun. Er hat zu mir gestanden, und deshalb werde auch ich zu ihm stehen. Werde ihn verteidigen gegenüber seiner kompromisslosen besseren Hälfte, die so gern über Menschen urteilen und sie brandmarken würde, je nach dem, wie weit sie sich mit dem Regime eingelassen haben oder nicht.
Damit einem endlich leichter wird, damit einem nicht die Beine einknicken, damit man auf festem Grund steht. Damit man sich aus dem Sumpf des Relativismus buddelt, der keinerlei Halt bietet. So war es und Schluss. Richtspruch, Urteil. Erst dann kann man das Blatt wenden und sich, hurra, von der Stelle bewegen. Vergangenheitsbewältigung nennt man das. Aber das ist eine Phrase. Mit den Menschen, die man am liebsten hat, bleibt man immer auf halbem Weg stecken.

Übersetzung: Kristina Kallert