Nora Ikstena (Lettland) – Mein 1989

Hochzeit und Mauer

Ich bin neunzehn. Es ist ein recht sonniger Mai, und bald sind die Prüfungen an der Universität vorbei. Ich werde das vierte Semester erfolgreich hinter mich gebracht haben.
Vor ein paar Jahren schien das unmöglich. Auf dem Gymnasium wurde ich aus dem Geschichtsunterricht geholt und in ein besonderes Büro gebracht, wo ein KGB-Agent saß. Er verlangte eingehende Erklärungen über meine Besuche einer Kirche auf dem Land, eine Reise nach Leningrad und den Kulturgeschichtslehrer Blum (fast wie Leopold Bloom in Joyces „Ulysses“), der entlassen wurde, weil er sowjetischen Schülern die falsche Kulturgeschichte vermittelte, nämlich die des verfaulten Westens.

Mein Herz rast und die Knie zittern. Ich habe Angst. Ich weiß alles über den KGB, meine beiden Großväter sind in sibirischen Lagern gewesen. Einer von ihnen hat gesehen, wie Männer Frauen, die den Verstand verloren hatten, ausgeliefert und von ihnen zerfleischt wurden, er hat Baumrinde gegessen und verfaulte Kartoffeln. Ihm gelang es, zurückzukehren und zu überleben. Den anderen zerfraßen die Demütigungen und der Alkohol. Gestorben kurz nach der Rückkehr nach Lettland, indem er sich zu Tode trank. Mein Vater wird wegen seines Vaters verfolgt. Wird wegen jedem unvorsichtig erzählten Witz vor die Instanzen zitiert.
Der „nette“ Agent legt mir Fotos aus unserem Treppenhaus vor, in dem wir die einzige lettische Familie sind. Darauf sind die Fenster nach der Renovierung zu sehen, auf die jemand mit dem Finger geschrieben hat: „Lasst uns die Russen zu Müll zermalmen und den Lebensmittelplan erfüllen.“ Nun ja, Oma und ich haben dieses Treppenhaus einschließlich der Fenster nach der Renovierung geputzt, denn keinem anderen von den sowjetischen Nachbarn kam das in den Sinn.
Der Agent sagt, ich werde nie auf die Universität kommen. Aber er weiß nicht, was wir alle noch nicht wissen. Dass das Jahr 1989 naht und das Ende des Imperiums nicht fern ist.

Aber vorerst ist der Frühling dieses Jahres der Umwälzungen. Und in der Luft liegt Erwachen – im wörtlichen und im übertragenen Sinne.
Ich habe Dostojewski rauf- und runtergelesen, mich an Heideggers Stiefelchen und Nietzsches Stilen begeistert, die wir uns klammheimlich unter dem Titel „Marxistisch-leninistische Philosophie“ zu Eigen machen. Ich trage ein geblümtes, kurzes Kleid mit Volants. Zum Sonnen hatte ich keine Zeit, und unter den Augen sind dunkle Ringe von den Prüfungen. Und ich mache mich auf den Weg zu einem Stelldichein mit meinem ehemaligen Klassenkameraden, dem derzeitigen Geschichtsstudenten, der bis über die Ohren in mich verliebt ist. Er ist hochgewachsen, er ist schön, aber mir scheint, ich liebe ihn nicht.

An der Laima-Uhr wartet er mit riesigen, weißen Lilien auf mich. Das ist ungewöhnlich für den Frühling. Wo hat er Lilien bekommen?
Wir setzen uns auf eine Parkbank und er macht mir einen Antrag. Ob ich seine Frau werden würde?

Ich bin völlig und komplett verwirrt. Ja, wir haben gemeinsam die Schule besucht. Ja, er ist schon seit fünf Jahren in mich verliebt. Ja, wir sind sogar ein knappes Jahr miteinander gegangen. Ja, er ist anständig und klug. Und zu meiner eigenen riesigen Überraschung sage ich: „Ja.“
Wir gehen in ein Café in der Altstadt. Essen Kuchen und Eis, trinken Limonade. Und er ist sehr glücklich.
Und dann bitte ich ihn, mich zum Zug zu begleiten, denn ich fahre zu Oma ins Sommerhäuschen. Und ich muss ein wenig allein sein.
Auf dem Bahnhof gibt er mir einen Kuss auf die Wange. Und versucht unauffällig, die Lippen zu berühren. Und ich versuche unauffällig auszuweichen.
Der Eisenbahnwaggon ist leer und sonnig. Warmer Durchzug eilt herein und hinaus. Rüttelt an den duftenden Lilien, die neben mir auf dem leeren Eisenbahnsitz liegen.

Ich schaue aus dem Fenster und frage mich, ob es das gewesen ist. Ich werde heiraten, und so wird mein Leben sein. Und überhaupt – wie wird mein Leben sein? Im Juli ist Hochzeit. Ich trage ein unvorstellbar schönes, weißes Kleid. Und kleine Blümchen im Haar, denn der Schleier sah so furchtbar aus, dass ich ihn unserem alten Hund über die Schnauze stülpte. Eigentlich sind alle glücklich – die Verwandten, die Freunde, und am meisten natürlich er: mein künftiger Mann.
Mir scheint, auch ich bin glücklich. Und die Hochzeit ist sehr innig. Auch wenn wir im Namen Sowjetlettlands getraut werden. Als wir auf einer schönen Waldrandlichtung eintreffen, wo die Feier stattfinden soll, singen alle Gäste „Silti vēji priežu silus glāsta / Pirmoreiz, kad tevi ieraudzīju es“.

Und zwei Wochen nach der Hochzeit begebe ich mich allein auf „Hochzeitsreise“. Denn für meine guten Leistungen auf der Universität habe ich die Möglichkeit, in die DDR zu reisen, nach Ostberlin. Keinerlei Möglichkeit, dass auch mein Mann fahren könnte. Es kommt mir komisch vor, allein zu fahren, aber er sagt, dass es unter Umständen so bald keine zweite solche Gelegenheit gebe, das Ausland zu sehen.
Wir küssen uns auf dem Rigaer Bahnhof, und meine Reise beginnt.
Ich trage Jeans und einen Pullover, den Oma gestrickt hat. Zum ersten Mal im Leben begebe ich mich ins Ausland. Meine Oma ging 1935 gemeinsam mit ihrem Mann auf Hochzeitsreise nach Paris. Sie vergnügten sich im Moulin Rouge. Aßen Stangenweißbrot, Austern, tranken guten Rotwein. Oma blieb in Lettland. Ihren Bruder verschlug es nach London. Die Sowjetbehörden verweigerten ihr zehn Mal die Ausreisegenehmigung, um ihren Bruder zu besuchen. Der Bruder starb in London. Ihr wurde die Möglichkeit verweigert, zu seiner Beerdigung zu fahren.

Ostberlin kommt mir russischer und sowjetischer vor als Lettland. Es ist entfremdet. Wir Studenten werden in einem Außenbezirk in Hochhauswohnungen untergebracht. Sie erinnern mich an die Studentenwohnheime, in denen ich nie gewohnt habe. Und Kollektivismus ist mir zuwider. Und in einem Zimmer zu schlafen mit Mädchen, denen ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal begegnet bin, ist mir ebenfalls unangenehm.
Auf den Straßen die lächerlichen Kunststofftrabis, die später zu einem der Symbole von Osteuropas trauriger Geschichte werden sollen.
Wir werden ins Stadtzentrum gebracht und bleiben ein paar Stunden unbeaufsichtigt. Die Allee Unter den Linden führt zum Brandenburger Tor. Unter den Linden – zem liepām : wie romantisch und poetisch das auf Lettisch klingt. Es erinnert an Liebe, Aleksandrs Čaks’ Gedichte, an einen warmen Sommer und die honigsüße Oberfläche der Lindenblätter, wenn Bienen mit ihren pelzigen Beinchen darüber hinweggelaufen sind.

Hier, an diesem Ort, der zur Mauer führt, ist gar nichts romantisch. Ich bin fern vom Zuhause, vor ein paar Wochen war meine Hochzeit, ich sehne mich nach meinem Mann, obschon die Hochzeit ein jugendlich übereilter Schritt war.
Alles wird erst noch kommen. Eine erschütternde Epoche. Die Trümmer eines Imperiums, die Vereinigung zweier geteilter Welten. Menschenleben, die in diesen globalen Umwälzungen zur Statistik werden. Wessis und Ossis. Wohlhabende und Arme. Menschen erster, zweiter und dritter Klasse. Die exotischen Geschichten der Westler über die Ostler, die Berührung der Ostler mit den Wundern des Westens. Die historische Gerechtigkeit, die einen teuren Preis für die Freiheit mit sich bringen wird.
Ich bin neunzehn. Ich stehe vor der hohen Mauer, die nicht einen Staat, sondern eine einzige Stadt zerteilt. Noch ist nichts geschehen. Mein Großvater starb in der vollen Überzeugung, dass der sowjetische Stiefel die von ihm okkupierten Gebiete niemals verlassen würde. Dort, hinter der Mauer, ist eine andere Welt. Ein paar Fetzen dieser Welt haben uns mit Radio Luxemburg erreicht, das man, wenn man Glück hatte, nachts empfangen konnte, mit polnischen Musikzeitschriften, mit seltenen Geschichten eines Reisenden, mit dem gelben Päckchen Kaugummi, das eine Tante vom Besuch bei Verwandten in Kanada mitbrachte. Die Geschichte meiner Schwester, als sie vor einem Jahr mit dem Chor kurz in Westberlin gewesen ist. Wie sie nachts an der konservierten Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche aus dem Reisebus gestiegen sind und weinten, weil sie es nicht glauben konnten. Wie sie mit einer Freundin eine feine Westberliner Konditorei am Kudamm betrat, in deren Vitrinen unvorstellbar leckere Torten ausgestellt waren. Wie ihr Geld für eine einzige Tasse Kaffee reichte. Wie sie beide sich diese eine Tasse Kaffee teilten, schlückchenweise tranken und zusahen, wie vor Geschäftsschluss ein Mann mit einer Plastiktüte erscheint und all die prachtvollen Torten in die Mülltonne befördert.
Noch ist nichts geschehen. Alles wird erst noch kommen. Das Leben der Epoche und mein Leben. Ich werde Berlin noch romantisch erleben, und zwar nicht nur einmal. Die Linden „Unter den Linden“ vor Weihnachten, illuminiert mit kleinen, hellen Lämpchen. Kleine Märkte mit Glühwein und Karussells. Sorgloses, vorfestliches Schlendern durch die Straßen von Berlin, die leckere Suppe mit Kokosmilch und Meeresfrüchten in einem thailändischen Restaurant. Patchouli-Öl aus dem kleinen Laden Mekkanische Rose. Alben von Cecilia Bartoli aus dem Musikladen XXI.
Noch ist nichts geschehen. Und dieser Platz vor der Mauer erscheint mir am dramatischsten von allem, was ich in meinem bisherigen Leben gesehen habe. Alles, woran ich denke, ist, wie ich eher zurück nach Hause komme. An die lange Reise mit der Bahn, durch Polen und Weißrussland, bis sie wohlbehalten in den Rigaer Bahnhof rollen wird.

Mit gegen Rubel eingetauschter Ostmark kaufe ich gelbliche Lederschuhe für meinen Mann. In den Geschäften gibt es nie gesehene Dinge. Zum Beispiel Joghurt, den ich Oma unbedingt als Geschenk mitbringen muss. Und frei käufliche Bananen, die im Gegensatz zu den Trabis ein Symbol der wohlhabenden westlichen Welt im Sowjetreich sind. Denn in meiner Kindheit kam es vielleicht zweimal vor, dass an unserer Straßenecke grüne Bananen „abverkauft“ wurden. Man musste sie reifen lassen, aber es reichte nie an Geduld, und grün schmeckten sie nicht besonders gut.
Ja, Oma werde ich Joghurt und ein paar Bananen von meiner „Hochzeitsreise“ mitbringen.

Und das Beste an dieser Reise ist die Heimkehrfreude. Auf dem Rigaer Bahnhof erwarten mich mein Mann, sein Bruder und die Freundin des Bruders. Wir alle freuen uns wahnsinnig. Und ich werde viel zu erzählen haben. Und im Sommerhäuschen hat Oma ein leckeres Mahl zubereitet und vergießt vor Freude Tränen, dass ihr Täubchen wohlbehalten zuhause ist, und isst abends löffelchenweise Joghurt zum Tee und schneidet die Bananen in kleine, dünne Scheibchen. Und die Lederschuhe stehen meinem Mann großartig. Und, egal wie, so bin ich doch einmal im Ausland gewesen. Die Geschichte pocht an die Tür. Es ist August, auf dem Folklorefestival taucht zum ersten Mal die rot-weiß-rote Fahne auf , die die Leute um den Leib gewickelt dort hineinbringen, unter der Tracht. Die Luft flirrt von unglaublichen Ereignissen. Mein Vater sucht auf dem Dachboden des Hauses nach der von Großvater dort versteckten Fahne, die einstmals am Parlamentsgebäude geflattert hat. Sie ist irgendwo im Keramsit zwischen der Dachisolation versteckt.

Am 3. Oktober, zwölf Tage vor meinem 20. Geburtstag, sitzen wir zu dritt vor dem Fernseher. Meine Oma, mein Mann und ich. Und da ist zu sehen, wie die Berliner Mauer zertrümmert wird. Tausende von Menschen. Sie weinen, singen, lachen, schreien. Sie glauben nicht, dass sie diesen Augenblick erleben. Wir glauben nicht, dass wir diesen Augenblick erleben.
Und in diesem Augenblick ist unwichtig, was uns noch bevorsteht. Die Geschichte berührt direkt. Und es geschieht das Unglaubliche. Und die Freiheit, die kommen wird, wird oft eine Last sein, wie die Existentialisten es beschrieben haben, doch es wird Freiheit sein, und wir werden die Ehre und die Kraft haben, sie anzunehmen und auch ihre Folgen anzunehmen.
Und die Zeit ist plötzlich auf einer kleinen Strecke unendlich geworden. Dies sind doch nur einige Monate eines Lebens. Mit einer Hochzeit in jugendlicher Verwirrung, mit einer „Hochzeitsreise“ und der Mauer als deren Endstation, mit dem Ende der Mauer. Und der gottgegebenen Möglichkeit, auf dieser Welt den wertvollsten aller Staaten zu behalten – das eigene Leben.
Ich bin neununddreißig. Und vor Weihnachten habe ich zum ersten Mal meinen Vater nach Berlin gebracht. Im Tingeltangel der Weihnachtsmärkte freut er sich wie ein Kind. Isst Sauerkraut mit Würstchen, trinkt Glühwein, singt sogar etwas auf einer Bühne. An einem warmen Dezembertag setzt er sich auf die Stufen des Reichstags, in Gedanken versunken, schaut in die Ferne.
„Geradezu unglaublich“, sagt er.

Anmerkung: Die Übersetzung bewahrt stilistische Eigenheiten des Originals wie Wortwiederholungen, Zeitwechsel, paraphrasierte Benennungen und die zeitliche Verschiebung historischer Ereignisse.
Übersetzung: Matthias Knoll