Bochum und Bohnsdorf
Über das Ruhrgebiet fegte, als ich aus dem Bochumer Hauptbahnhof trat, ein kalter, feuchter Herbstwind. Ich mochte Bochum und ich mochte es nicht. Diese Stadt war auf den ersten, zweiten, dritten Blick weder alt noch modern; sie erinnerte mich jedes Mal, wenn ich, meist nur für kurze Zeit, dort zu tun hatte, ein wenig an die Industriestädte der DDR mit ihren drei- bis fünfgeschossigen, schnell hingepfuschten, schmutzig pastellfarbenen Arbeiterwohnblocks vor Werkskulissen und hoch in den Himmel ragenden Schloten, aus denen es qualmte und müffelte.
Ich ging direkt in das mir zugewiesene Hotel rechts neben dem Bahnhof, ohne am Wegesrand noch einen Lippenstift, eine Limo oder wenigstens eine Tageszeitung zu erwerben. In dem Zimmerchen, dessen einziges Fenster zum Hof hinauswies und einen Blick auf das so richtig trostlose Bochum hinterm Bahnhof gestattete, legte ich mein Köfferchen ab und überflog meine – wie ich jetzt fand, viel zu oberflächlichen – handschriftlichen Notizen für den Auftritt, den wir in ein paar Stunden zu bestreiten hatten. Wir, dachte ich schweren Herzens und wählte die Nummer von Stephan B., dem Autor des Hörspiels „Doppelte Ankunft“, das nachher Thema unserer Podiumsdiskussion sein sollte. – Dieses Hörspiel lebt, anders kann ich es nicht ausdrücken, von ergreifend genauen Dialogen und den inneren Monologen Michals, dessen Mutter den damals Zwölfjährigen im Herbst 1958 aus dem sächsischen Mühlau ins nordrhein-westfälische Dortmund verschleppte, in die ärmliche Werkswohnung des Monteurs Rudi Fritsche. Michael spricht komisch, nennt seine Beinkleider „Träningshosen“, kämpft mit dem Heimweh und der beginnenden Pubertät. Michaels von Rudi schwangere Mutter und seine jüngere Schwester gelten den „Aborigines“ aus dem Kohlerevier als „Gesocks“, Michael selbst halten sie für „das Letzte“; sein Dialekt stigmatisiert ihn in den Ohren dieser ihm fremden und doch ähnlich proletarischen Gleichaltrigen. Für die ist Michael nur der „von drüben“, der „Ostler“, der „Russe“. Zwanzig Jahre später kommt Michael zurück nach Dortmund, an den Ort seiner „zweiten Kindheit“. – Die Angst vor dem Abend war der Freude auf ihn gewichen, deshalb griff ich zum Hörer. Von Stephans schöner, längst völlig akzentloser Stimme erhoffte ich mir… Ja, was eigentlich? Ermunterndes, Zuspruch, Beistand? Aber Stephan war nicht in der Laune, mich zu beschwichtigen, litt auch am Lampenfieber: Würden genug Menschen kommen? Wie würden sie reagieren? Was würde Frau P. sagen, die uns eingeladen hatte?
Ich weiß nicht mehr, wie ich mir die Zeit bis zweiundzwanzig Uhr vertrieben habe, nur noch, dass wir dem spät und spärlich hereingetröpfelten Publikum zu erzählen versuchten, wie es uns ergangen war, seit wir, der eine als Junge vor dem Bau der Mauer und unfreiwillig, die andere erwachsen, lange danach und freiwillig, das Land, in dem sie geboren wurden, verlassen hatten. – Irgendwann waren wir fertig und Stephan, der ja in Bochum lebte, ärgerte sich noch mehr als ich. Einige seiner Freunde seien nicht erschienen, obwohl sie es doch fest versprochen hätten und außerdem heute Donnerstag sei, ein Tag, an dem Bochum nun wirklich nicht viel zu bieten habe. Die Stimmung sei seltsam verhalten gewesen und unsere zehn, zwölf Gäste seien, kaum dass wir unser Gespräch beendet hätten, unglaublich schnell verschwunden. Interessiert die noch immer nicht die Bohne, der Osten, egal, wie viele Leute jeden Montag auf dem Leipziger Ring herumlatschen, sagte ich, die sächsische Mundart schlecht imitierend und in der unsinnigen Annahme, das könne ihn oder wenigstens mich irgendwie trösten.
Wir setzten uns in ein italienisches Lokal nahe dem berühmten Theater, an dem Stephan etliche Jahre gearbeitet hatte, staunten über die Leere, die selbst hier herrschte, bestellten Nudeln und Wein, lachten tapfer, spielten mit Bierdeckeln, bemühten uns, die zurückliegenden drei Stunden nicht wieder und wieder zu bereden. Soweit ich mich erinnere, tranken wir ziemlich viel. Ich jedenfalls hatte kräftig getankt; denn als ich zurückkam in mein Hotelzimmer und mich aufs Bett legte, drehte sich alles um mich herum. Dieses Gefühl besoffenen Schwindels hatte mich lange nicht mehr erfasst gehabt und zu ihm gesellte sich Übelkeit, für die ich die hastig herunter geschlungene Riesenportion Spaghetti a la Carbonara verantwortlich machte. Wie auch immer: Einschlafen war mir in dem Zustand nicht möglich, also ging ich zur Toilette. Ich hing würgend über der Schüssel und hielt die schwere, hölzerne Klobrille, die von allein nicht oben bleiben wollte, mit einer Hand fest, da klingelte es. Ich ließ die Brille fallen, wischte mir den Mund ab und stürzte zum Telefon, neben dem meine Armbanduhr lag. Es war halb drei in der Nacht. Wer sollte mich jetzt anrufen? In Berlin hatte ich keinem gesagt, wo ich war. Es konnte es nur Stephan sein, doch der ging für gewöhnlich weder spät schlafen noch telefonierte er nachts in der Gegend herum. Es war tatsächlich Stephan und er schrie zunächst nur diesen einen Satz: „Mach den Fernseher an!“ Ich fragte mich, warum ich das nicht längst getan hatte, denn normalerweise ist dies das erste, sobald ich ein Hotelzimmer betreten habe, und drückte auf den Knopf, mechanisch, wie ein Soldat, dem man befohlen hat, eine Bombe zu zünden. Und dann sahen wir gemeinsam fern, am Telefon, kommentierten abwechselnd und gleichzeitig die „Wahnsinn, Wahnsinn“-Rufe der Ostberliner, die wie die Rumpelstilzchen auf der Mauer herumtanzten, Sektfontänen in den Himmel spritzen ließen und der Tränen, die ihnen über die Gesichter liefen, kaum gewahr wurden. – Von uns beiden weinte keiner, weder aus Freude noch vor Kummer. Wir legten bald auf, wohl weil jeder mit diesen Bildern und seinen Gedanken allein sein wollte. Ich schrieb quer über die 9.-November-Seite meines Buchkalenders ein paar Worte, die ich später in einem Roman zitierte: „Es ist, als säße ich in einem Zug und sämtliche Bäume, an denen ich längst vorbeigefahren bin, kommen mir plötzlich wieder entgegen. Mein einziges Privileg, dass darin bestanden hatte, vor dem Ende des „antifaschistischen Schutzwalls“ in den Westen gegangen zu sein, fällt mit diesem Scheißbauwerk.“ Ich versuchte bei laufendem Fernseher ein wenig zu schlafen; es gelang mir nicht. Ich dachte an jenen 14. November vor fünf Jahren, an dem mich morgens um acht zwei Zivile wach geklingelt, mir ein Dokument ausgehändigt und knapp erklärt hatten, dass ich mich bis elf Uhr mit meinem „Laufzettel“ und nicht mehr als einem Gepäckstück an der Grenzkontrollstation Friedrichstraße einzufinden hätte. Und ich dachte an einen Augusttag des Jahres 1961, an dem die kleine Katja, die mit ihren Eltern Urlaub an der bulgarischen Schwarzmeerküste machte, etwas Seltsames erlebte.
Katja war in einen Feigenbaum geklettert, weil sie am Erdboden bloß eine vereinzelte, angefaulte Frucht gefunden hatte, aber unbedingt ganz viele essen wollte von den prächtigen bauvioletten Feigen, die noch nicht heruntergefallen und auch noch nicht geerntet worden waren. Als sie in den Ästen des üppig tragenden Baumes hockte und eine Feige nach der anderen verschlang, geschah es, dass Katjas Bewegungen, selbst die vorsichtigsten, die gesamte Baumkrone erschütterten. Reif wie sie waren lösten sich die Feigen von den Zweigen, auch jene, die nicht in Katjas Reichweite gehangen hatten. Dies wiederum lockte die Schafe an, die in einiger Entfernung zwischen anderen Feigenbäumen weideten. Und alsbald umzingelten Katja Hunderte von Schafen; blökend schauten sie zu ihr hoch, erwarteten, dass es mehr, am besten alle Feigen regnete. Die Schafe bewiesen ihre sprichwörtliche Lammsgeduld und wichen nicht, obwohl Katja längst aufgehört hatte Feigen zu pflücken, denn dafür hätte sie sich wieder bewegen müssen und damit wieder Feigen gelockert, die, kaum zu Boden gefallen, wieder von Schafen gefressen worden wären, was deren Verlangen und Zahl wieder nur gesteigert hätte. Mittelweile schien sich der Feigensegen unter den Schafen der ganzen Gegend herumgesprochen zu haben; es kamen, Katja konnte das von ihrem Hochsitz herab gut überblicken, aus allen Himmelsrichtungen Schafe angelaufen. So viele Schafe hatte Katja noch nie gesehen; sie fürchtete sich ein bisschen, der Hintern tat ihr weh, die Sonne sank tiefer und tiefer. Als es beinahe Nacht war und die meisten der Schafe ihren Posten nicht verlassen, sich aber wenigstens hingelegt hatten, wagte Katja den Abstieg, bahnte sich behutsam einen Weg durch die Herde – und fürchtete sich noch immer, nun allerdings vor der Strafe, die ihre Eltern ihr erteilen würden, weil sie Bulgarisches Volkseigentum geplündert und die Zeit vergessen hatte. Doch die Eltern hatten heiter, der Vater gar besoffen, an einem Restauranttisch des Hotels „Sofia“ gesessen. „Katjuscha“, hatte die Mutter gesagt, „ab heute können uns die Kapitalisten nicht mehr das Fell über die Ohren ziehen. Wir haben dicht gemacht, bauen eine feste Grenze durch Berlin. Jetzt ist ein- für allemal Schluss mit der Schwarzarbeit im Westen.“
Was wirklich passiert war, verstand ich erst als am 1. September die Schule wieder anfing und unser Klassenzimmer halbleer blieb. Meine besten Freundinnen Anja, Petra und Doris kamen auch am nächsten Tag nicht wieder, waren, wie es hieß, „geflohen, übergelaufen zum Klassenfeind“, für den ich nun nicht mehr die 4 b oder die 4 c hielt, denn unsere Parallelklassen waren ebenfalls geschrumpft und wir restlichen Schüler wurden zu einer fünften Klasse zusammengelegt.
Gegen sieben Uhr duschte ich und lief zum Bahnhof; ich hatte beschlossen, früher als geplant abzureisen. Der Bahnsteig, an dem der Zug zur Weiterfahrt nach Berlin halten sollte, war voller Menschen, in deren Augen Verwunderung, Erregung und Neugier glitzerten. Gesprächsfetzen drangen mir ans Ohr; es ging um die Ereignisse der letzten Nacht. Als der IC, der, wenn ich mich recht erinnere, in Köln eingesetzt worden war, verspätet eintraf, drängten wir zu den Türen und mussten feststellen, dass wir kaum mehr auf den Gängen Platz finden würden, zumal auch niemand aussteigen wollte. Ich hatte, wie damals am Bahnhof Friedrichstraße, nur ein einzelnes kleines Gepäckstück und außerdem das Glück, von einem Pulk energischer Drängler vorwärts geschoben zu werden. Verärgert ob all der Sensationstouristen berlinerte ich was ich konnte: Lasst mir durch. Ick will jetzt nach Hause. Steht sicher schon ne Schlage vor meiner Bude.
Der Zug fuhr an, und wir, gebündelt wie Schnittlauchhalme, versuchten gerade, uns ein wenig zu entspannen, da boxte sich mit panischer Brutalität ein Mann durch die Menge. In seiner emporgereckten linken Hand hielt er die Fahrkarte, mit der zur Faust geballten rechten knuffte er um sich, zischte feucht: „Entschuldigung, können Sie nicht mal beiseite…. Hab ne Platzkarte.“ Endlich rempelte er auch gegen meine Schulter, stolperte in das Abteil, vor dem ich von einem Bein auf andere trat, nötigte, mit seiner Karte wedelnd, eine alte Frau zum Aufstehen, sank seufzend nieder. – Ich sehe ihn noch heute als hätte ich ihn gerade jetzt leibhaftig im Blickfeld, den dicken, alten Knaben mit dieser albernen Frisur, die wir Preußen „Sardelle“ nennen; links, in Ohrhöhe, hatte er sich einen scharfen Scheitel gezogen, von dem aus verlief sein spärliches, langes, gut geöltes Haupthaar über den gesamten Schädel, was seine Halbglatze gerade nicht verbarg, sondern betonte. So fuhr er dahin, die abgestoßene Aktentasche an den Wanst gepresst, bis er plötzlich aufsah und einfältig lächelte und in das müde Schweigen der Mitreisenden hinein einen mir unvergesslichen Satz sagte: „Ich freue mich so auf Bohnsdorf“. Einige der Menschen um ihn herum schauten, als hielten sie den Alten spätestens jetzt für ein Alien. Außer mir, davon war ich in dem Moment überzeugt und bin es noch immer, wusste ja kaum einer von uns wo Bohnsdorf liegt, und dass durch dies 600-Seelen-Nest am Rande des Berliner Ostens ein Bächlein namens Plumpengraben fließt, es aus diesem – oder sonst einem Grunde – also durchaus möglich war, sich darauf zu freuen.
Ich ging direkt in das mir zugewiesene Hotel rechts neben dem Bahnhof, ohne am Wegesrand noch einen Lippenstift, eine Limo oder wenigstens eine Tageszeitung zu erwerben. In dem Zimmerchen, dessen einziges Fenster zum Hof hinauswies und einen Blick auf das so richtig trostlose Bochum hinterm Bahnhof gestattete, legte ich mein Köfferchen ab und überflog meine – wie ich jetzt fand, viel zu oberflächlichen – handschriftlichen Notizen für den Auftritt, den wir in ein paar Stunden zu bestreiten hatten. Wir, dachte ich schweren Herzens und wählte die Nummer von Stephan B., dem Autor des Hörspiels „Doppelte Ankunft“, das nachher Thema unserer Podiumsdiskussion sein sollte. – Dieses Hörspiel lebt, anders kann ich es nicht ausdrücken, von ergreifend genauen Dialogen und den inneren Monologen Michals, dessen Mutter den damals Zwölfjährigen im Herbst 1958 aus dem sächsischen Mühlau ins nordrhein-westfälische Dortmund verschleppte, in die ärmliche Werkswohnung des Monteurs Rudi Fritsche. Michael spricht komisch, nennt seine Beinkleider „Träningshosen“, kämpft mit dem Heimweh und der beginnenden Pubertät. Michaels von Rudi schwangere Mutter und seine jüngere Schwester gelten den „Aborigines“ aus dem Kohlerevier als „Gesocks“, Michael selbst halten sie für „das Letzte“; sein Dialekt stigmatisiert ihn in den Ohren dieser ihm fremden und doch ähnlich proletarischen Gleichaltrigen. Für die ist Michael nur der „von drüben“, der „Ostler“, der „Russe“. Zwanzig Jahre später kommt Michael zurück nach Dortmund, an den Ort seiner „zweiten Kindheit“. – Die Angst vor dem Abend war der Freude auf ihn gewichen, deshalb griff ich zum Hörer. Von Stephans schöner, längst völlig akzentloser Stimme erhoffte ich mir… Ja, was eigentlich? Ermunterndes, Zuspruch, Beistand? Aber Stephan war nicht in der Laune, mich zu beschwichtigen, litt auch am Lampenfieber: Würden genug Menschen kommen? Wie würden sie reagieren? Was würde Frau P. sagen, die uns eingeladen hatte?
Ich weiß nicht mehr, wie ich mir die Zeit bis zweiundzwanzig Uhr vertrieben habe, nur noch, dass wir dem spät und spärlich hereingetröpfelten Publikum zu erzählen versuchten, wie es uns ergangen war, seit wir, der eine als Junge vor dem Bau der Mauer und unfreiwillig, die andere erwachsen, lange danach und freiwillig, das Land, in dem sie geboren wurden, verlassen hatten. – Irgendwann waren wir fertig und Stephan, der ja in Bochum lebte, ärgerte sich noch mehr als ich. Einige seiner Freunde seien nicht erschienen, obwohl sie es doch fest versprochen hätten und außerdem heute Donnerstag sei, ein Tag, an dem Bochum nun wirklich nicht viel zu bieten habe. Die Stimmung sei seltsam verhalten gewesen und unsere zehn, zwölf Gäste seien, kaum dass wir unser Gespräch beendet hätten, unglaublich schnell verschwunden. Interessiert die noch immer nicht die Bohne, der Osten, egal, wie viele Leute jeden Montag auf dem Leipziger Ring herumlatschen, sagte ich, die sächsische Mundart schlecht imitierend und in der unsinnigen Annahme, das könne ihn oder wenigstens mich irgendwie trösten.
Wir setzten uns in ein italienisches Lokal nahe dem berühmten Theater, an dem Stephan etliche Jahre gearbeitet hatte, staunten über die Leere, die selbst hier herrschte, bestellten Nudeln und Wein, lachten tapfer, spielten mit Bierdeckeln, bemühten uns, die zurückliegenden drei Stunden nicht wieder und wieder zu bereden. Soweit ich mich erinnere, tranken wir ziemlich viel. Ich jedenfalls hatte kräftig getankt; denn als ich zurückkam in mein Hotelzimmer und mich aufs Bett legte, drehte sich alles um mich herum. Dieses Gefühl besoffenen Schwindels hatte mich lange nicht mehr erfasst gehabt und zu ihm gesellte sich Übelkeit, für die ich die hastig herunter geschlungene Riesenportion Spaghetti a la Carbonara verantwortlich machte. Wie auch immer: Einschlafen war mir in dem Zustand nicht möglich, also ging ich zur Toilette. Ich hing würgend über der Schüssel und hielt die schwere, hölzerne Klobrille, die von allein nicht oben bleiben wollte, mit einer Hand fest, da klingelte es. Ich ließ die Brille fallen, wischte mir den Mund ab und stürzte zum Telefon, neben dem meine Armbanduhr lag. Es war halb drei in der Nacht. Wer sollte mich jetzt anrufen? In Berlin hatte ich keinem gesagt, wo ich war. Es konnte es nur Stephan sein, doch der ging für gewöhnlich weder spät schlafen noch telefonierte er nachts in der Gegend herum. Es war tatsächlich Stephan und er schrie zunächst nur diesen einen Satz: „Mach den Fernseher an!“ Ich fragte mich, warum ich das nicht längst getan hatte, denn normalerweise ist dies das erste, sobald ich ein Hotelzimmer betreten habe, und drückte auf den Knopf, mechanisch, wie ein Soldat, dem man befohlen hat, eine Bombe zu zünden. Und dann sahen wir gemeinsam fern, am Telefon, kommentierten abwechselnd und gleichzeitig die „Wahnsinn, Wahnsinn“-Rufe der Ostberliner, die wie die Rumpelstilzchen auf der Mauer herumtanzten, Sektfontänen in den Himmel spritzen ließen und der Tränen, die ihnen über die Gesichter liefen, kaum gewahr wurden. – Von uns beiden weinte keiner, weder aus Freude noch vor Kummer. Wir legten bald auf, wohl weil jeder mit diesen Bildern und seinen Gedanken allein sein wollte. Ich schrieb quer über die 9.-November-Seite meines Buchkalenders ein paar Worte, die ich später in einem Roman zitierte: „Es ist, als säße ich in einem Zug und sämtliche Bäume, an denen ich längst vorbeigefahren bin, kommen mir plötzlich wieder entgegen. Mein einziges Privileg, dass darin bestanden hatte, vor dem Ende des „antifaschistischen Schutzwalls“ in den Westen gegangen zu sein, fällt mit diesem Scheißbauwerk.“ Ich versuchte bei laufendem Fernseher ein wenig zu schlafen; es gelang mir nicht. Ich dachte an jenen 14. November vor fünf Jahren, an dem mich morgens um acht zwei Zivile wach geklingelt, mir ein Dokument ausgehändigt und knapp erklärt hatten, dass ich mich bis elf Uhr mit meinem „Laufzettel“ und nicht mehr als einem Gepäckstück an der Grenzkontrollstation Friedrichstraße einzufinden hätte. Und ich dachte an einen Augusttag des Jahres 1961, an dem die kleine Katja, die mit ihren Eltern Urlaub an der bulgarischen Schwarzmeerküste machte, etwas Seltsames erlebte.
Katja war in einen Feigenbaum geklettert, weil sie am Erdboden bloß eine vereinzelte, angefaulte Frucht gefunden hatte, aber unbedingt ganz viele essen wollte von den prächtigen bauvioletten Feigen, die noch nicht heruntergefallen und auch noch nicht geerntet worden waren. Als sie in den Ästen des üppig tragenden Baumes hockte und eine Feige nach der anderen verschlang, geschah es, dass Katjas Bewegungen, selbst die vorsichtigsten, die gesamte Baumkrone erschütterten. Reif wie sie waren lösten sich die Feigen von den Zweigen, auch jene, die nicht in Katjas Reichweite gehangen hatten. Dies wiederum lockte die Schafe an, die in einiger Entfernung zwischen anderen Feigenbäumen weideten. Und alsbald umzingelten Katja Hunderte von Schafen; blökend schauten sie zu ihr hoch, erwarteten, dass es mehr, am besten alle Feigen regnete. Die Schafe bewiesen ihre sprichwörtliche Lammsgeduld und wichen nicht, obwohl Katja längst aufgehört hatte Feigen zu pflücken, denn dafür hätte sie sich wieder bewegen müssen und damit wieder Feigen gelockert, die, kaum zu Boden gefallen, wieder von Schafen gefressen worden wären, was deren Verlangen und Zahl wieder nur gesteigert hätte. Mittelweile schien sich der Feigensegen unter den Schafen der ganzen Gegend herumgesprochen zu haben; es kamen, Katja konnte das von ihrem Hochsitz herab gut überblicken, aus allen Himmelsrichtungen Schafe angelaufen. So viele Schafe hatte Katja noch nie gesehen; sie fürchtete sich ein bisschen, der Hintern tat ihr weh, die Sonne sank tiefer und tiefer. Als es beinahe Nacht war und die meisten der Schafe ihren Posten nicht verlassen, sich aber wenigstens hingelegt hatten, wagte Katja den Abstieg, bahnte sich behutsam einen Weg durch die Herde – und fürchtete sich noch immer, nun allerdings vor der Strafe, die ihre Eltern ihr erteilen würden, weil sie Bulgarisches Volkseigentum geplündert und die Zeit vergessen hatte. Doch die Eltern hatten heiter, der Vater gar besoffen, an einem Restauranttisch des Hotels „Sofia“ gesessen. „Katjuscha“, hatte die Mutter gesagt, „ab heute können uns die Kapitalisten nicht mehr das Fell über die Ohren ziehen. Wir haben dicht gemacht, bauen eine feste Grenze durch Berlin. Jetzt ist ein- für allemal Schluss mit der Schwarzarbeit im Westen.“
Was wirklich passiert war, verstand ich erst als am 1. September die Schule wieder anfing und unser Klassenzimmer halbleer blieb. Meine besten Freundinnen Anja, Petra und Doris kamen auch am nächsten Tag nicht wieder, waren, wie es hieß, „geflohen, übergelaufen zum Klassenfeind“, für den ich nun nicht mehr die 4 b oder die 4 c hielt, denn unsere Parallelklassen waren ebenfalls geschrumpft und wir restlichen Schüler wurden zu einer fünften Klasse zusammengelegt.
Gegen sieben Uhr duschte ich und lief zum Bahnhof; ich hatte beschlossen, früher als geplant abzureisen. Der Bahnsteig, an dem der Zug zur Weiterfahrt nach Berlin halten sollte, war voller Menschen, in deren Augen Verwunderung, Erregung und Neugier glitzerten. Gesprächsfetzen drangen mir ans Ohr; es ging um die Ereignisse der letzten Nacht. Als der IC, der, wenn ich mich recht erinnere, in Köln eingesetzt worden war, verspätet eintraf, drängten wir zu den Türen und mussten feststellen, dass wir kaum mehr auf den Gängen Platz finden würden, zumal auch niemand aussteigen wollte. Ich hatte, wie damals am Bahnhof Friedrichstraße, nur ein einzelnes kleines Gepäckstück und außerdem das Glück, von einem Pulk energischer Drängler vorwärts geschoben zu werden. Verärgert ob all der Sensationstouristen berlinerte ich was ich konnte: Lasst mir durch. Ick will jetzt nach Hause. Steht sicher schon ne Schlage vor meiner Bude.
Der Zug fuhr an, und wir, gebündelt wie Schnittlauchhalme, versuchten gerade, uns ein wenig zu entspannen, da boxte sich mit panischer Brutalität ein Mann durch die Menge. In seiner emporgereckten linken Hand hielt er die Fahrkarte, mit der zur Faust geballten rechten knuffte er um sich, zischte feucht: „Entschuldigung, können Sie nicht mal beiseite…. Hab ne Platzkarte.“ Endlich rempelte er auch gegen meine Schulter, stolperte in das Abteil, vor dem ich von einem Bein auf andere trat, nötigte, mit seiner Karte wedelnd, eine alte Frau zum Aufstehen, sank seufzend nieder. – Ich sehe ihn noch heute als hätte ich ihn gerade jetzt leibhaftig im Blickfeld, den dicken, alten Knaben mit dieser albernen Frisur, die wir Preußen „Sardelle“ nennen; links, in Ohrhöhe, hatte er sich einen scharfen Scheitel gezogen, von dem aus verlief sein spärliches, langes, gut geöltes Haupthaar über den gesamten Schädel, was seine Halbglatze gerade nicht verbarg, sondern betonte. So fuhr er dahin, die abgestoßene Aktentasche an den Wanst gepresst, bis er plötzlich aufsah und einfältig lächelte und in das müde Schweigen der Mitreisenden hinein einen mir unvergesslichen Satz sagte: „Ich freue mich so auf Bohnsdorf“. Einige der Menschen um ihn herum schauten, als hielten sie den Alten spätestens jetzt für ein Alien. Außer mir, davon war ich in dem Moment überzeugt und bin es noch immer, wusste ja kaum einer von uns wo Bohnsdorf liegt, und dass durch dies 600-Seelen-Nest am Rande des Berliner Ostens ein Bächlein namens Plumpengraben fließt, es aus diesem – oder sonst einem Grunde – also durchaus möglich war, sich darauf zu freuen.











