Magdalena Tulli (Polen) – Mein 1989

Die Mauer in unseren Herzen

Das war die berühmteste Mauer in unserem Teil Europas.
Beton, Stacheldraht, Wachtürme, Todesstreifen und Hunde.

Sie war keineswegs undurchlässiger als andere Mauern und kostete auch nicht mehr Menschen das Leben. Sie fiel seinerzeit wie ein Dominostein, einer von vielen in dieser Reihe, weder der erste noch der letzte. Die Stacheldrahtzäune, die man fernab neugieriger Blicke errichtet hatte, dienten einfach dazu, unsere Wahlfreiheit einzuschränken, uns in den Grund und Boden zu stampfen, auf dem wir lebten, der wunderlichen Freiheitslaune ein für alle Mal den Garaus zu machen, unsere Hoffnungen zu zügeln und zu sonst nichts. Diese Mauer aber verlief ostentativ mitten durch eine große Stadt und trennte die Geringgeschätzten von jenen, deren Rechte respektiert wurden. Sie riss Familien auseinander, die die Unvorsichtigkeit begangen hatten, in jener Nacht, in der die Mauer klammheimlich errichtet worden war, nicht zusammenzubleiben. Sie teilte die Besiegten in diejenigen auf, die den Krieg wirklich verloren hatten, und diejenigen, die ihn ungeachtet dessen gewonnen hatten.

Die einen wie die anderen hatten in ihren Familienalben Bilder von Männern in den Uniformen der vor Stalingrad geschlagenen Armee. Die bei der Aufteilung der Welt angewandten Kriterien hatten nichts mit Gerechtigkeit zu tun, da man den Krieg trotz erlittener Niederlage gewinnen konnte – und umgekehrt. In manchen Ländern mit einem milden Klima konnte man sich noch ganz zum Schluss den Siegern anschließen, um mit einem Denar belohnt zu werden, wie in dem Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, die von dem gütigen Gutsbesitzer kurz vor der Abenddämmerung angeworben wurden – und umgekehrt konnte man in der letzten Stunde des Krieges aus der Siegerkoalition ausgeschlossen und in die Reihen der Verlierer eingereiht werden. Das war eine Frage des Breitengrades. Von den wechselnden Bündnissen, von der Tapferkeit des Heeres, der Luftwaffe und der Marine, von der Stärke der Widerstandsbewegung und von den verzweifelten Aufständen hing hierbei nur wenig ab.

Entscheidend war die geographische Lage, vor allem die Lage hinsichtlich jener Linie, die die Landkarte mehr oder weniger in zwei Hälften teilte. Die linke Seite der Landkarte war die Gewinnerseite, die rechte die Verliererseite. Links die Erlösten, rechts die in den Abgrund Gestoßenen. Die Existenz dieser Grenzlinie verleitete die Beobachter mancher Länder mit einem milderen Klima dazu, der Landkarte eine Symmetrie zuzuschreiben. Die trügerische Einfachheit der Vorstellung, dass die Welt aus zwei Hälften besteht, die von zwei mächtigen Sponsoren regiert werden, hatte seinen Reiz. In dieser Welt existierten zwei verschiedene politische Doktrinen, zwei gleichwertige Systeme des Wirtschafts- und Handelsaustausches, zwei getrennte Räume des freien Personenverkehrs. „Aber habt ihr denn nicht gewusst, dass wir im Prinzip nicht einmal in unserer Hälfte der Welt reisen konnten?“, frage ich, und meine Freunde von der anderen Seite schauen mich verdutzt an und schütteln den Kopf. „Nein, das haben wir nicht gewusst.“ Später wurden die Vorschriften gelockert, und man konnte mit behördlicher Genehmigung von Zeit zu Zeit einen Ausflug in die tschechoslowakischen Berge machen, nach Ostdeutschland zum Einkaufen oder nach Bulgarien an den Strand fahren. Aber nicht nach Moskau. Nach Moskau nie, es sei denn dienstlich, einbestellt, in besonderen Fällen. Nach Moskau gelangte man sogar einfacher aus den Ländern mit einem milderen Klima, die hinter der Mauer lagen. Zum Ende zu herrschte ein zunehmendes Durcheinander, die Herrschenden hatten die Zügel nicht mehr fest in der Hand, und dann gelang es auch uns, mühten wir uns nur richtig, auf der anderen Seite Urlaub zu machen, selbstverständlich ohne Geld, denn unser Geld war nicht echt, wie sich herausstellte. Nach Moskau fuhren wir jedoch nicht. Man hatte uns allen zwar Russisch beigebracht, aber doch nicht damit wir reisten, wohin wir lustig waren. Was keineswegs ein Zufall war, denn hier ging es um die oberste Grundregel unserer Welt: keine Fisimatenten.

Der Fall dieser Mauer markierte eine Epochengrenze. Die Mauer bildete nämlich die Frontseite. Dahinter befanden wir uns, hundert Millionen Menschen. Während auf der anderen Seite die Straße nach Kaffee und Parfümen duftete, hing auf dieser Seite ein Gemisch aus Muff und billigen Reinigungsmitteln in der Luft. Während man dort persönliche Wünsche, Träume, Gefühlsausbrüche und Geheimnisse haben durfte, musste man sich hier vor dem Kollektiv für alles rechtfertigen. Je eloquenter die Regierungen den Ihrigen, um deren wertvolle Stimmen sie sich bemühten, Respekt erwiesen, desto deutlicher gab man uns auf Schritt und Tritt, in der Schule, in der Armee und im Kreißsaal, zu verstehen, dass wir für die Herrschenden ein Niemand sind und keine Bedeutung haben. Während dort die Geschäfte die Passanten mit schönen Schaufenstern lockten, wurden wir billig gefüttert und sparsam eingekleidet wie in einem Waisenhaus. Aber die Geschäfte und Schaufenster sind nebensächlich, am schmerzhaftesten war im Grunde die Erniedrigung. Deshalb fand der verbotene und lebensgefährliche Transit über Mauern und Stacheldraht nur als Einbahnstraßenverkehr statt: von hier nach dort. Die Mauer präsentierte sich von dieser Seite anders als von drüben. Von außen war sie ein merkwürdiges, mit grellen Graffitifarben bedecktes Landschaftselement. Von innen war sie eine Falle und ein Gefängnis.

Ab und zu tauchten auf unserer Seite der Welt Panzer auf den Straßen auf, mal hier, mal dort. Das war unvermeidlich, weil wieder irgendwo Fisimatenten gemacht wurden: Diese sind Teil der menschlichen Natur, und selbst derjenige, der die absolute Macht an sich reißt, ist außerstande, sie ein für alle Mal auszumerzen. In solchen Momenten erstarrten alle auf der besseren Seite besagter Linie für einige Augenblicke vor Entsetzen – würde das brüchige Kräftegleichgewicht auch diesmal Bestand haben oder würde sich die Spannung beiderseits der Mauer gewaltsam und brutal entladen. Die Panzer ratterten mit ihren Ketten über den Asphalt, ihre Geschütztürme drehten sich langsam und richteten ihre Kanonenrohre auf die Menschenmenge. Diese Menschenmenge, das waren wir. Uns galten die Sympathien der Fernsehzuschauer auf der anderen Seite. Bei den dortigen Politikern, die die Last der Verantwortung für die Aufrechterhaltung des Friedens auf ihren Schultern verspürten, riefen wir Ungeduld hervor. Schon wieder wollten wir etwas. Wir hatten den Bogen überspannt. War der Frieden es nicht wert, die Welt gleich nach dem großen Krieg in zwei Hälften aufzuteilen? Die Frage ist eine rein rhetorische. Denn wenn er es wert war, dann war es an uns, im Namen des Friedens den Kopf einzuziehen und keine Forderungen zu stellen, die das Ganze zum Einsturz bringen konnten. Der Frieden ist jeden Preis wert, hieß es immer wieder auf der anderen Seite, wo ihn niemand aus eigener Tasche bezahlen musste. Wir aber wollten das nicht verstehen. Uns kam es manchmal vor, als ob nichts die Unterdrückung wert sei, die unser Leben zerstörte. „Habt ihr gewusst, dass wir die fünfzig Jahre eures Friedensparadieses bezahlt haben?“, frage ich meine Freunde von der anderen Seite. Sie antworten nicht, sie sind verstimmt. Stattdessen stellen sie mir eine Gegenfrage: Ob ich etwa glaube, dass es ihre Absicht gewesen sei, uns in Unfreiheit und erniedrigende Armut zu treiben. Damals nach dem Krieg hätte niemand mehr Kraft gehabt weiterzukämpfen, sagen sie gequält. Irgendwann musste man nachgeben, sich mit etwas einverstanden erklären, um endlich ein normales Leben führen zu können, den Schutt zu beseitigen und sich an den Wiederaufbau zu machen. Dafür musste man etwas opfern. Und dieses Etwas, das geopfert werden musste, waren wir, der verlorene Stamm, den es in die rauen Gefilde von Kontrolle und Disziplin verschlagen hatte. Meine Freunde haben Recht: Man kann sie nicht für das, was mit uns geschah, verantwortlich machen. Unser Sponsor errichtete Mauern. Ihr Sponsor dagegen war bereit, wenn nötig, ohne Kosten und Mühen zu scheuen, über Blockaden Luftbrücken zu schlagen. „Aber die Solidarität eures Sponsors reichte nur bis zur besagten Linie“, werfe ich ein. Sie verziehen die Mundwinkel zu einem Lächeln – sie waren mit ihm auch nicht ganz zufrieden, obwohl aus völlig anderen Gründen.

Unzufrieden? Ist das die Möglichkeit? Jetzt heben sie völlig ab, würde jeder von uns zutiefst empört wie aus der Pistole geschossen sagen. Nicht weil wir ihren Sponsor lieben. Nein, glaubt bloß nicht, dass wir ihn lieben. Schließlich war es ihr Sponsor gewesen, der unserem Sponsor aus Nettigkeit hundert Millionen Menschen überlassen hatte, woraufhin dieser, kaum dass er uns in seine Gewalt gebracht hatte, mit uns abgerechnet und uns alle bestraft hatte: Die einen für die falschen Bündnisse, die anderen für die richtigen. Er selbst hatte sie in der Vergangenheit wie sein Hemd gewechselt, weshalb sowohl die einen wie auch die anderen, zunächst oder alsbald, bei ihm in Ungnade gefallen waren. Zugegeben, er vergaß nichts, den einen verzieh er dieses nicht, den anderen jenes. Wir standen also alle beisammen, hundert Millionen Menschen, deren Freiheit man im Namen des Weltfriedens geopfert hatte, und schauten zu, wie die Grenzen sich schlossen. Stacheldrahtzäune rissen diesen Teil der Welt in Fetzen, damit das Wörtchen „wir“ nicht hundert Millionen Menschen mit einbezog. Und so standen wir alleine da, hundert Millionen Menschen, von Stacheldraht getrennt, des eigenen Leidens müde, misstrauisch gegenüber den Nachbarn und der ganzen Welt, die beschlossen hatte, ohne uns auszukommen. Unser Sponsor trug uns, die wir zwischen einem kalten Meer und einem dreifachen Stacheldrahtzaun eingeschlossen waren, die Exilregierung nach und verfolgte uns wegen der heimatlichen Widerstandsbewegung und unseres verzweifelten Aufstands. Statt Orden Pritschen hinter Gittern oder eine Kugel in den Hinterkopf. Wir durften kein Wort darüber verlieren, dass uns etwas nicht passte. Und da wir notgedrungen verstummten, entschlossen, von nun an unsere persönliche Unzufriedenheit zu verbergen, um zu überleben – jeder will schließlich überleben, selbst die Schlachttiere, selbst die Regenwürmer – entschlossen, die notwendigen Lieder zu singen und die aufgenötigten Losungen auszurufen, wurde das, was wir verschwiegen, unser Lächeln und unsere misstrauischen Blicke sowie unsere Scherze zum Gegenstand eingehender Ermittlungen.

Auf der anderen Seite war man der Ansicht, dass uns letzten Endes auch wiederum kein so großes Leid widerfahre. Unser Schicksal war keineswegs als tragisch zu bezeichnen, man ging davon aus, dass es sich auch bei uns irgendwie leben lässt. Das stimmt, es ließ sich leben. Wir hatten Brot, wir hatten Wodka und wir hatten sogar Tanzvergnügen. Den Beharrlichen und Folgsamen stand die Tür zu einer zweideutigen Karriere offen. Wir waren schließlich keine Unschuldslämmer, das wusste man auch auf der anderen Seite. Wir verführten, gingen fremd, heirateten und ließen uns scheiden, so wie alle, wie überall. Mancher hatte kleine Betrügereien auf dem Kerbholz oder gar, so waren eben die Zeiten, Blut an den Händen. Später gab es Kühlschränke und kleine Autos auf Bezugsschein. Die Bezugsscheine bekam man für Wohlverhalten, obwohl man auch etwas Glück haben musste. An dieses Glück erinnert man sich heute, an das Gemisch aus Glück und Erniedrigung, beides derart vermengt, dass das eine vom anderen kaum noch zu unterscheiden ist.

Keine optimale Lösung, aber tausendmal besser als Krieg, hieß es auf der anderen Seite, als die Mauer die Stadt teilte. Als sie fiel, wurde in den Kneipen Freibier ausgeschenkt, hupten die Autos in der ganzen Stadt, lagen sich fremde Menschen in den Armen. In der Euphorie und dem Jubel jener Nacht hatten die Bewohner beider Welten das Gefühl, dass alle Menschen Brüder seien und die Vergangenheit keine Bedeutung mehr habe.
Bei uns verfolgte man die Fernsehberichte mit angehaltenem Atem. Betonblöcke wankten und fielen unter dem Druck des Bulldozers. Wir seufzten, wenn wir auf den Bildern in den Zeitungen die ausgestreckten Hände betrachteten, die sich zu einem brüderlichen Händedruck vereinigten. Dieser Feiertag im Herbst fand ohne uns statt. Wir hatten früher gefeiert, im Spätfrühling, als wir zum ersten Mal in unserem Leben echte Stimmzettel in die Wahlurne warfen. Und als wir den fallenden Betonblock sahen, fragten wir uns besorgt, ob wir unseren Dominostein nicht vielleicht zu früh umgestoßen hatten. Wenn nun alle umstürzten, würden wir am Ende nicht zerdrückt? Wir wurden nicht zerdrückt. Langsam begannen wir wieder an die Zukunft zu glauben. Wir gewöhnten uns an den Gedanken, dass dieses Mal die Zukunft nicht unbedingt die Fortsetzung einer Katastrophe sein müsse. Als Erstes wurden Pässe ausgegeben. Wir konnten sie von jetzt an in der Schublade aufbewahren.

Baufirmen begannen mit dem planmäßigen Abriss der Vorzeigemauer, die im Herzen Europas stand. Zum Einsatz kamen 175 Lastwagen, 65 Kräne, 55 Bagger und 13 Bulldozer. Die Mauer wurde zerteilt und als Andenken in kleinen Stücken verkauft, die sich in alle Winde zerstreuten. Mehrere tausend Stasi-Mitarbeiter fanden in diversen Institutionen des vereinigten Staates Beschäftigung – auch in der Telekommunikation und im Bankwesen. Man sagt, dass sie ihre eigenen Standards einbrachten und Effektivität garantierten. Was mit den Hunden geschah, weiß man nicht. Wo einst der Wind über leeres Terrain gepfiffen hatte, machten sich nun postmoderne Paläste breit. Es ist heute nicht einfach, Spuren von der Mauer zu finden. Auf jeden Fall ist es schwierig, sie dort zu finden, wo sie stand. Jetzt steht die Mauer woanders. Sie befindet sich in unseren Herzen. Eine unsichtbare Mauer teilt die zwei Seiten der Erinnerung. Die Spannung hält die durchsichtigen Betonblöcke in der Senkrechten. Die Mauer verschwindet erst dann, wenn wir alle abtreten, die Generationen, die sich an die geteilte Welt erinnern, die in der Vergangenheit verhaftet sind – auf der einen Seite mit dem Gefühl nicht wiedergutzumachenden Unrechts, auf der anderen Seite mit der Erinnerung an ein Paradies, das nicht wiederkehrt.
Übersetzung: Andreas Volk

Andreas Volk, geboren 1971, lebt in Warschau
Übersetzer aus dem Polnischen
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)