Agnė Žagrakalytė (Litauen) – Mein 1989

Mein 1989

Irgendeine schöne Verwirrung des Sehens und Hörens, ich sitze auf dem Dachboden mit einem Spiegel. Wenn es so regnet, wenn es so ruhig ist ringsum und nur helle Hahnenschreie von Mal zu Mal in drei Schnitten den rauschenden Abend zerreißen, wenn die engen Fenster dunkel werden und ich meine eingeschlafenen Füße langsam nicht mehr sehen kann, hier und jetzt: Beim Oberschenkel habe ich einen von Staub weichen, von Kanklės berstenden Hüftknochen, Plakatrollen, Türme von Zeitungen und Tüten von Landkarten. Bei meinen Beinen, bei einer Tasse Tee: eine neue Zeitschrift, die Titelseite ein Doppelbild: Oben viele Jeans und bunte Jäckchen, wir wälzen uns auf dem Block der Wand, eine Menge lächelnder Menschen, ein Zahn blitzt unter dem Schnurrbart hervor, sogar die Uniformierten! Unten auf dem Umschlag ein graues Foto vom Anfang, eine Wand von Grau. Ein schwarzer Draht, dem die Stacheln zu Berge stehen, schon winden sich ringsum die Stäbe einer wachsenden Armatur, giftig wie gemeiner Efeu. Ich lege ihn anderswo hin, nein, ich lege ihn nicht anderswo hin. Ein Regenschirm ist an diesem stacheligen Draht aufgehängt. Auf beiden Seiten des Schirms; er und sie, zwei Menschen, die sich in der Dunkelheit auflösen, sie lassen mir keine Ruhe, ich kann sie nicht ansehen, und in der Mitte ist noch in Großbuchstaben erklärt, wenn es jemandem nicht klar ist: „le mur de Berlin 1961-1989“.
Dann gibt Klaras Hand nach, und als sie meinen Nacken umfasst, setzt sie das Rad der Erinnerung in Gang.

Die Lehrerin schreibt das Datum, vor zwanzig Jahren – auf den Zehenspitzen stehend, richtig und genau – in das Eck der Schultafel. Klara betrachtet ihre Strümpfe und das Stopfgarn, das unter dem grauen Rock hervorlugt. In der Handarbeitsstunde hat man uns bereits beigebracht, wie man sie aufspürt – nach oben oder nach unten verläuft das Muster der Strumpfhosen. Wie man eine Laufmasche auf der Wade lackiert, einseift und wegschwindelt. Alle Unterrichtsstunden sind nicht mehr so wie bisher.
Die Geschichte-Lehrbücher passen nicht mehr, doch man hat es noch nicht geschafft, die neue Vergangenheit zu drucken, so schreiben wir auf, was uns diktiert wird.
Alle Fünftklässler fassen kurz zusammen wie die Großen, aber sie sind nicht groß – einige Petzer beklagen sich bei den Eltern, die Eltern tun sich zusammen und stoßen die Geschichte-Lehrerin in Pension, und an ihre Stelle setzt man vorübergehend eine Sprachen-Spezialistin. Schaut und staunt – langsam diktiert uns eine großäugige Französin: Die Geschichte geschieht jetzt! Kapsukas ist schon nicht mehr die Stadt von Kapsukas, sondern Marijampolė! In der Kunstschule dasselbe: Der Solfège-Lehrer gerät in Fahrt über die „Litauische Geschichte“ von Šapoka , und wir lauschen glücklich, man muss weder Solfège-Übungen machen noch Diktate schreiben.
Der Mann der Kanklės-Lehrerin ist unstet, die Lehrerin trinkt Entschlackungstee. Völlig zusammengebrochen, in gekreuzten hochhackigen Sandaletten mitten im Winter, flüstert sie mit denen, die zu ihr zum Tratschen gekommen sind, Kaschpirowski-oh-Kaschpirowski , ins Töpfchen gießt sie eine Flüssigkeit aus einer Halbliterflasche, die sie in Handtasche hält, dort sind irgendwelche Blätter, breit wie die Quittungen der Abgaben für den Unterricht.

Sie tratschen, tuscheln und jammern miteinander, Klara spielt ihnen langsam irgendein Volkslied vor. Die Lehrerin hat streng verboten, das Wort „Volk“ auszusprechen. In allen Notenheften musste man den Ausdruck „Litauisches Volkslied“ durch „Litauisches Nationallied“ ersetzen.
Klara ist Kanklės-Spielerin, die armen Kanklės-Spieler, alle Stücke, die sie gelernt haben, sind wirklich nur harmonisierte nationale Lieder, daher auf so vielen Seiten eine Korrektur: Volk mit Bleistift ausstreichen und Nation darüberschreiben. Erst im Vorjahr haben wir auf diese Weise Gott mit großem Anfangsbuchstaben überschrieben, auf allen ausgeliehenen Büchern aus der Bibliothek, und in diesem Jahr sprechen alle immer nur von Gott, die Kanklės-Lehrerin verbietet, nach der Stunde „Auf Wiedersehen“ zu sagen – sie befiehlt „Mit Gott“ oder „Gott befohlen“ zu sagen – und wird zornig, wenn man durcheinanderkommt und „Auf Wiedersehen“ sagt, sie befiehlt, die Verabschiedung zu wiederholen, bis man es richtig macht.

Klara kann es nicht richtig machen, sie ist gewohnt, das zu verbergen, wie das Kreuz unter der Schuluniform – noch im Vorjahr lehrte ein alter Franziskaner, wie man sich geheim bekreuzigt – man zeichnet mit dem Daumen drei Kreuze: Stirne-Lippen-Brustbein. So als würde es einem einfallen, sich zu kratzen.
Gehirn, Redegabe und Herz kann man jetzt öffentlich kratzen, man bekreuzige sich nur so breit als möglich, im Büfett oder vor der Prüfung. In der Kirche ist der Altar von vier Reihen von Ministranten und Adoranten umgeben. Alle sind hier: die Hilfserzieherinnen des schulischen Kinderheimes in weißen Häubchen, die Tussis der Stadt in Trachtenkleidern, die Hauben auf dem hart gelackten Haarkamm. Sie haben Klaras und meinen Platz eingenommen – wir waren die Lieblinge der Mönche und Betschwestern, doch jetzt fließen alle über vor Liebe, in Gottes Armee ist Platz in Fülle – die Muttis freuen sich, die sich früher für die Anbetungen in Trachtenröcke gezwängt hatten und jetzt die Kleider der Tertiarierorden nähen ließen. Sie verteilen die „Katholische Welt“ mitten am Kirchplatz, man kann sie auch per Post abonnieren, niemand hat vor irgend etwas Angst, alle gehen von zu Hause weg, alle geraten aus dem Häuschen, alle zusammen.
Einträchtig singen wir, als wir, mit den Händen untergehakt bei den Letten und Esten, dastehen, „Auf Litauens Erde werden Eichen grünen“, und über unseren Köpfen dröhnen fotografierende Hubschrauber. Die größten Busse der Kolchosen bringen alle nach Vilnius, um die wieder aufgestellten drei Kreuze anzusehen, um die in der Erde liegenden ausgegrabenen alten anzusehen, um die Kathedrale anzusehen – komm nur rechtzeitig zum Schauen, komm rechtzeitig dich umzusehen, wie gut jetzt alles sein wird, wie anders alles sein wird.

Noch im Vorjahr waren die Partisanen und Bourgeoisen schlecht, drei Kriegsveteranen kamen in die Klasse, erzählten allen möglichen Quatsch, von Gänsehirten und von den Kulaken, die sie unterdrückten, und darüber, wie die Menschen einst in den Wäldern Korn gemahlen hätten – allen möglichen Quatsch, ich habe es doch gesagt – vom Krieg haben sie nichts erzählt, doch alle trugen sie Medaillen.
Und in diesem Jahr gibt es überall nur gute Partisanen – an den Sommerabenden sitzen wir beim Meliorationsgraben und singen „Was wieherst du, Rappe“ – in den Bass des Wassers – die Klänge hallen wider wie ein Glockenturm über die Weide, wenn Klara und ich singen. Wir ziehen den Pfahl von der Kette des Nachbarn heraus, führen das Pferd zur Tränke und pfeifen, damit es trinkt. Den Schwimmkäfern Namen, die in der Metallwanne der Tränke rudern, geben wir Namen, die Wasserwanzen stieben auseinander, Wasserspinnen mit silbernen Luftblasen am Hinterteil tauchen unter, die Wand entlang.
Im Vorjahr war Gott nur in all diesen Wundern und noch in der Kirche, doch jetzt – zum Verrücktwerden – ist auch Gott erschienen, und die Halstücher der Pioniere mit dem schmalen dreifarbigen Band am Rand, und ein Anschlag, der in die im Aufbau befindliche zukünftige Pfadfinderorganisation einlädt – eine richtige normale kleine Anzeige, in der Bezirkszeitung, Mutti Kastė hat die Ausschnitte gezeigt.

Als die Uhr stehenbleibt – ein abgegriffener Wecker, ein Klotz vergilbtes Plastik –, wickelt ihn Mutti Kastė in einen Wollstrumpf und legt ihn auf den Heizkörper. „Er soll sich erholen“, sagt sie. Wenn er sich erholt hat, wird er länger funktionieren.
Zeit, dass die Zeit sich erholt, die Zeit tickt zu schnell. Die Deutschen haben gerade erst ihre Mauern niedergerissen, Klara denkt an Alfons Zitterbacke , und hier brechen schon die Kolchosen zusammen, alle Mauern muss man selbst niederreißen und Stück für Stück abtragen. Einige unserer auf jede Art und Weise einstürzenden Mauern umhauen und sie erholen sich nicht.

Klara und mir geben sie einen Hammer und Handschuhe von Bauarbeitern – wir schlagen Zement von den abgebrochenen Ziegelstücken. Vater zerhackt die Fundamente, er schlägt mit dem Fäustel. Mutter lädt die Ziegel auf den Wagen – jetzt haben wir sowohl ein Pferd als auch einen Wagen und einige Meter von der Wand der Schweineställe der Kolchose, die wir selbst abreißen müssen. Die Mauern aus der Zeit des gestohlenen Zements zerbröckeln, sobald man nur draufschlägt, woanders kleben sie so zusammen, dass du schlagen kannst, so viel du nur willst, die Männer politisieren auf den Baustellen, überall Politik und Geschichtswissenschaft, alle belehren, erziehen und bilden uns um, sie geben ihre verschwiegene Erinnerung zurück, sie reden und reden.
Wir müssen uns so in der Zeit umdrehen, wie man sich nachts im Schlaf auf die andere Seite dreht und völlig neu und verändert erwacht.
Noch im Vorjahr lehrte uns die militärische Aufstellung in Reih und Glied: Die Dorfschule hatte einen richtigen Turnlehrer bekommen, der begann, vernachlässige Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Alle nahm er eilig in die Pioniere auf. Klara trat nicht bei, denn es war schon möglich, nicht beizutreten, „pah, wenn ihr Pfadfinder wärt“, murmelte sie, nachdem sie die Zeitschriften aus der Vorkriegszeit von Mutti Kastė auf dem Dachboden durchgelesen hatte. Als alle ihre Pioniereide in Schönschrift abmalten, färbte Klara eine Papierkrone für ihren eigenen Geburtstag.
Und plötzlich ist sechzehnter Februar, Klaras Herz singt, die Sonne steht über scharfen Baumästen. Die Füße nass, in den Schuhen vom Häutchen der Strumpfhose bedeckte Zehen, und als wir stehen bleiben zum Ausruhen, bringt Klara das Wasser mit den Zehen eifrig zum Glucksen – wir stehen da, schlürfen Tee aus der Thermoskanne unseres Führers, wiederholen den Eid, doch Klara rudert auch im Stehen und quält sich wie eine kleine Ente in einem zufrierendem Fluss.

Wir gehen weiter, schreiten durch die ganze Stadt, Klara trägt die Fahne – sie hat sie von zu Hause angeschleppt und im Autobus des Dorfes schräg gehalten, und die Menschen waren fast gar nicht böse. Die litauische Trikolore des Schülerpalastes liehen sich die „Ateitininkai“ aus – immer mehr Organisationen, und alle brauchen eine Fahne –, alle gehen in die Versammlung, nur wir, die Pfadfinder, gehen davor noch zum Hang der Kreuze, dort wird man uns endlich weihen. Man wird uns die Halstücher umbinden.
Im Schrank fand Klara ein dünnes Leinen, wir färbten es gelb, ließen einen braunen Farbbrei in kochendes Wasser glucksen, mischten den Stoff für die Halstücher und sahen zu, wie das Leinen Löwenzahn, Windröschen und Sumpfdotterblume aufsog. In den Farben ist auch das Stück eines Wäschestricks eingeweicht – Seidenschnüre für die Pfadfinder-Pfeifchen; die Pfeifchen haben wir noch nicht, aber die Schnüre sind obligatorisch für die Uniform. Mutti Kastė hat vier Quadrate eingesäumt, so bekamen wir, vier Mädchen aus der Abteilung der „Füchse“, Halstücher von demselben Gelb.

Auf die Tasche der Militärhemden musste man sich die Trikolore annähen. Klara nähte sie aus Schnipseln zusammen: Das Gelb schnitt sie vom Leinen ab, das von den Halstüchern geblieben war, das Grün vom Rand eines Kattunkleides. Rote Farbe, ein solches Rot, wie man es für die Fahne gebraucht hätte, war nirgends zu sehen. Sie schnitt es sich aus dem Rot der Fahne der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik ab – die ganze Zeit über war diese Fahne immer am Boden der Lade gelegen, zusammengepresst von einem Haufen Leinentischtücher, die überschäumten von Stickereien.
„Du erinnerst dich“, jubelt Klara, „du erinnerst dich doch an alles.“
Du erinnerst dich, diesen Winter, als wir kämpften mit Kanklės, Kreuzen und Fahnen – Kinder, die politisierten wie Erwachsene – du erinnerst dich, wir haben vierzehn Leben verloren. So eine Zensur für die Verantwortung für alles, was du übernimmst. Den ganzen Sommer rissen wir ihnen die Gänsedisteln aus und brachen die harten Stängel des Hopfenklees, wir schleppten uns ab beim Ausdünnen der Möhren, und im Winter ... so also war es. Schon gab es eine dünne Wand, die uns von Mutter trennte – schon ohne Flaum, kleine, schnell emporgeschossene Erwachsene. Wie lärmend sie sich immer unterhielten, an die Tür gedrängt, als ich an ihnen vorbei das Heu hineinsteckte und die Rübe reinstopfte. Danach ist Klara wirklich weggegangen: Sie überstieg alle einstürzenden Mauern und umgebogenen Absperrungen und ging weit weg, pfeifend, würde ich sagen.
Und jetzt: Wir laufen nach Hause und erinnern uns an sie, wir laufen, oh wie wir laufen, die Uniformröcke umgedreht, die Pfeifchenschnüre baumeln an der Schulter, wir stürzen in die Scheune, Klara zupft das Heu, ich packe einige Rüben, wir rennen über den Hof zu den Käfigen, eine Bärenkälte, Dunkel und Stille, nicht einmal die Kaninchen in der Hütte poltern, ich reiße den Türhaken ab, werfe die Rübe hinein, auch die poltert nicht, sie verschwindet im Dunkel ohne einen Laut, Klara stopft schon schnell das Heu hinein, mir wird plötzlich schlecht, „warte“, flüstere ich ihr zu, „hat Mutti Kastė sie nicht irgendwo anders hin gebracht?“

Klara richtet sich plötzlich auf und schweigt, sie schweigt und schweigt, sodass ich den Handschuh ausziehe und die Hand in den Stall stecke. Unter dem Heu sind Felle, weich und leer.
Das alles gibt es nicht mehr, schon zwanzig Jahre nicht mehr, auch Klara gibt es nicht mehr, dieses zehnjährige Mädchen hat sich in weite Ferne davongemacht, mit dem ganzen Alfons Zitterbacke unter dem Arm. Ich sitze auf dem Dachboden, um meinen Kopf schwirren zwölf weiße Kaninchen, eines aus der Wolke dieses weißen Schwarms berührt mich mit dem Schwanz an den Augenbrauen, ich heule und heule, und als ich alle Tränen und die ganze Kehle aus mir herausheule, blickt mir aus dem Spiegel ein verschwollenes, vom Heulen gerötetes, abgewandtes Mädchen entgegen, Klara, mit grünen Augen wie eine angebissene Stachelbeere.
Aus dem Litauischen von Cornelius Hell