Vom Novemberschnee
Die Erinnerungen unserer Großeltern und Eltern bilden ein Sicherheitsnetz, in dem wir leben. Die Eltern und Großeltern sollen erinnern. Dass auch ich ein Recht zum Erinnern hätte, ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Ich bin ja keine Großmutter und bisher nicht einmal Mutter. Obwohl ich bereits einen Gugelhupf backen sowie eine Mütze stricken kann, kommt mir mein Leben zu kurz vor, um mich an etwas geschichtlich Bedeutendes zu erinnern.
Ich habe natürlich intime Erinnerungen an die Kindheit, Erinnerungen an die Erinnerungen meiner Eltern und Großeltern, Erinnerungen an die Ferien in Žilina und die „Preßburger“ Omama, die jeden Tag um zwölf die Tauben auf jenem Balkon gefüttert hat, aus dem der beste Blick auf die Feuerwerke über der Donau war. Diese fanden damals nur zweimal im Jahr statt und ich fühlte mich besonders privilegiert, dass ich mich nicht in der Masse am Donau-Ufer drängen musste, sondern das Feuerwerk aus der Loggia von Omamas Wohnung sah. Die Tauben haben sich auf diesem privilegierten Balkon noch einige Wochen nach Omamas Tod versammelt. Obwohl diese Erinnerungen malerisch sind, ist mir nie eingefallen, dass sie noch jemand außer meinen künftigen Kindern interessieren würden, für die ich sie gesammelt habe. Darüber hinaus bin ich als Prosaistin dem Thema „Sich erinnern“ ausgewichen und habe als richtige Angehörige meiner Generation lieber in die Zukunft geschaut, als mich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Auch als Autorin hatte ich nämlich das Gefühl, dass das Thema „Memoiren“ den Älteren gehört. Die Erinnerungen wurden in mir lebendig, als mein Vater unlängst gestorben ist und ich mir bewusst wurde, dass die Kette des Erinnerns nun bei mir ist. Dass ich an der Reihe bin. Und dann kam das Angebot, mich an „´89“ zu erinnern, an ein geschichtliches Ereignis, an dem ich zwar mit zwölf, bzw. dreizehn teilgenommen habe, seit dem jedoch schon wieder zwanzig Jahre vergangen sind. Mir wurde überraschenderweise bewusst, dass die Bedingungen des Erinnerns erfüllt sind. Mit ein wenig Traurigkeit wurde mir auch bewusst, dass wir es gar nicht merken, wie wir zu jenen werden, die erinnern und Memoiren schreiben.
Ich erinnere mich, dass es an „den Tagen“ im Jahr 1989 viel geschneit hat. Es schneite auf die schöne Weise, wenn in der Luft Schneeflocken stöbern, wie man sagt, und am Boden eine dünne blütenweiße Schicht sauberen Schnees entsteht. Im November freut man sich noch über Schnee, vor allem, wenn man zwölf ist. Es gab außerdem weder zu große Schneemassen noch diesen städtischen Schneematsch, der sich mit Salz mischt und weiße Flecken auf den Schuhen hinterlässt, sondern feinen Pulverschnee, Staubzucker wie von den Bildern Josef Ladas. Falls Sie sich daran nicht erinnern können, muss ich sofort auf etwas aufmerksam machen. Meine heutigen Erinnerungen sind die Erinnerungen eines zwölfjährigen Mädchens, heute noch dazu verzerrt durch den Erinnerungsoptimismus bezüglich der eigenen Kindheit und der Zeit, als meine Welt völlig in Ordnung war, die „Žilina“-Omama noch auf der Welt war, obwohl sie damals bereits in der Preßburger Siedlung lebte, der Vater und die Mutter noch jung waren und ich alles teilweise aus unserem Küchenfester, auf dessen Fensterbrett Schneeflocken fielen und unter dem unser damaliger Hund Kubko herumschnüffelte, beobachtet habe.
Ich kann mich heute, zwanzig Jahre später, da die Großmutter nicht mehr lebt und die Wohnung in Petržalka uns nicht gehört, da weder Kubko noch mein Vater am Leben sind, nicht objektiv erinnern. Wie sich der Slowakische Nationalaufstand in den Erinnerungen meines Großmutters mit den Hühnern im Garten, unter denen es eine sehr gute Legehenne gab, gemischt hat, mischen sich das legendäre Schlüsselklirren auf dem Platz und der erste Schnee des Jahres tausendneunhundertneunundachtzig in meinen Erinnerungen. So ist das mit den Erinnerungen, ich kann mich nicht anders erinnern. Jedenfalls einstweilen, weil ich, was das Erinnern betrifft, eine Anfängerin bin, wie ich bereits gesagt habe. Vielleicht muss man sogar auch das lernen.
Die Erinnerungen bilden keinen kontinuierlichen Strom. Sie sind eher kleine Inseln, die Zusammenhänge muss man sich oft dazu denken. Meine Erinnerungen bestehen aus mehreren Bildern. Ich erinnere mich an den November 1989 und es kommt die Erinnerung vom Sommer dieses Jahres, als keiner im Entferntesten vom November geträumt hat. Wer soll im Sommer an den Herbst gedacht haben? Es war an einem Wochenende und wir drei, der Vater, die Mutter und ich, waren auf der Preßburger Burg spazieren. Wir standen an der Mauer, die den Burghof mit dem Blick auf Preßburg und auf die Berge der Kleinkarpaten umkreist. Die Eltern haben mir gezeigt, dass „dort, diese Richtung“ Wien ist. Und haben dazu bemerkt, dass wir, wenn sich die politischen Verhältnisse etwas verbessern würden, einmal vielleicht einen Ausflug nach Wien machen könnten.
Obwohl meine Eltern seit jeher gern und viel unterwegs waren, fiel ein Wien-Ausflug, damals, im Sommer 1989, in die Kategorie der Pläne wie ein neues Auto (Meine Eltern haben im ganzen Leben nur ein einziges Auto gehabt, das sie, nachdem ich damit nach der Matura fahren lernte, zum Ausschlachten verschenkt haben. Es war in meinem Alter und sie sind dann seitdem trotz langjähriger Pläne mit dem Bus gefahren). Ich sehe uns bis jetzt auf dem Burgberg stehend und „sehnsuchtsvoll“ Richtung Wien schauend. Nicht einmal diese Erinnerung ist realistisch, ich sehe sie eher als stilisierte Malerei, als drei Figuren, die in den weiten Westen starren.
Dann folgt die Erinnerung an die Novembertage. An die Angst am Anfang, an die anfängliche Vorsichtigkeit. Die Mama, die immer impulsiver war, ist zu den ersten Demonstrationen gestürmt, mein Vater, vom Charakter her bange, hat sie gewarnt, sich etwas geärgert und mich an der Hand gehalten. Und dann hat es angefangen zu schneien. Die Stadt war, wie gesagt, wie angezuckert, und es war nicht mehr möglich, sich zu fürchten. Die Zeit hat uns mitgerissen. Demonstrieren gehen gehörte genauso zum Nachmittagsprogramm wie ein Konditoreibesuch und Zeitungen kaufen. Man ist aus der Schule gekommen, man hat Kakao getrunken und ist demonstrieren gegangen. Und am Abend hat man die Fernsehnachrichten geschaut.
Von den Demonstrationen kann ich mich daran erinnern, woran sich wahrscheinlich jeder erinnert. Der Platz des Slowakischen Nationalaufstands (des Nationalaufstandes, vor dem mein neunjähriger Vater nach Rajec geflohen ist) war voller Leute. Milan Kňažko forderte mit seiner berühmten tiefen Stimme die Leute auf, „einen Korridor zu machen“. Eine Aufforderung, die fast zum Schlagwort der Samtenen Revolution in der Slowakei geworden ist. Die Leute klirrten mit den Schlüsseln und sangen gemeinsam mit Ivan Hoffmann „wir haben uns die Liebe versprochen“ und „bloß die Wahrheit zu sagen“. Das Lied, das zur Hymne geworden ist. Die Studenten, zu denen ich noch nicht zählte, haben eine Menschenkette gebildet. Ich auch – wie jeder – habe eine Trikolore und ein Abzeichen mit dem Foto von Václav Havel getragen. Ständig schneite es. In der Schule haben wir, die Siebtklässler, denen das in der Zeit des pubertären Widerstands gelegen kam, es abgelehnt, die „Frau Lehrerin“ „Genossin“ zu nennen, obwohl wir uns noch oft geirrt haben und selbst die „Genossinnen“ uns mahnen mussten, dass sie keine „Genossinnen“ mehr, sondern „Frauen“ sind.
Mit einer Mischung aus Genugtuung und Traurigkeit erinnere ich mich an die (Frauen und Genossinnen) Russischlehrerinnen. Ich erinnere mich daran, wie zahm sie geworden sind. Ich erinnere mich nämlich daran, wie sie uns, die ungehorsamen Schüler, die wohl wirklich nicht zum Aushalten waren, noch kurz davor mit gewisser Schadenfreude gemahnt hatten, dass wir Russisch um Gottes (den es noch nicht gab) Willen ernst nehmen mussten, weil wir daraus einmal maturieren würden. So standen wir unter der Fuchtel der Lehrerinnen. Obwohl die Matura so unabsehbar war wie der verschneite November an dem Sommernachmittag auf der Preßburger Burg, war sie unbezweifelbar, wie das Erwachsenwerden. Kurz darauf erklärten wir pubertär laut und ohne Höflichkeit, dass wir kein Russisch mehr lernen. Die verschüchterten Russischlehrerinnen verhielten sich vor dem Pult seltsam unterwürfig. Bei der Konferenz wurde entschieden, dass es sich nicht mehr auszahlt, in der siebten Klasse mit Deutsch anzufangen (erst heute kann ich verstehen, dass hier die Bemühung des Lehrerensembles, den Kolleginnen den Job nicht wegzunehmen, eine Rolle gespielt haben wird). Aus den Russischstunden wurden witzige Stunden des Nichtstuns. Die Ausnahme bildete eine Frau Lehrerin (wirklich eine Frau), die dafür berühmt war, eine ehemalige Balletttänzerin zu sein; angeblich war eine der Statuen auf dem Friedhof Slavín, dem Denkmal für gefallene sowjetische Soldaten nach ihr gestaltet (in dem Alter war die Ähnlichkeit noch gut zu erkennen). Diese Frau Lehrerin hat uns nämlich später in den Russischstunden die Handlung der Gedichte Puschkins, wenn auch auf Slowakisch, erzählt. Ich glaube, dass es meine dreizehnjährigen Mitschüler nicht besonders beeindruckt hat, aber ich war hingerissen. Und genauso, wie ich uns drei auf der Preßburger Burg in den Erinnerungen eher als eine Leinwandmalerei denn als Wirklichkeit sehe, kann ich mich an sie als eine Statue mit revolutionär gehobenen Händen und wehenden Haaren neben einem schön gebauten Steinsoldaten erinnern. Für diesen Puschkin bin ich ihr bis jetzt dankbar, Russisch hin oder her.
Sich an den November ´89 zu erinnern, ist, als ob man die Freiheitsstatue zum ersten Mal sieht. Der Mensch hat sie, obwohl er sie zum ersten Mal sieht, bereits so oft auf Fotos, in Kalendern und im Abspann unzähliger amerikanischer Filme gesehen, dass er auf den ersten Blick nicht mehr weiß, ob sie wirklich ist. Ich weiß also heute nicht, was ich in Wirklichkeit erlebt und was ich nachher nur vielmals auf Fotos oder in Kurzfilmen auf youtube gesehen habe. Wie zum Beispiel den berühmten tschechischen Polizisten, der am siebzehnten November mit dem Knüppel die Teilnehmer der Studentendemonstration in Prag verprügelt hat und für längere Zeit in den Schlagzeilen der Hauptfernsehnachrichten auftauchte.
Ganz bestimmt war ich dabei, als mein Vater und ich Hand in Hand zu einer der ersten Demonstrationen in Preßburg fast gerannt sind – damals noch nicht auf dem Platz des Slowakischen Nationalaufstandes, wohin sie später verlegt wurden, sondern vor dem Gebäude des Nationaltheaters. Ich habe mit zwölf den Vater gefragt, ob die Demonstranten wollen, dass es bei uns wie in Österreich sein wird. Und der Vater, ein banger Skeptiker, hat mir geantwortet, dass es so wie in Österreich wahrscheinlich nicht sein wird, aber wenn es klappt, könnten wir wenigstens manchmal nach Wien schauen. Wer hätte sich damals gedacht, dass ich dort in acht Jahren mein Studium anfange. Mit zwölf Jahren war ja auch die Matura ohne Russisch nicht absehbar.
Man kann noch viel, sozusagen endlos erinnern. Der Zeitraum, an den ich mich erinnere, ist nicht lang und ich bin immer noch Anfängerin. Die Erinnerungen lassen sich in unendlich winzige Teilchen zerbröckeln. Wie Achilles von der Schildkröte nicht eingeholt wird, werde ich nie mit den Erinnerungen fertig. Ich muss mir aber noch die erste Preßburger Buchhandlung Artfórum in Erinnerung rufen, die kurz nach den ersten „Novembertagen“ entstanden ist. Damals noch in einem schäbigen Block unmittelbar neben dem Lebensmittelgeschäft Teta, durch ein obskures schmutziges Stiegenhaus erreichbar. In der Buchhaltung wurde ein großer Graupapagei im Käfig gehalten, der ein wenig sprechen konnte. Als nicht mehr demonstriert wurde, weil die Leute das (wie wir heute wissen, naive) Gefühl hatten, dass sie alles mit den Demonstrationen erreicht hätten, was sie brauchten, gingen ich und mein Vater statt zu den Demonstration in diese Buchhandlung. Dort erschienen Bücher, die in Eile herausgegeben worden waren, mit fotokopierten Fotografien auf dem Umschlag und oft nur mit der Büroheftmaschine gebunden. Ich hatte Glück, dass die Zeit der Revolution mich im Alter von zwölf Jahren erreichte, als ich meinen Platz in der Welt suchte. Und die Buchhandlung Artfórum hat mich, gemeinsam mit dem Vater, mit dem ich dorthin gegangen bin, in jene Welt geführt, die ich seitdem bereits zwanzig Jahre die meine nenne. Ähnlich wie die Lehrerin, die uns statt der Lektüre der Artikel über das Pionierlager Artek in den plötzlich überflüssigen Russischstunden aus Puschkin erzählt hat. Hätte es das alles nicht gegeben, meinen Vater, die Puschkin-Geschichten und die Buchhandlung, wäre ich heute jemand anders. Und hinter diesen Kleinigkeiten, die zur Welt meiner privaten Erinnerungen gehören, die ich einmal, so Gott (den es schon gibt) will, meinen Kindern und Enkelkindern erzählen werde, sind die Novemberereignisse, an die ich mich völlig öffentlich erinnere. Dankbar, dass ich sie miterleben durfte.











