Magazin – Neue Musik

Komponistinnen in Deutschland gestern und heute

Bildnis Johanna Kinkel, um 1840 Unbekannter Maler (Quelle: Stadtmuseum Bonn) Es gibt großartige Komponistinnen. Doch sind es in Deutschland immer noch mehr Männer als Frauen, die Komposition studieren und sich mit ihrer Musik durchsetzen.

Deutschland besitzt eine reiche Musiktradition. Frauen haben stets im Musikleben mitgemischt – sei es als singende Nonne oder mittelalterliche Spielfrau, als Opernsängerin oder Salon-Veranstalterin, seltener jedoch als Komponistinnen von notierter und vor allem veröffentlichter Musik. Wer nach dem Warum fragt, findet Antworten in den gesellschaftlichen und ästhetischen Konzepten. Gerade in Deutschland verhinderten diese oftmals, dass Frauen als Komponistinnen durchstarten konnten. Jene blockierenden Konzepte wirken bis heute nach.

Hildegard von Bingen; Foto: Archiv Frau und MusikAus dem Mittelalter kennen wir Hildegard von Bingen als einzige Komponistin – sie lebte als Äbtissin in einem Kloster. Zu ihrer Zeit, im 12. Jahrhundert, galt für Frauen nach wie vor in der Kirche und im Grunde auch an den meisten anderen Orten des öffentlichen Lebens ein Schweigegebot, was einem Komponierverbot gleichkam. Nachgewiesen sind erst wieder im 18. Jahrhundert deutsche Komponistinnen: In dieser Zeit des galanten Stils durften am Preußischen Hof Prinzessinnen komponieren lernen – es gehörte zu ihrer ästhetischen Erziehung. Wilhelmine von Bayreuth, Anna Amalia von Preußen und Anna Amalia von Sachsen-Weimar schrieben auch als erwachsene Frauen Musik.

Starre Geschlechterrollen blockierten Komponistinnen

Clara Schumann, geb. Wieck als 15-Jährige, Hannover 1835 (Julius Giere; Quelle: Robert-Schumann-Haus, Zwickau)Den Durchbruch brachte das nicht. Denn als im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts sich das Modell einer bürgerlichen Gesellschaft langsam abzeichnete, entwickelte sich eine Ideologie starrer Geschlechterrollen: Männer eroberten öffentliche Machtpositionen, verdienten das Geld und ließen sich, wenn sie komponierten, als Genies feiern. Frauen hingegen, insbesondere als Ehefrauen und Mütter, hatten sich auf das Wirken im privaten Raum, also im trauten Heim, zu konzentrieren: Hausarbeit und Kinder galten als weibliche Domänen. Kein Klima, in dem Komponistinnen gedeihen konnten. Nur wenige Frauen schlugen diesen Weg ein. Sie mussten schnell Zugeständnisse an die herrschende Meinung machen und beschränkten ihren Radius zumeist auf Hausmusik, auf halböffentliche Aufführungen. Sie schrieben oft kleinformatige Werke, was das Schaffen von Johanna Kinkel beispielhaft zeigt; der Geburtstag der gebürtigen Bonnerin jährt sich im Jahr 2010 zum 200. Mal. Die meisten Komponistinnen stammen aus Künstlerfamilien und waren ohnehin Musikerinnen wie Clara Schumann. Sie komponierten quasi „nebenbei“. Nur wenige Komponistinnen setzten sich hauptberuflich der öffentlichen Meinung aus. Zum Beispiel Luise Adolpha Le Beau und Emilie Mayer schafften es, dass ihre großformatigen Werke in Konzertsälen zur Aufführung gelangten.

Frauenmangel in deutschen Kompositionsklassen

Archiv Frau und Musik; Foto: ArchivDie Klassik-Szene und -Tradition in Deutschland ist dementsprechend stark von Männern geprägt. Besonders Ludwig van Beethoven gilt bis heute als Leitfigur einer musikalischen Genie-Ästhetik, wonach ein Komponist als gottähnlicher Schöpfer von Meisterwerken wirkt. Diese Kategorien spiegeln sich in jenem Werk-Kanon wider, der gegenwärtig nach wie vor Konzertprogramme bestimmt. „Dieses Denken in den Kategorien des 19. Jahrhunderts hat auch immer noch Einfluss darauf, ob und wie viele junge Frauen sich heute entscheiden, Komponistin zu werden.“ So Melanie Unseld, Professorin für Kulturgeschichte der Musik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: „Mit dem Berufswunsch Komponistin stoßen Mädchen selten auf offene Ohren. In den Kompositionsklassen der deutschen Musikhochschulen sind wesentlich weniger Frauen als Männer zu finden. Und die meisten Kompositionsstudentinnen kommen aus dem Ausland.“ Dies hängt nach Unselds Ansicht mit der größeren Selbstverständlichkeit zusammen, mit der Frauen in anderen Ländern als Komponistin arbeiten. „Beispielsweise in vielen ostasiatischen Musikkulturen ist Komponieren Frauensache“, erzählt die Spezialistin für musikwissenschaftliche Gender-Fragen.

Carola Bauckholt; Foto: Archiv Frau und Musik

Wegen des reichen Musiklebens zog und zieht es Komponistinnen nach Deutschland: Einen Namen gemacht haben sich die aus Rumänien stammenden Komponistinnen Violeta Dinescu und Adriana Hölszky, die Russin Sofia Gubaidulina oder die Engländerin Rebecca Saunders. Sie leben in Deutschland und bereichern die deutsche Komponier-Szene. Ebenso wie ihre einheimischen Kolleginnen – um nur einige zu nennen: Carola Bauckholt, Juliane Klein, Isabel Mundry, Annette Schlünz oder Charlotte Seither.

Dass heute mehr Komponistinnen als in früheren Jahrhunderten das öffentliche Musikleben bestimmen, das hat auch mit der Zweiten Frauenbewegung in den 1970er-Jahren zu tun. Frauengeschichte rückte ins Blickfeld, und damit begann die Suche nach den Frauen in der Musikgeschichte. In dieser Zeit gründete sich das Archiv Frau und Musik aus dem Internationalen Arbeitskreis Frau und Musik, der sich 1978 auf Initiative der Dirigentin Elke Mascha Blankenburg gebildet hatte. Heute ist das Archiv mit Sitz in Frankfurt am Main das weltgrößte seiner Art mit rund 20.000 Medieneinheiten: Von Kompositionen und historischen Dokumenten bis hin zu Tonaufnahmen und Fachbüchern reicht das Spektrum.

Vorbilder für Komponistinnen heute

Das Beschäftigen mit den Komponistinnen früherer Jahrhunderte kann das Selbstverständnis von heutigen Komponistinnen stärken, weil sie Vorbilder finden. „Auf jeden Fall muss sich eine Komponistin heute auf irgendeine Weise zu dem Umstand positionieren, dass sie eine Frau ist, die komponiert. Ob sie nun verbietet, dass ihre Werke auf gesonderten Frauenfestivals gespielt werden – wie Galina Ustwolskaja dies tat – oder nicht“, weiß Melanie Unseld. „Um mehr Frauen Mut zu machen für das professionelle Komponieren, braucht es auch eine noch größere Präsenz der Werke von Komponistinnen in der Musik- und Medienszene.“

Dagmar Penzlin
ist ausgebildete Musikwissenschaftlerin und arbeitet als Musikjournalistin vor allem für den ARD-Hörfunk und das Deutschlandradio.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Mai 2010

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