Magazin – Neue Musik

Musica viva – von Hartmann bis Hopp

BR / Angelika ZettlAufführung von Helmut Oehrings „Quixote“ am 17.03.2010 in der Münchner Muffathalle, Foto: BR / Astrid AckermannMusica viva hat einen neuen Leiter. Mit der Spielzeit 2011/12 löst Winrich Hopp seinen Vorgänger Udo Zimmermann ab und tritt damit ein wichtiges Erbe an. Ein Blick in Geschichte und Gegenwart einer weltweit renommierten Konzertreihe für zeitgenössische Musik.

Die Alternative hieß innere Emigration. Nach 1933 galt der Gang ins Exil der Mehrzahl der von den nationalsozialistischen Machthabern diskriminierten Künstlern und Intellektuellen als einziger Weg, um ihre Opposition gegen das Regime fortsetzen zu können. In Deutschland zu bleiben, ohne die herrschende Ideologie mitzutragen, bedeutete letztlich, sich in einen Zustand der „Unsichtbarkeit“ zu begeben. Diesen Weg wählte der Münchner Komponist Karl Amadeus Hartmann. Jegliche Form der Anbiederung kam für den überzeugten Antifaschisten nicht in Frage – die Folge war die künstlerische Isolation. Nach Ende des Krieges wurde Hartmann zu einem der wichtigsten Förderer der vormals verfemten Musik der Avantgarde. 1945 wurde er von den Alliierten als Musikdramaturg an der Bayerischen Staatsoper in München eingesetzt. Noch im selben Jahr begründete er eine Konzertreihe für Neue Musik, die unter dem Namen musica viva bis heute besteht.

Karl Amadeus Hartmann (l), Foto: BR / Hans GrimmDie Geburtsstunde der musica viva schlug am 7. Oktober 1945: Fünf Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs veranstaltete Hartmann im Münchner Prinzregententheater ein Matineekonzert, in dem das Bayerische Staatsorchester dem Publikum jene Musik zu Gehör brachte, die zuvor als „entartet“ denunziert wurde. Hartmann erkannte die Notwendigkeit, das vorenthaltene musikkulturelle Erbe zu präsentieren: „Aufgabe der Veranstaltungen ist es“, sagte er, „dem Publikum eine Überschau über die geistige und künstlerische Entwicklung der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit zu geben“.

Drei Jahre lang leitete Hartmann eigenverantwortlich diese Konzertreihe, bevor 1948 der Bayerische Rundfunk einstieg, Orchester und Chor zur Verfügung stellte und eine gesicherte wirtschaftliche Grundlage schuf. Igor Strawinsky, Darius Milhaud und Paul Hindemith, die als Dirigenten und Komponisten bei der musica viva gastierten, sind nur einige Namen, die für das frühe Renommee der Münchner Konzerte sprechen.

Kontinuität und Neuerungen

Mauricio Kagel anlässlich des Portraitkonzerts am 28.05.2005 in der Münchner Muffathalle, Foto: BR / Astrid AckermannNachdem Hartmann im Dezember 1963 unerwartet verstarb, übernahm der Komponist Wolfgang Fortner die Leitung der Konzertreihe und sah sich mit den Veränderungen des Kulturlebens konfrontiert. Der Informations- und Nachholbedarf an zeitgenössischer Musik schien inzwischen gestillt. Ein bloßes Aufholen geschichtsbedingter Defizite war obsolet geworden. Fortner begegnete den gewandelten Bedürfnissen, indem er sich den virulenten Themen der Zeit widmete: Er dokumentierte die Resultate von Serialismus und Aleatorik, elektronischer Musik und Improvisation.

1978 folgte mit Jürgen Meyer-Josten ein Musikjournalist als künstlerischer Leiter der musica viva. Mit dem Ethos des Journalisten stellte er die Reihe unter das Zeichen breiter Vielfalt: Einen Schwerpunkt bildeten nationale Traditionen. Regionale Komponisten aus dem bayerischen Raum fanden außerdem besondere Berücksichtigung. 1997 übernahm dann Udo Zimmermann die Leitung und verstand, im Rekurs auf ihren Gründungsgedanken, die Reihe als Forum für das Neue in allen seinen Erscheinungsformen. Er vergab Kompositionsaufträge an junge Künstler und etablierte die musica viva als Forschungs- und Begegnungsstätte international aufstrebender Künstler und Ensembles. Zu den Orchesterkonzerten, die Udo Zimmermann in Zusammenarbeit mit Josef Anton Riedl programmierte, traten Sonderveranstaltungen multimedialen Charakters sowie die grenzüberschreitenden Studiokonzerte, die vor allem den Einbezug elektronischer Medien betonten.

Aufbruch und Rückschau

Spielanweisung für John Cages „Four6“ anlässlich des Konzerts in der Münchner Allerheiligenhofkirche als 29.10.2011, Foto: BR / Astrid AckermannMit Abschluss der Spielzeit 2010/11 endete die „Ära Zimmermann“ und Winrich Hopp, seit 2006 Leiter des musikfest berlin der Berliner Festspiele, übernahm die künstlerische Leitung. Der musica viva ist der 1961 geborene Musikwissenschaftler bereits seit vielen Jahren verbunden. Von 1997 bis 2002 war er mit künstlerischer Produktion und Dramaturgie beauftragt; nun zeichnet er für das Programm verantwortlich.

Dr. Winrich Hopp, Foto: BR / Heike Steinweg„Man muss das Neue auf Basis der Traditionen einführen“, sagt Hopp und hat für seine erste Spielzeit eine Kombination von Klassikern der Moderne und Novitäten der Neuen Musik programmiert. Die Saison ist durchzogen von einem französischen und einem amerikanischen Strang, wobei zunächst Pierre Boulez und John Cage im Mittelpunkt stehen. Ende September 2011 war Boulez’ Pli selon pli zu hören, ein Werk, das Winrich Hopp als „Meilenstein der Musikgeschichte“ bezeichnet. Im Oktober-Konzert stand dann die posthume Uraufführung einer Komposition von John Cage auf dem Programm: das 1992 entstandene Orchesterwerk Eighty in originaler Besetzung.

Im weiteren Verlauf der Saison werden die Stränge weiter verfolgt: Für die französische Tradition stehen Olivier Messiaen und Tristan Murail, für die amerikanische Charles Ives und Elliot Carter. „Mehr und mehr Namen kommen dann hinzu“, erläutert Hopp das weitere Programm, „die Stränge lösen sich in ein mehrdimensionales Geflecht musikalischer Zeitgenossenschaft auf: Als Verfransung hat Adorno diesen Vorgang charakterisiert“. Teil dieses Prozesses sind zehn Uraufführungen, die der Bayerische Rundfunk in Auftrag gegeben hat, darunter Werke von Georg Friedrich Haas, Helmut Lachenmann, Eduardo Moguillansky und Enno Poppe.

Dirigent Pierre Boulez bei den Proben zum musica viva-Konzert am 30.September 2011, Foto: BR / Astrid AckermannDas Programm spiegelt den zentralen Gedanken, den bereits Karl Amadeus Hartmann formuliert hatte und der von Winrich Hopp explizit wieder aufgegriffen wird: „Aufgabe der musica viva ist es“, sagt Hopp, „ein Forum für die Musik der unmittelbaren Gegenwart zu sein – und zugleich ein Forum für die maßgeblichen Werke ihrer Geschichte“.

Dr. Michael Rebhahn
lebt als freischaffender Musikpublizist und Kurator in Frankfurt am Main und ist als Autor unter anderem für Deutschlandradio Kultur, hr2-kultur und WDR3 tätig.

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November 2011

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