Magazin – Neue Musik

Neue Musik 2011: Innovative Dramaturgien für ein neues Publikum

Ensemble musikFabrik bei der Aufführung von 'Sonntag aus Licht' von Karlheinz Stockhausen im Kölner Staatenhaus 2011; Foto: © Klaus Rudolph / Ensemble musikFabrik
Ensemble musikFabrik bei der Aufführung von 'Sonntag aus Licht' von Karlheinz Stockhausen im Kölner Staatenhaus 2011; Foto: © Klaus Rudolph

Die Neue Musik geht im Jahr 2011 auf das Publikum zu und wird überraschend gut angenommen. Margarete Zander wirft einen Blick auf aktuelle Entwicklungen.

„Was ist Neue Musik?“, fragte man Ende 2011 auf einer Veranstaltung im Automobil Forum Unter den Linden in Berlin.
Musiker des Kammerensembles Neue Musik Berlin präsentierten Kompositionen der letzen 50 Jahre, die die Aufmerksamkeit auf das Thema „Musik und Geräusch“ lenkten: Helmut Lachenmann, John Cage, Simon Steen-Andersen, Luigi Nono, Heinz Weber.

Die Musiker stellen die Werke wie begehbare Plastiken in den Raum. Aus der Musik ergeben sich Fragen, die im lockeren Vortrag aufgegriffen werden. Was könnte an der Musik faszinierend sein, welche Ausdrucksmittel werden genutzt, in welchem Kontext stehen die Werke. Titel der dreiteiligen Konzertreihe sind: Musik und Geräusch – Musik und Poesie – Musik und Rhythmus.

Der Trend zeigt: Gerade die Ensembles, die viel Neue Musik spielen, suchen mit kreativen Ideen den Weg zu einem größeren Publikum, zu den Kulturinteressierten.
So spielte das Kammerensemble für Neue Musik an Orten, die einladend wirken, aber nicht unbedingt für Musik stehen, wie das Berliner Foyer des ZDF-Hauptstadtstudios, das Foyer im Wissenschaftsforum am Gendarmenmarkt, das Tanzzentrum Dock 11 und die „Kapelle der Versöhnung“.

Auf Tuchfühlung

In der gläsernen Halle von Mies van der Rohe der Neuen Nationalgalerie Berlin entfalteten die Instrumente des Ensemble Modern beim Ultraschall Festival im Januar 2011 eine Aura wie Kunstobjekte.
Die Neue Musik stand hier mitten im Lebensraum Stadt. 2011 feierte das Ensemble sein 30-jähriges Bestehen – die Programme lesen sich wie ein Musikalmanach der Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts. Ob Zappa oder Lachenmann, hier werden Impulse zu Bewegungen, Scheinwerfer zu Laserstrahlen, Mikrokosmen zu Welträumen.

Das Ensemble ist nach wie vor demokratisch organisiert, als Primus inter pares führt der Klarinettist Roland Diry die Geschäfte.
Und mit den Konzerteinführungen in der Reihe „happy new ears“ hat man eine beispielhafte Plattform für den Austausch zwischen Musikern, Komponisten und Publikum geschaffen – und erschließt eine neue Zuhörerschaft. 

Beim neuen Festival cresc. Biennale für Neue Musik in Frankfurt und Darmstadt, das 2011 als Gemeinschaftsleistung des Ensemble Modern, des Sinfonieorchesters des Hessischen Rundfunks, des Internationalen Musikinstituts Darmstadt und der Musikhochschule Frankfurt ins Leben gerufen wurde, reagierte das Publikum besonders begeistert auf die Konzerte, in denen man zwischen den Musikern sitzend die Klänge hautnah erleben und sogar in den Noten der Spieler mit verfolgen konnte.

Musiker lustwandeln zwischen Konzert und Musiktheater

Ein weiteres Ensemble feierte 2011 sein Jubiläum: Das Ensemble musikFabrik wurde 20 Jahre alt und hat ein exklusives und gleichsam publikumswirksames Profil in der ersten Liga entwickelt.
Die Musiker gestalteten die Uraufführung des letzten Werks von Karlheinz Stockhausen, des 7-tägigen Zyklus' Licht, im Kölner Staatenhaus. Musikalisch raumgreifend und unglaublich dicht schufen sie ein begehbares Fantasie-Universum quasi um die Hörer herum. Der Zuhörer saß im Liegestuhl oder sah durch 3-D-Brillen und flog damit quasi wie in einer Raumsonde durch neue Sphären.

Der Manager des ebenfalls demokratisch organisierten Ensembles Thomas Oesterdiekhoff findet genau die richtigen Herausforderungen für seine Musiker. Schon im Frühjahr 2011 hatte man das Ensemble musikFabrik in Berlin beim Festival MaerzMusik mit einem offenen Spielkonzept von Rebecca Saunders im wiedereröffneten Café Moskau an der Karl-Marx-Allee in einem poetisch filigranen Stück erlebt.
Der einstige Vorzeige-Kulturclub aus DDR-Zeiten besticht durch sein gläsernes Ambiente. Die Durchsichtigkeit dient heute weniger der Kontrolle. Die Zuhörer wurden sanft lockend verführt, dem ein oder anderen Musiker akustisch zu folgen, hier und da zu verweilen und sich seine Klangperspektiven gehend und lauschend im dreistöckigen lichtdurchfluteten Haus selbst zu suchen.

Immer noch "das" Festival für Neue Musik: die Donaueschinger Musiktage

Zu einem weiteren Höhepunkt wurde der Auftritt des Ensembles musikFabrik bei den Donaueschinger Musiktagen.
Das legendäre Festival, das wie eine Messe und ein Branchentreff über neueste Trends und Entwicklungen reflektiert und inzwischen fast alle Konzerte mit überwiegend Uraufführungen live im Südwestrundfunk überträgt, konnte in diesem Jahr sein 90. Bestehen feiern.
Das Ensemble musikFabrik war als erstes ensemble in residence eingeladen. Auch hier zählte ein Stück von Rebecca Saunders zu den herausragenden Stücken, die neue Perspektiven öffnen: Stasis ist eine Raumcollage für 16 Solisten. In einem der wunderbaren neuen Donaueschinger Mehrzweckräume, dem Strawinsky-Saal der Donauhallen, der mit 390 Quadratmetern Grundfläche und einem Galerierundgang etwa Platz für 400 Zuhörer bietet, hatte Saunders mehrere Instrumentalinseln geschaffen. Die Musiker spielten in Gruppen, die miteinander im Raum kommunizierten, und es schien, als suchten sich die Klänge selbst in ihrer Entwicklung immer wieder neue Gruppierungen.

Das akustische Multiversum „Venedig“ im Konzertsaal

Solche Raumklangideen verleihen zahlreichen Konzerten Neuer Musik Eventcharakter. Sie müssen nicht von Musikern oder Veranstaltern erfunden werden, sondern sind der Musik immanent, von den Komponisten mitgedacht.

So waren die Aufführungen von Luigi Nonos Prometeo schon lange ausverkauft: Gleich zweimal konnte man 2011 das zentrale Werk des italienischen Komponisten hören: eine Kooperation zwischen Winrich Hopp, dem Leiter des Berliner Musikfestes und neuerdings auch der musica-viva-Konzerte des Bayerischen Rundfunks, und Markus Hinterhäuser, dem Intendanten der Salzburger Festspiele, hat dies möglich gemacht.
Nonos Tragödie des Hörens bewegt sich akustisch im Raum wie die Fahrten durch die Kanäle in Venedig.
Das Ohr wird ständig auf neue Szenen und Bilder gelenkt, die sich in den Straßen abspielen.
So entwickelte Nono die Vorstellung, die Zuschauer und Musiker säßen im Konzertsaal wie auf bewegten Inseln. Mit elektronischen Mitteln und der Klangfantasie der Mitwirkenden wurden sowohl die Aufführung in der Kollegienkirche in Salzburg als auch die mit dem Konzerthausorchester in der Berliner Philharmonie, jeweils verstärkt durch Solisten des Ensemble Modern, zu einzigartigen subtilen Mysterium des Hörens. Die Klangregie lag jeweils in den Händen von André Richard.

Der Aufschrei der Medea

Nie hat der Komponist Aribert Reimann sich in eine Nische für Spezialisten der Neuen Musik zurückgezogen. Auch seine Oper Medea feierte 2010 in Wien und Frankfurt Triumphe beim Opernpublikum. Die konkrete betörende Sinnlichkeit der Klänge schafft eine magische Aura.
Im Mai 2011 bekam Aribert Reimann den Ernst von Siemens Musikpreis. Der 75jährige Einzelgänger (geboren 1936 in Berlin) mit internationalem Profil hat mit einem melosbestimmten Duktus immer das große Publikum angesprochen. Und die großen Interpreten. Stellvertretend für alle Wegbegleiter galt Aribert Reimanns Dank Dietrich Fischer–Dieskau. Ihn hatte er viele Jahre am Klavier begleitet. Und der Sänger war es, der ihn unter anderem zu seiner erfolgreichen Oper Lear angeregt hat.

Impulse aus dem Kennenlernen der Kulturen

Die politischen Kämpfe des arabischen Frühlings waren 2011 überall in den Medien präsent, da stellte Christiane Leiste im Dezember bei den Hamburger Klangwerktagen die Frage nach der Neuen Musik im Iran. Und dieses Thema „lockte sogar Menschen, die sonst mit zeitgenössischer Musik nichts am Hut haben,“ schrieb Ute Schalz-Laurenze in der neuen musikzeitschrift.

Neben der Diskussion, die auch die Einflüsse von Cage und Nono in die arabische Welt zeigten, wurden die Aufführungen der Irdischen Offenbarung des iranischen Komponisten Nader Mashayekhi zum Höhepunkt.
Im Wechselgesang von Sepideh Vahidi und Marlis Petersen begegneten sich zwei Kulturen, unterstützt durch das Ensemble Resonanz. Und Mashayekhi erklärt, dass nicht der gemeinsame Kompromiss mit Verzicht auf das Eigene, sondern das gemeinsame Nebeneinander die ideale Vorstellung von einem gelungenen Miteinander der Menschen unterschiedlichster Herkunft sei.

Geförderte Chancen für die Neue Musik in der Gesellschaft?

Das von der Bundeskulturstiftung finanzierte Netzwerk Neue Musik war 2008 mit großem Enthusiasmus gestartet, Ende 2011 endete die Förderung für die insgesamt 15 Programme in ganz Deutschland, die sich zum Ziel gesetzt hatten, Neue Musik stärker in der Gesellschaft zu verankern.
Das Programm hat die Szene in Bewegung gebracht und das kreative Potenzial gefördert, das die Veranstalter mit Konzerten Neuer Musik haben – allerdings ist es nicht gelungen, alle Projekte langfristig zu sichern: Nur sieben haben es geschafft, durch neue Fördermittel ihre Position zu verbessern.
Auch in der Wahrnehmung auf Bundesebene ist es nicht wie gehofft gelungen, der Neuen Musik als Genre wirklich eine größere gesellschaftliche Bedeutung und ein positiveres Image zu geben. Was Stars der Konzertszene auf diesem Feld ohne zusätzliche Millionen erreichen können, zeigt wieder einmal Simon Rattle.

Die Neue Musik wird zu einer willkommenen Zugabe

Mit seinen in der Berliner Philharmonie neu etablierten Late-Night-Konzerten lädt Simon Rattle seit der Saison 2011/2012 persönlich das Publikum ein, nach einem Konzert mit den Berliner Philharmonikern in der Philharmonie zu verweilen und in einem anschließenden Nachtkonzert Neue Musik zu erleben.
Den ersten Abend gestaltete er mit Magdalena Kožená und Songs von Luciano Berio sowie Musik von Luigi Dallapiccola und Manuel de Falla, zum zweiten lud er sich die Neuen Vocalsolisten aus Stuttgart ein und verführte mit György Ligetis Aventures und Nouvelles Aventures das Publikum. Mehr als 1200 Konzertbesucher feierten hier die Musik des 20. Jahrhunderts.
Simon Rattle schafft es, das Unbekannte zu einem Plus zu machen. Plötzlich bekommt die Neue Musik - die von einem Großteil des etablierten Publikums gemieden wurde – ein positives Vorzeichen: sie wird zu einem willkommenen Mehrwert im Konzertleben.

Dr. Margarete Zander
arbeitet als freie Kultur-Journalistin für NDR Kultur und andere Programme der ARD sowie für verschiedene Zeitschriften. Sie ist freie Dozentin an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und kuratiert das Ultraschall Festival für Neue Musik für das Kulturradio des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

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Februar 2012
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