Magazin – Neue Musik

Lehrbuch, ade! – Das Festival MaerzMusik 2012 feiert John Cage

MaerzMusik / Christopher FelverTomomi Adachi bearbeitet John Cages Text '„Sixty-two Mesostics re Merce Cunningham“ beim Festival MaerzMusik 2012, Foto: MaerzMusik / Kai BienertDas Werk und Wirken des Komponisten John Cage durchlebte in Deutschlands Musikwelt eine turbulente Auseinandersetzung. Das Berliner Festival MaerzMusik widmete sich daher im Jubiläumsjahr 2012 seiner Kunst und deren Folgen. Ein Ausblick.

Das Berliner Festival MaerzMusik hat sich stets im besonderen Maße um die amerikanische Avantgarde bemüht. Gleich im ersten Jahr, 2002 war das, begab man sich einen ganzen Tag lang auf John Cages Spuren. Da wurde Stille auf verschiedene Weise interpretiert, standen Ausarbeitungen seiner offenen Werkkonzepte auf dem Programm und natürlich Musik von Cage selbst.

John Cage in den Fünfzigerjahren, Foto: MaerzMusik / John Cage TrustSchon damals wurde deutlich, dass Cage das Selbstverständnis der Neuen Musik nicht nur auf fast allen Ebenen geprägt hat, sondern dass seine Errungenschaften auch in den Werken einer jungen Generation weiterlebt. Damals waren unter anderem der Klangkünstler Jens Brand, die Elektroniker Werner Dafeldecker und Boris Hegenbart und der Komponist hans w koch an den Projekten beteiligt. Insofern ist John Cage eine Konstante und weiterhin ein entscheidender Flucht- und Ausgangspunkt für die Programmgestaltung eines „Festivals für aktuelle Musik“.

„Ein Scharlatan!“

Dabei ist die Cage-Rezeption in Deutschland alles andere als unproblematisch verlaufen. Erinnert sei an die Tumulte, die seine Einladung nach Darmstadt 1958 nach sich zog, wo er das Publikum spaltete und heftige Debatten provozierte. Der langjährige Leiter der Ferienkurse, Ernst Thomas, beschimpfte ihn offen als „Scharlatan“ und letztlich konnte man sich mehr als drei Jahrzehnte nicht dazu überwinden, Cage abermals auf das Podium der renommierten Veranstaltung zu holen. Gleichwohl gab es seit den Fünfzigerjahren auch Verehrer und Eiferer.

Der alte John Cage, Foto: MaerzMusik / Christopher FelverDer Musiktheoretiker Heinz-Klaus Metzger machte sich für Cages anarchisches Denken stark. Und mit Dieter Schnebel gab es einen jungen Komponisten, der Cages ästhetische Haltung aufgriff und grafische Partituren, Performancestücke und offene Werkkonzepte realisierte, sodass die von Cage angestoßenen Fragestellungen auch im deutschen Musikleben virulent wurden. Und dann sind da noch Komponisten wie etwa Josef-Anton Riedl, Walter Zimmermann, Ernst-Albrecht Stiebler, Carola Bauckholt und Gerhard Stäbler, die sich immer wieder offen zu Cage bekannt haben.

Das Altern der Neuen Musik

Diskutieren über John Cage beim MaerzMusik Symposium, Foto: MaerzMusik / Kai BienertHeute stellt sich die Situation freilich anders dar. Zum einen lässt sich feststellen, dass Cage längst historisch geworden ist. Im Rahmen der MaerzMusik 2012 wurden aus Anlass von Cages hundertstem Geburtstag in diesem Jahr zahlreiche seiner Werke aufgeführt und vielen dieser Stücke haftete die Patina des Vergangenen an. Das Orchesterstück 103, bei dem die Musiker ihre Töne mit großer Gelassenheit frei innerhalb eines bestimmten Zeitfensters vortragen sollen, glänzte nicht mehr im Schein des Neuen, sondern leuchtete nur noch matt. Das Tonbandstück Williams Mix, ein Pionierstück der frühen Fünfzigerjahre, für das Cage Klänge ihrer Herkunft nach kategorisierte und dann gegeneinander schnitt, wirkt heute wie ein medienarchäologisches Artefakt. Es war Adorno, der einst „vom Altern der Neuen Musik“ sprach, und damit einen der zentralen Widersprüche der Avantgarde formulierte. Auch Cage schuf keine zeitlose Kunst.

Nachhaltigkeit, Wirksamkeit

Inhaltlicher Kontrapunkt: Das Konzert des SWR Sinfonieorchester unter Lothar Zagrosek (links) mit Werken von Morton Feldman und Wolfgang Rihm (rechts), Foto: MaerzMusik / Kai BienertAndererseits muss man feststellen, dass es kaum einen Bereich des zeitgenössischen Musiklebens gibt, auf den Cage sich nicht nachhaltig ausgewirkt hat. Wir verdanken ihm den Begriff der Live-Elektronik, die Musikalisierung des Alltags, die instrumentale Erweiterung des präparierten Klaviers, die Ästhetisierung des Zufalls, neue Notationsformen, einen offenen Werkbegriff und eine veränderte Wahrnehmung von Musik, Umweltgeräuschen und Stille. Es muss also nicht explizit auf Cage hingewiesen werden, um seinen Einfluss geltend zu machen; es ist ihm ohnehin kaum auszuweichen.

Wohl auch deshalb bezogen sich im Jubiläumsjahr nur wenige Künstler explizit auf das allgegenwärtige Vorbild. Im Rahmen der MaerzMusik applizierte der japanische Musiker Tomomi Adachi Cages Text Sixty-two Mesostics re Merce Cunningham auf die eigene Vokalpraxis und ergänzte sein Programm außerdem um ein Werk von Hugo Ball, um eine historische Linie aufzuzeigen – vom Dada über Cage bis hin zu eigenen Stücken, die er als „mainstream of modern art“ bezeichnet. Werner Dafeldecker und Valerio Tricolo wiederum haben sich der Partitur des historischen Tonbandstückes Williams-Mix angenommen und das Stück mit aktuellen und eigenen Klängen rekonstruiert. Ihr Williams Mix Extended ist ein ganz originäres und neues Stück, dass sich nur noch dem Konzept nach auf Cage zurückführen lässt. Darüber hinaus beschäftigte sich ein von Tomomi Adachi bis Christian Wolff prominent besetztes dreitägiges Symposium im Rahmen des Festivals auch wissenschaftlich und musikgeschichtlich mit „John Cage und die Folgen“.

USA und Europa – die zwei Avantgarden

Der amerikanische Komponist Robert Ashley, Foto: MaerzMusik / Kai BienertNatürlich wurde im Rahmen der MaerzMusik 2012 nicht nur John Cage gespielt und über ihn diskutiert, sondern auch Musik seiner Zeitgenossen und Weggefährten: Morton Feldman, Christian Wolff, die Künstler der Sonic Arts Union wie Robert Ashley, David Behrman und Alvin Lucier. Gleichzeitig feierte man noch einen zweiten runden Geburtstag, denn Wolfgang Rihm wurde in diesem Jahr 60 Jahre alt. Und in der Gegenüberstellung der beiden Jubilare ließ sich etwas erfahren über die kulturellen Unterschiede zwischen den Kontinenten und das Selbstverständnis der Avantgarden in Europa und den USA.

Rihm – das ist musikalische Meisterschaft und auf eine Großartigkeit angelegte Kunst mit einem bürgerlichen Hintergrund. Die US-amerikanischen Komponisten bewegten sich hingegen häufig am Rande der Gesellschaft; ihre Werke sind um ein vielfaches radikaler, die darin enthaltenen Fragestellungen grundsätzlicher. Man muss nur Rihms süffigen, schmachtenden Doppelgesang für Klarinette, Viola und Orchester dem klaustrophoben, beinahe unwirklich schimmernden Orchesterstücke Coptic Light von Morton Feldman gegenüberstellen, um zu begreifen, dass hier grundverschiedene Prinzipien am Werke sind.

Alvin Luciens Gehirnstrommusik auf der Bühne, Foto: MaerzMusik / Kai BienertAlvin Luciers Experimente mit Gehirnströmen (Music for Solo Performer) und Cages Amplifikation gezupfter Kaktusstacheln (Branches) hat natürlich nur noch wenig mit den Lehrbüchern des Tonsatzes und der Orchestrierung zu tun. Die Kunst hiervon befreit zu haben, ist vielleicht John Cages größter Verdienst gewesen – auch für Komponisten und Hörer neuer Musik in Deutschland.

Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2012

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