Werke

František Chaloupka MAŠÍN GUN – The Seven Rituals for purging the Czech Lands from the Spirit of Communism (2012) für Ensemble

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Besetzung: Flöte, Oboe, 2 Klarinetten, Fagott (auch Kontrafagott) – Horn, Trompete, Posaune – Schlagzeug, Klavier – Streicher

Ctirad Mašín und Josef Mašín jun. sind in Tschechien Volkshelden bzw. Volksfeinde. Bis heute wird darüber gestritten, ob die Anschläge und die mörderische Flucht der beiden Brüder nun als heroische Taten zu feiern oder als Verbrechen zu verurteilen sind. Fakt aber ist, dass sich die beiden Brüder bis heute im Bewusstsein der tschechischen Bevölkerung gehalten haben. Als Söhne eines Offiziers, der schon im Zweiten Weltkrieg im Widerstand gegen die deutsche Besatzung gekämpft hatte und schließlich hingerichtet wurde, gingen sie seit den Vierzigerjahren gehen das kommunistische Regime in der Tschechoslowakei vor. In den stalinistischen Jahren wurden viele ihrer Freunde zum Tode verurteilt oder verschwanden einfach ohne weitere Spur. Im Herbst 1953 flohen die Brüder Mašín in einer "Wild West"-ähnlichen Verfolgungsjagd und schossen sich ihren Weg nach West-Berlin frei. Für die Polizei der ČSSR und der DDR wurde die Aktion zu einer peinlichen Niederlage. Aber es starben auch vier Polizisten bei dieser Flucht, zwei weitere wurden schwer verletzt – ein Umstand, der die öffentliche Meinung bis heute gegen die beiden Widerstandkämpfer einnimmt.

Der tschechische Komponist František Chaloupka wurde 1981 geboren. Für ihn sind die Brüder Mašín eine historische Episode, die aber eben bis heute im Bewusstsein der Bevölkerung verankert ist. Sie sind ein moderner Mythos, der aber interessanterweise sowohl von den Kommunisten als auch von den Antikommunisten für ihre Zwecke ausgeschlachtet wurde. Mit seinem Stück MAŠÍN GUN erinnert er an diese Episode. Die sieben Rituale, die das Land vom kommunistischen Geist reinigen sollen, sind sieben Sätze, die einerseits eine klare musikalische Form vorgeben und die gleichzeitig unterschiedliche Charaktere ausarbeiten. Dem Verlauf nach ist das Stück zyklisch angelegt, mit einer Einleitung und einem Epilog sowie drei von Intermezzi unterbrochenen Hauptsätzen. Die Verlaufsform ist symmetrisch, die Tempi nehmen nach innen hin ab und nach außen hin wieder zu.

Die Skizzen zu MAŠÍN GUN lassen erahnen, wie Chaloupka das Material zu seinem Stück präfiguriert hat. Zum einen gehen insbesondere die vielen Glissandi auf "unregelmäßige Pendelbewegungen" zurück, die der Komponist als Zickzackkurve notiert. Diese Pendelbewegungen haben Eingang gefunden in die Partitur von MAŠÍN GUN, vor allem in den Glissandi, die die gesamte Streicherpartie des Werks prägen und die Chaloupka gleich zu Beginn des Stückes exponiert. Die Skizzen enthalten außerdem viele Punktscharen, die auseinander laufen, sich zu klaren Formen verdichten, die aufwärts oder abwärts fliehen.

Die beiden Intermezzi fallen aus dem Zyklus heraus, schon aufgrund ihrer Besetzung. Es sind ruhende, fast magische Augenblicke, für die Chaloupka ganz einen dunklen Klang schafft – mit Klarinette, Kontrafagott, großer Trommel, Violoncello und Kontrabass. Weithin abgehoben ist außerdem der Mittelsatz. Hier wechseln die Tempi von Takt zu Takt. Der Satz beginnt mit der Tempofolge Largo, Prestissimo, Moderato, Vivace – und das sind, wie gesagt, nur die ersten vier Takte. Auch kommen Tamtam und Amboss kommen nur im Mittelsatz zum Einsatz, was den herausgehobenen Stellenwert und den zeremoniellen Charakter noch unterstreicht.

Herausgehoben ist auch der Schlagzeuger, der zwar auch Vibrafon, Becken, Tamtam und Amboss spielt, dessen Hauptinstrument aber die große Trommel ist und der hier, so will es die Partitur, als "Solist" hervortreten soll. Mit dem Reiben auf dem Fell der großen Trommel unterstreicht Chaloupka den Ritualcharakter der Musik, wie er dem Schlagzeuger insgesamt ein "theatralisch-rituelles Gebaren" nahelegt.
Bemerkenswert an MAŠÍN GUN ist, dass Chaloupka keine Stellung zu den Ereignissen um die Brüder zu beziehen scheint. Eher wird die Ritualisierung und die Beschwörung des Mythos an sich hinterfragt. Dass der Titel MAŠÍN GUN in seiner Aussprache dem englischen Machinegun, dem Maschinengewehr also, ähnelt, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

František Chaloupka wurde 1981 in der Tschechischen Republik geboren und studierte zunächst am Janáček Konservatorium in Ostrava und dann bei Martin Smolka in Brno.

Gastaufenthalte führten ihn nach Den Haag zu Louis Andriessen und nach Wien zu Detlev Müller-Siemens. Er wurde im Rahmen der Ostrava Days for New Music 2005 und 2007 ausgezeichnet. Seit 2011 ist er Stipendiat der Stiftung des Tschechischen Musikfonds. 2011 gründete er das Dunami Ensemble – mit jungen tschechischen Musikern, die sich der neuen und der experimentellen Musik widmen.
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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