Werke

Kristaps Pētersons Money (2012) für Ensemble

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Besetzung: Flöte (auch Piccolo), Englischhorn (auch Papierflugzeug), Klarinette – Horn, Trompete, Posaune – Schlagzeug (auch Geldsäcke, weiße Fahne und gerahmtes Porträt) – Violine (auch Geldscheine), Viola, Violoncello, Kontrabass

Lachen verboten, schreibt Kristaps Pētersons in die Partitur, denn Letten seien ernste Menschen. Und eigentlich ist es auch kein besonders lustiges Thema, denn es geht in Pētersons Stück um Geld. Pētersons erinnert sich an den ersten wirtschaftlichen Aufschwung in Lettland im Jahre 2007, als man glaube, dass sich ewiger Reichtum einstellen und Lettland zu einem modernen Schlaraffenland werde. Der erste Satz seines Stücks heißt MONEY – economic boom/economic crisis, denn es folgte 2008, "wie durch ein Wunder", wie Pētersons süffisant anmerkt, eine ökonomische Krise: "Massenarbeitslosigkeit und Gehaltskürzungen von bis zu 60% waren die Folge. Alle mussten den Gürtel enger schnallen, mehr schuften, auswandern (und woanders mehr schuften), manche begingen gar Selbstmord." Trotzdem hat Pētersons seinen Humor nicht verloren, sondern nimmt in seinem Stück die Raffgier der Politiker und Banker aufs Korn.

Um solch ein Stück zu schreiben, braucht man natürlich hinreichend Requisiten, von klingendem Münzgeld bis hin zu Papierscheinen, die sich gut zwischen den Saiten eines Streichinstruments fädeln lassen und dadurch Schöneres verhindern. Der Übermut, mit dem dann auch noch Kinderbasteleien zum Einsatz kommen, leitet die Krise unwiderruflich ein, ein finsteres Kapitel mit schwarzem, galligem Humor, in dem auch die Mediengesellschaft und die ökonomische Abhängigkeit der westlichen Demokratien infrage gestellt wird. Mit viel Humor und theatralischen Gesten zeichnet Pētersons nicht nur ökonomische und monetäre Phänomene nach, sondern auch den Habitus des Erfolgs und der Siegessicherheit, der Niederlage und der Hoffnungslosigkeit.

Dass Pētersons im zweiten Teil des Stückes nicht nur eine Lösung des Problems andeutet, sondern gleichzeitig das Wort Geld durchstreicht, macht klar, dass er das Wohl der Menschheit nicht an deren finanzielles Wohlergehen knüpft. Was folgt ist ein Szenario, in der nicht nur Hierarchien abgebaut werden, sondern auch lustvolles Experimentieren und Neugier der Antrieb für Aktionen sind und nicht der Profit. Nutzt Pētersons die Techniken der musikalischen Avantgarde im ersten Teil, um plakativen Klanggesten zu komponieren, dann geht es in diesem zweiten Teil nicht mehr primär um Effekt und Spielerei, sondern die Musik selbst.

Pētersons hat seiner Partitur eine Anleitung zum Hören beigefügt. Dort heißt es:
"Dieses Stück ist als Spiel gedacht, als intellektuelles Spiel für das Publikum. Mit ein bisschen Fantasie kann man dabei durch drei Ebenen reisen (wie in einem Computerspiel). Um das Spiel zu spielen, muss der Spieler in der Lage sein, selbständig zu denken, also jemand, der Lügen erkennt und der zur Wahrheit findet, indem er Ereignisse analysiert. Wenn dann noch Sensibilität hinzu käme, dann hätte ich meinen idealen Zuhörer/Zuschauer gefunden. Die Botschaft des Stücks ist einfach – benutze dein Gehirn. Ich gestehe, dass mein idealer Zuhörer/Zuschauer diese Botschaft gar nicht nötig hat. Ich sollte mich eher an die wenden, die nicht selbst analysieren können und ohne zu zögern tun, was ihnen gesagt wurde. Aber um ehrlich zu sein: ich kann sie nicht erreichen. Der einzige Nutzen, den mein idealer Zuhörer/Zuschauer daraus ziehen kann, ist: du bist nicht allein."

Die drei Ebenen nennt Pētersons Vordergrund (Aufschwung und Krise), Hintergrund (Gesten, Klangsymbole) und die "wahrscheinlich nicht zu erratende" Ebene, auf der seine eigene Haltung zum Ausdruck kommt. Pētersons enthüllt dort auch die Quelle des gesprochenen Texts: er ist einem Graffiti des englischen Streetart-Künstlers Bansky entlehnt.

Kristaps Pētersons wurde 1982 im lettischen Valmiera geboren und studierte an der Lettischen Musikakademie in Riga Kontrabass und Komposition. Er schloss beide Fächer 2005 mit dem Bachelor ab, wobei er die Bestnote erhielt; 2007 wurde ihm der Masters Degree in Komposition verliehen. Weitere Master-Titel erwarb er an den Musikakademien in Oslo und Enschede.

Seine Komposition Glenfiddich wurde mit der Auszeichnung Forest orderly 2008 prämiert, die das Musikmagazin Mūzikas Saule verleiht. Bei dem renommierten Wettbewerb International Rostrum for Composers gewann er 2010 in der Kategorie der Unter-Dreißigjährigen mit seinem Stück Twilight Chants. Kristaps Pētersons ist seit 2005 Mitglied des Lettischen Symphonieorchesters
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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