Werke

Nina Šenk Twenty In Five (2012) für Ensemble und Sprecher

© GI

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Besetzung: Flöte (auch Altflöte & Piccolo), Oboe, Klarinette, Bassklarinette, Kontrafagott – Horn, Trompete, Posaune – Klavier, Schlagzeug – Sprecher (auch Zusatzinstrumente) – Streicher

Fünf verschiedene Blickwinkel auf 20 Jahre Unabhängigkeit. So erklärt sich der Titel des Stücks von Nina Šenk. 1992 erlangte Slowenien die Unabhängigkeit. Wie aber schätzen die Slowenen die Unabhängigkeit ihres Landes heute ein? In einer bemerkenswerten Erhebung bat Šenk slowenische Schriftsteller um eine Stellungnahme zur Frage der nationalen Souveränität. Aus diesen Texten wählte Šenk 25 aus, die sie dann zu einer Art Libretto collagierte. Auf die Einleitung mit zwei Aussagen zur Staatsgründung folgt ein Abschnitt mit "ersten Eindrücken". Die Autoren äußern Verwunderung, aber auch Ablehnung und beschreiben Slowenien als "feisten Zwerg". Šenk sucht hier nach Eindrücken, die ein Besucher, ein Tourist zum Beispiel, in Slowenien empfängt. Es geht dabei um Klischees und Folklore, die auch musikalisch ausgearbeitet werden, zum Beispiel die gepfiffenen Motive eines "quasi folk tune". Der dritte Abschnitt ist eine kritische Bestandsaufnahme: man habe keine Armee, keine eigene Währung, man sei frei, stehe aber unter dem Anpassungsdruck der Globalisierung. Die kleine Trommel mit ihren wirbelnden Stößen erinnert von Ferne an den Jugoslawienkrieg, der die Unabhängigkeit erst möglich machte. Im vierten Teil exponiert Šenk den Pessimismus, den sie als typisch slowenisch bezeichnet. Die hartnäckige Wiederholung der Formel "Nur keine Änderung" respektive "Just no changes" ist mit einer fast schon sarkastischen Note versehen. Und dann ist auch noch von erstickenden Feuerwehrleuten die Rede, von einem Zuhause ohne Haus und Tür, von ewigem Eis und ewiger Nacht. Mit dem Blick gen Zukunft gerichtet, eröffnet sich am Schluss noch einmal ein positiver Ausblick, bei dem der Pioniergeist und die Kreativität der Künstler angesprochen wird.

Šenk verleiht ihrem Stück einen theatralischen Zug, der nicht nur mit den Bewegungen auf der Bühne zu tun hat, sondern mehr noch mit der Verteilung der Rollen auf einen Sprecher und die Musiker im Ensemble, sodass ein Wechselspiel zwischen dem Einzelnen und der Menge, einer Aussage und einem Kommentar möglich wird. Hinzu kommen Instrumente mit einem gewissen Aussagewert, wie das Züchtigungsinstrument Pritsche und die Trillerpfeife, die sich sowohl der Obrigkeit als auch dem Protest zuordnen lässt. Außerdem arbeitet Šenk mit verschiedenen Sprachen, mit der Lingua franca der anglophonen Hegemonie, dem Englischen, aber auch mit dem Deutschen und dem Italienischen, um die besondere Bedeutung der Grenzländer Österreich und Italien hervorzuheben. So entstehen musikalische Szenen, die keine Vertonung im herkömmlichen Sinne des Wortes sind, aber auch keine Bühnestücke. Šenk Tonsatz ist illustrativ, bisweilen robust und ruppig, aber nie platt oder gar plakativ. Der Text steht im Vordergrund, er ist nicht rhythmisch ausnotiert, sodass sich der Sprecher gewisse Freiheiten im Vortrag nehmen kann. Die Musik begleitet nicht einfach, sondern sie kommentiert und interpoliert; sie ist im doppelten Sinne des Wortes hintergründig.

Nina Šenk wurde 1982 in Slowenien geboren und studierte zunächst Komposition an der Musikakademie in Ljubljana bei Pavel Mihelčič. Von 2005 bis 2007 absolvierte sie ein Postgradierten-Studium bei Lothar Voigtländer an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden sowie von 2007 bis 2008 bei Matthias Pintscher an der Hochschule für Musik und Theater in München.

Ihr Violinkonzert Nr. 1 wurde beim Young Euro Classic Festival 2004 aufgeführt und mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Bei den Weimarer Frühlingstagen 2008 gewann ihr Stück Movimento fluido den Kammermusikwettbewerb. In den Saisons 2008/2009 und 2009/2010 war sie als composer in residence zu Gast am Staatstheater Cottbus. Für dieses Haus schrieb sie ihr zweites Violinkonzert sowie das Orchesterstück Echo II und Schnitt für Saxophon und Ensemble. Für das Neue Musik-Netzwerk European Instrumental Laboratory entstand das Stück "...glitzert, flimmert, vergeht..." für Sopran und großes Ensemble; es wurde 2010 von den Ensembles Slowind, Aleph und Altera veritas in Slowenien, Frankreich und Lettland aufgeführt. Nina Šenk lebt als freischaffende Komponistin in Deutschland und Slowenien.
Björn Gottstein
schreibt als freier Musikjournalist über neue und elektronische Musik. Er lebt in Berlin.

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