Über das Projekt

Giraffe du Sennaar - Langlumé - Atlas vol. 10, 11 and 12, BNF

Why Talk to Animals

In unserer westlichen Moderne werden Tier und Mensch als gegenteilig angesehen, denn nur der letztere hat Sprache, Bewusstsein und soziale Umgangsformen und unterscheidet sich dadurch vom Tier. Das Ganze ist aufgeteilt in zwei Teile: Wir bewohnen den einen, sie bewohnen den anderen. Unserer heißt Kultur und wird von freien Subjekten gestaltet, ihrer heißt Natur und versammelt lebendige, aber geist- und willenlose Objekte. Der moderne Mensch versteht sich also in Abgrenzung gegenüber der Natur. Er beansprucht eine Ausnahmestellung unter den weltlichen Lebensformen.

In Anlehnung an die Philosophie Donna Haraways stellen wir die menschliche Sonderstellung sowie die Spaltung der Welt in Natur und Kultur in Frage. Human nature is an interspecies realtionship. Aber wie?

Vielleicht reicht es nicht, weiter nur über Tiere zu sprechen. Vielleicht müssen wir anfangen, vermehrt mit ihnen zu sprechen – denn das öffnet einen Raum, in dem ihre Antwort gehört werden kann. Sie werden nicht unsere Sprache verwenden und anders reagieren als erwartet. Dennoch sollten wir lernen, sie als Dialogpartner zu akzeptieren, und anfangen, mit ihnen über eine gemeinsame Welt zu verhandeln.

Why Talk to Animals ist eine Trilogie zu Mensch-Tier-Beziehungen in Prag und Pilsen, der Kulturhauptstadt Europas 2015. Den ersten Teil bildet die eintägige Konferenz Portraying Animals in Prag. Sie eröffnet das diskursive Feld für ein Live-Event, das im September in Pilsen stattfindet: ein öffentliches Casting und Foto-Shooting für eine zweite Arche Noah – diesmal mit Interspecies-Pärchen. Die Fotografien werden dann als Motive für die Herstellung von alltäglichen Produkten genutzt, die für den Rest des Jahres in Verkaufsräumen in Prag und Pilsen zu erwerben sind.

Doch alles fing ganz anders an ...


Prag-Berlin, Januar 2014

Lieber Jakob,

nach unserem Gespräch über ein mögliches Projekt in Pilsen und unserem Spaziergang zum Zoo, erzähle ich Dir von einem spontanen Bild, dass ich auf meiner Rückreise im Zug nach Berlin hatte:

Diese Wegstrecke, 1000 Meter lang, die Stadt und Zoo verbind, das ist doch eine traumschöne Konstellationen von Orten. Und wie ungewöhnlich, dass der offizielle Name des Wegs sich von seiner Länge ableitet: der Kilometer. Und dann liegen Zoo und Amphitheater direkt nebeneinander, die beiden Orte an denen Menschen Tiere besonders gerne ausstellen und betrachten.

Um ca. 1830 landete in Marseille La Zarafa. Sie ist eine im Sudan eingefangene Giraffe, die nach einer langen Schiffreise mit ihren Begleitern von Marseille bis nach Paris zu Fuß schritt, während die Strassen umsäumt waren von einem begeisterten Publikum, das das unbekannte Tier bejubelte. Über einen Monat dauerte ihr Weg nach Paris. Ich weiß nicht, wie viele postkoloniale Tiere im Pilsener Zoo leben, das ist auch nicht so wichtig, es gibt jede Menge Geschichten zu erzählen auch über die einfach gepanzerten Nebengelenktiere oder Schildkröten. An einem schönen Sonntagnachmittag im September 2015 gibt es auf dem Pilsener Kilometer eine Tierparade, immer ein Tier aus dem Zoo wird geführt, gehalten, getragen, gezogen von einer Person. Den ganzen Kilometer entlang. Tier und Mensch tief ins Gespräch vertieft. Irgendwo auf der Strecke eine oder zwei Tribüne mit Zuschauern. (Getränke, Devotionalien, live Musik). Kommt das Menschtierpaar vorbei wird es still und man kann hören was sich Mensch und Tier so erzählen. Und dann und wann ein weißer Elefant.

Der Kilometer, und das wurde erst vor kurzem entdeckt, ist ein natürlich gewachsenes Laboratorium, das jene experimentelle Versuchsbedingungen bereitstellt, die man vorhalten muss, will man die sprachliche Kommunikation zwischen Mensch & Tier hörbar machen. Die Paare mögen in einem speziellem Verhältnis zueinanderstehen, langjährige Besucher oder Pfleger des Zoos, Forscher, Tiermaler, Hundetrainer und –tänzer, .... Vielleicht ähneln sie sich. Vielleicht sind durch ihre Freundschaft und professionelle Beziehungen spektakuläre Morphing-Effekte entstanden. Das wäre noch herauszufinden. Angeführt wird die Parade von dem toten John Berger („Warum sehen wir Tiere an“) (wahlweise auch Dietmar Dath) und der lebendigen Donna Haraway („The companion species manifesto“). Da es sich in Pilsen anbietet, könnten einige Menschen auch mit Puppen/Menschobjekten/Robotern paradieren und sprechen. Auch dann könnte wiederum Donna Haraway den Zug anführen („Cyborg Manifesto“) und der tote Tadeusz Kantor („La classe morta“)(wahlweise auch Robert Wilson). Die Parade ist langsam, erstreckt sich über den ganzen Tag, mit vielen Leerstellen, da muss sich das Publikum auf der Tribüne schon selber unterhalten. Dann aber schreitet wieder ein Paar vorbei. Ist es ein Probelauf möglicher Paare für eine nächste Arche Noah? Der Kilometergang wird in einer einzigen Einstellung festgehalten. Angekommen in der Arena gibt es ein öffentliches Fotoshooting, Tier und Mensch werden portraitiert mit dem Amphitheater als Hintergrundskulisse. Die Motive werden später auf Kissen gestickt, auf Streichholzschachteln geklebt, auf Stoffe gedruckt und als Tapete verkauft und auf Postkarten verschickt. Unser Beitrag zur Kulturhauptstadt Pilsen. Alle Produkte künden von der großen Pilsener Spezientoleranz und –verbundenheit. Deshalb auch NatureCultural Capital of Europe: Pilsen 2015! Wir eröffnen einen Laden in Pilsen und einen Ableger in Prag, wo wir die Produkte anbieten und verkaufen. Die Verkäuferin ist gefiedert und spricht Theorie.

Was hälst Du davon?

Schöne Grüsse,
Hannah