Bildungsutopien

Wie kompetent ist die „Netzgeneration“? – Einschätzungen von Heidi Schelhowe

Heidi Schelhowe; © privatHeidi Schelhowe; © privatDigitale Medien brauchen urteilsfähige Nutzer – und das von Anfang an. Doch wie sieht es mit der Medienkompetenz von Jugendlichen aus? Es gibt noch viel zu tun, sagt Bildungsexpertin Heidi Schelhowe.

Im Mai 2009 präsentierte Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) die von ihr in Auftrag gegebene Studie Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur. Eine Expertenkommission hatte den Bericht unter Federführung der Bremer Professorin Heidi Schelhowe erstellt.

Frau Schelhowe, die junge Generation wird oft als „Netzgeneration“ bezeichnet. Ist das gerechtfertigt?

Das wird kontrovers gesehen. Das Schlagwort von der Netzgeneration besagt, dass Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien von selbst die dafür notwendigen Fähigkeiten entwickeln. Die Gegenposition geht davon aus, dass Jugendliche durch den Einfluss des Netzes das Denken verlernen.

Meiner Meinung nach muss man das differenzierter sehen. Der Mensch verändert sich immer mit seiner Umwelt. Auch Jugendliche verändern sich mit den Neuen Medien, mit denen sie aufwachsen und eine Menge Zeit verbringen. Aber es ist nicht so, dass sie automatisch durch das Netz einseitig positiv oder negativ beeinflusst werden.

Hohe Bedienungskompetenz

Welche Kompetenzen haben Jugendliche im Umgang mit digitalen Medien tatsächlich?

Broschüre Kompetenzen in einer digital geprägten Kultur; © BMBFEinige Jugendliche haben auf der technischen Ebene eine hohe Bedienungskompetenz: Sie sind in der Lage, einen Computer zu nutzen und sich in sozialen Netzwerken zu bewegen. Über welche Medienkompetenz sie verfügen, darüber liegt uns wenig vor, das empirisch gesichert wäre. Die wissenschaftlichen Untersuchungen lassen noch keine umfassenden Schlüsse zu.

Haben die jugendlichen „Digital Natives“ gegenüber den erwachsenen „Digital Immigrants“ einen Kompetenzvorsprung?

Beim Handling sind die Jugendlichen klar im Vorteil. Im Schnitt können sie sich rascher und besser einarbeiten. Die Jugendlichen stehen dabei aber vor einer großen Herausforderung: Das, was sie mit digitalen Medien tun können, übersteigt bei weitem das, was früheren Generationen mit den damaligen Kommunikationsmöglichkeiten offen stand.

Die Erwachsenengeneration hingegen kann Informationen aus dem Netz zum Teil besser einordnen und bewerten. Das fällt vielen Jugendlichen schwer. Sie müssen das erst lernen. Da sind die Erwachsenen in der Verantwortung. Jugendliche brauchen Unterstützung bei ethischen Fragen, aber auch bei Wissensfragen wie etwa: Welche Computerprozesse laufen ab, wenn ich eine Suchanfrage abschicke? Diese Kompetenz können sich Jugendliche nicht durch schlichte Nutzung selbst aneignen. Da braucht es organisierte Bildungsprozesse.

Schlüssel zum Sozialen

Das Bundesbildungsministerium hat Ihre Expertenkommission einberufen, um zu klären, was unter Medienkompetenz in einer digitalen Gesellschaft zu verstehen ist. Wie sieht das Ergebnis aus?

Computernutzender Jugendlicher; © ColourboxAusgangspunkt der Studie war, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften gesagt haben, die Jugendlichen seien für Ausbildung und Industrie nicht medienkompetent genug. Wir haben daraufhin allerdings versucht, eine übergreifende Perspektive zu entwickeln. Medienkompetenz umfasst ja weit mehr als die Einführung eines weiteren Gerätes am Arbeitsplatz. Sie ist auch ein Schlüssel für die Persönlichkeitsentwicklung und für die aktive und selbstbewusste Teilhabe an der Gesellschaft. Denn der Computer ist ein Medium, das sowohl im Beruf als auch in der Freizeit eine große Rolle spielt.

Davon ausgehend haben wir vier Themenbereiche definiert, wo Medienbildung wichtig ist: „Information und Wissen“, „Kommunikation und Kooperation“, „Identitätssuche und Orientierung“ sowie „Digitale Wirklichkeiten und produktives Handeln“.

Mit dem Digitalen lernen

Welche Qualifikationen umfasst eine solch differenziert betrachtete Medienkompetenz?

Im Bereich „Information und Wissen“ bedeutet das zum Beispiel, Informationen einschätzen und in ihren Kontext einbinden zu können. Eine Suchmaschine wie Google muss einen eingegebenen Begriff nicht zwingend so verstehen, wie ich das meine. Das muss ich begreifen und in meinen Kontext einordnen können. Zudem muss ich verstehen, dass ich in diesem Informations- und Wissensprozess ein Teilnehmer bin und selbst zum Content-Produzenten werde.

Im Bereich „Kommunikation und Kooperation“ geht es beispielsweise darum, dass man mit den digitalen Medien voneinander lernt und gemeinsam etwas herstellen kann. Wissensproduktion wird bisher eher als individuelle Angelegenheit verstanden. Mit dem Netz wird es aber immer wichtiger zu sehen, dass ich mich in dem, was ich begreife, auf andere stütze.

Medienbildung muss Pflichtfach in der Lehrerbildung werden

Werden Jugendliche im Medienumgang hinlänglich geschult?

Medienangebote, die die Kreativität der Jugendlichen und ihr Verständnis fördern; © Universität BremenNein. Medienbildung ist in der Lehrerausbildung noch nicht ausreichend verankert. In der Lehreraus- und -weiterbildung muss es verpflichtend werden, sich mit Medien und Medienkompetenz auseinanderzusetzen. Wenn Jugendliche so viel Zeit mit digitalen Medien verbringen, dürfen Lehrer sich davon nicht mehr fernhalten.

Allerdings dürfen die Schulen damit nicht alleine gelassen werden. Es braucht sozusagen das ganze Dorf, um ein Kind zu erziehen. Wir brauchen eine Verankerung der Medienbildung in den Gemeinden und im Stadtteil, in der Freizeitarbeit, die Verbindung mit Bibliotheken, Sportvereinen, Stadtteilinitiativen. Auch Unternehmen müssen ihren Teil dazu beisteuern. Sie sollen für Schulen Patenschaften übernehmen und den Jugendlichen erklären, welche Kompetenzen in den Betrieben erwartet werden.

Die digitale Kluft

Wie kann Medienkompetenz stärker vermittelt werden?

Die Leitfrage ist, welche Jugendlichen welche Unterstützung brauchen. Denn es gibt auch unter Jugendlichen eine digitale Kluft. Gymnasiasten sind im Bereich „Informationszugang“ viel aktiver als Hauptschüler, die sich tendenziell stärker als Medienkonsumenten verhalten. Mädchen haben ihren Schwerpunkt bei Information und Kommunikation, Jungen spielen häufiger als Mädchen am Computer.

Andererseits bieten digitale Medien viel Potenzial. Bei der Medienerziehung kann man die kreativen Möglichkeiten des Computers nutzen. Statt wie früher nur zu belehren, können Jugendlichen heute handlungsorientierte Erfahrungsmöglichkeiten geboten werden, die wirksamer und nachhaltiger sind, als wenn man nur instruiert.

Dominik Reinle
stellte die Fragen. Er ist Diplom-Soziologe und arbeitet als freier Journalist in Köln, unter anderem für die Internetredaktion des Westdeutschen Rundfunks.

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November 2010

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