Neue Moscheen in Deutschland – religiöse Architektur als Ausdruck der Integration
In Deutschland gibt es mehr als 2.000 muslimische Gotteshäuser. Darunter fallen Hinterhofmoscheen ebenso wie Gebetshäuser oder kleine Gebetsräume in ansonsten profan genutzten Gebäuden. Nur knapp 100 der deutschen Moscheen sind Neubauten. Die meisten entsprechen dem gängigen Bild einer Moschee: ein osmanischer Kuppelbau mit einem oder mehreren frei stehenden Minaretten. Aber einige Neubauten bieten innovative Konzepte und eine überzeugende Symbiose aus islamisch geprägter und schlicht-moderner Formsprache.
Die sakrale Architektur des Islam hat sich seit jeher den verschiedenen Kulturkreisen angepasst und unterschiedliche Formen entwickelt. Eine Moschee kann ein geschlossenes Gebäude oder ein lose umrahmter Platz sein, sie ist gemäß ihrer arabischen Sprachwurzel einfach der „Ort der Niederwerfung“. Dieser Ort muss wie ein christliches Gotteshaus geweiht sein, unterliegt aber nicht dessen strengen Gestaltungsregeln. So gibt es pagodenartige Moscheen in China ebenso wie Tempelanlagen in Indonesien. Es existieren moderne Moscheen im arabischen Raum, Lehmbauten in der Sahelzone oder Säulenhallen, deren berühmtestes Beispiel die Mezquita aus der Zeit des Emirats von Córdoba im heutigen Spanien ist. Entgegen der hierzulande weitverbreiteten Vorstellung muss eine Moschee also nicht ein Kuppelbau sein.
Schlichte Moderne in ornamentalem Gewand

In Deutschland sind in den letzten Jahren Moscheen entstanden, bei denen gestalterisch neue Wege gegangen wurden. Ein herausragendes Beispiel ist das Islamische Forum in der oberbayerischen Kleinstadt Penzberg, das der Augsburger Architekt Alen Jasarevic 2003 bis 2005 errichtete. Jasarevic entwarf für die multiethnisch geprägte Gemeinde einen Bau, der sich mit seiner schlichten Ästhetik der Moderne verpflichtet sieht. Gleichzeitig bleibt er aber deutlich als Moschee erkennbar durch das mit Kalligrafien durchzogene 15 Meter hohe Minarett aus Edelstahl, dessen ornamentale Schönheit vor allem nachts durch innere Beleuchtung zur Geltung kommt. Das Herz des flachen, L-förmigen Gebäudes bildet der Gebetsraum, der von außen durch eine raumhohe, ornamental verzierte blaue Verglasung einsehbar ist. Die seitlich positionierte öffentliche Bibliothek und die Verwaltungs- und Wohnräume öffnen sich zur Straße. Die restliche Fassade ist als Rustika mit hellem Jurakalkstein verkleidet. Zwei hohe, schräg gestellte Wandscheiben bilden das Eingangsportal, auf dem Koranverse auf Deutsch und Arabisch eingraviert sind.
Ort der Gemeinschaft für alle Konfessionen

Der Errichtung war ein jahrelanger Kommunikationsprozess vorausgegangen. Nicht nur bei der Gemeinde selbst, auch bei der lokalen Presse und den Penzbergern wurde schon im Vorfeld für diesen modernen Bau geworben. So fuhren der evangelische Pfarrer, der Bürgermeister des Ortes, der Imam und der Architekt gemeinsam nach Sarajewo, um sich über aktuelle Moscheebauten zu informieren. Zahlreiche soziale Angebote stehen nach der feierlichen Eröffnung allen Konfessionsgruppen offen und so ist die Moschee nicht nur zu einem Treffpunkt der religiösen Gemeinde, sondern der gesamten Kleinstadt geworden. Daher gab und gibt es mehrheitlich Zustimmung für die Moschee, was in Deutschland nicht immer der Fall ist.
Architektur des Euro-Islam

Vielen kürzlich errichteten Moscheen ist eine ähnlich intensive Bürgerbeteiligung vorangegangen. In ihrer modernen selbstbewussten Form sind sie baulicher Ausdruck einer neuen integrierten islamischen Kultur, des „Euro-Islam“. So bietet das 2004 bis 2006 in Wolfsburg entstandene Islamische Kulturzentrum von Koller-Heitmann-Schütz Architekten erstmals den seit den 1960er-Jahren in der Stadt lebenden Muslimen einen Ort des Gebets. Die zurückgesetzte Kuppel der Moschee ist von der Straße aus kaum zu erkennen und auf ein Minarett wurde verzichtet. Der an den hohen Moscheeraum angebaute Riegel mit Bibliothek und weiteren Veranstaltungsräumen des Kulturzentrums wird dominiert durch das tiefgezogene Kupferdach, das mehr an die Formensprache des Art déco erinnert als an osmanische Bautradition.
„Schmuckkästchen“ in Moers

Auch die Diyanet-Moschee in Moers zeigt eine Verbindung von islamischer Tradition und moderner Form. Sie wurde nach vier Jahren Planungs- und Bauzeit an der Römerstraße eröffnet und ist weithin sichtbar durch ihre goldene Außenfassade, die ihr den Beinamen „Schmuckkästchen“ eintrug. Die Fassade ist durch ornamentale Aussparungen gestaltet, die an traditionellen islamischen Schmuck erinnern. Der kompakte Bau passt sich ansonsten in Höhe und Proportion dem baulichen Umfeld an.
Minarett in Verkleidung



Eine ästhetische Verbindung von Islam und europäischer Kultur ganz anderer Art fand der Künstler Boran Burchhardt. Gemeinsam mit der Hamburger Centrums-Gemeinde gestaltete er 2009 die in die Jahre gekommenen Minarette der Moschee am Steindamm neu und überzog sie mit einem grün-weißen Sechseckmuster. Grün ist die Farbe des Propheten, das Sechseck ist wesentliche Grundform islamischer Ornamentik und nicht zuletzt erinnert es an den kulturübergreifend von allen geliebten Fußball. Bis heute erstrahlen die Minarette in diesem Muster und sind damit ein humorvoller Beitrag zur Integration und zu einem respektvollen Miteinander.
Literatur:
Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (Hrsg.): Kubus oder Kuppel. Moscheen – Perspektiven einer Bauaufgabe, Tübingen 2012
Bärbel Beinhauer-Köhler, Claus Leggewie: Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung, München 2009
Moscheen in Deutschland, fotografiert von Wilfried Dechau / Mosques in Germany, photographed by Wilfried Dechau, Tübingen/Berlin 2009
Christian Welzbacher: Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des Abendlandes, Amsterdam 2008
Institut für Auslandsbeziehungen e. V. (Hrsg.): Kubus oder Kuppel. Moscheen – Perspektiven einer Bauaufgabe, Tübingen 2012
Bärbel Beinhauer-Köhler, Claus Leggewie: Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung, München 2009
Moscheen in Deutschland, fotografiert von Wilfried Dechau / Mosques in Germany, photographed by Wilfried Dechau, Tübingen/Berlin 2009
Christian Welzbacher: Euroislam-Architektur. Die neuen Moscheen des Abendlandes, Amsterdam 2008
Anne Schmedding
ist Kunsthistorikerin und lebt in Berlin.
ist Kunsthistorikerin und lebt in Berlin.
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Juli 2012
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