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Literatur mal anders: live, laut, locker – Lesebühne!

Ahne in Aktion bei der Show der Surfpoeten in der Berliner Bar Icon. Foto/Copyright: Sonja Halbherr.Sie nennen sich Surfpoeten, Liebe statt Drogen, Supertopcheckerbunnys oder Chaussee der Enthusiasten: die Berliner Lesebühnen. Diese Namen lassen schon erahnen: Hier handelt es sich um Literaturveranstaltungen der etwas anderen Art. Was Anfang der 1990er-Jahre als Subkultur in Berliner Hinterhöfen und baufälligen Fabrikhallen begann, hat sich in den letzten Jahren über ganz Deutschland ausgebreitet und findet immer mehr Anhänger.

Das Prinzip der Lesebühnen ist einfach: Eine Autorengruppe lädt ein und trägt bei Bier und Wein in lockerer Atmosphäre ihre Texte vor. Regeln gibt es nur wenige: Die Texte müssen selbst verfasst sein, die Zeit diese vorzutragen ist streng begrenzt und außer dem Mikrofon und einem Blatt Papier sind keine Hilfsmittel erlaubt. Das Publikum hingegen darf fast alles: Laute Pfiffe, „Buh“-Rufe oder spontaner Zwischenapplaus sind nicht nur erlaubt sondern sogar erwünscht. Diese lockere Atmosphäre ist das, was die Lesebühnen so beliebt macht.

Perlenketten neben Nietenhalsbändern

Die Surfpoeten zum Beispiel locken regelmäßig um die 200 Zuschauer. Sie gehören zu den Pionieren dieser Bewegung und veranstalten ihre wöchentliche Show nun schon seit 14 Jahren. Diesmal laden sie ihre Gäste in eine Bar im Prenzlauer Berg ein. Der Ort passt zur entspannten Stimmung: An den Wänden klebt 70er-Jahre-Tapete, die Decke ist mit hellbraunen Spanplatten verhängt, überall sind traubenförmige Lampen, gemütliche Sofas füllen den Raum und DJ Ltd. Surf legt zur Einstimmung Musik auf. Um 22 Uhr tritt dann Surfpoet Ahne ans Mikrofon: „Es ist genau 21 Uhr, wir beginnen pünktlich wie immer.“ Der erste Lacher ist auf seiner Seite und spätestens jetzt merkt man, dass hier alles nicht ganz so ernst gemeint ist.

Berlin Alexanderplatz. Die deutsche Hauptstadt ist nach wie vor auch die Hauptstadt der Lesebühnen-Szenen, aber andere Städte ziehen nach. Foto/Copyright: Philipp Köhler, CC-Lizenz (by-nc-nd), http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de.Auch diesmal ist die Bar gut gefüllt mit einem Publikum, das gemischter nicht sein könnte: Perlenketten blitzen neben Nietenhalsbändern und Jackett-Träger drängen sich neben der Jeans- und Trainingsjacken-Fraktion an der Bar. Jeder ist willkommen, einen Dresscode gibt es nicht. Während sich alle langsam einen Platz auf den vielen Sofas suchen, lädt Ahne die Anwesenden zum Mitmachen ein: „Wir haben ein offenes Mikrofon, das heißt, ihr könnt euch melden und fünf Minuten lang hier vorne machen, was ihr wollt: einen Text lesen oder ein Gedicht vortragen. Ihr könnt auch gerne tanzen oder euer Auto verkaufen. Die Hauptsache ist, dass es euer Ding ist. Also dass ihr die Texte selbst geschrieben habt ... oder dass das Auto auch wirklich euch gehört.“

Spielwiese für neue Autorentalente

Ein „offenes Mikrofon“ ist fester Bestandteil einer jeden Lesebühne. So kann jeder, der möchte, selbst Teil der Veranstaltung werden. Nicht selten sind echte Talente unter den Neulingen und werden irgendwann festes Mitglied der Autorengruppe. Für viele waren die Lesebühnen auch ein Sprungbrett für eine Karriere in der Literaturszene: Wladimir Kaminer startete seine Laufbahn auf einer Lesebühne, genau wie Wiglaf Droste. Auch Ahne von den Surfpoeten konnte in den letzten Jahren vier Bücher veröffentlichen. Doch kurze Texte vor einem Publikum zu lesen reizt Literaten wie Ahne viel mehr als Romane zu schreiben: „Hier kann ich auch mal vom Text weggehen und spontan etwas einbauen. Manchmal lege ich meinen Text auch zur Seite und sage ein Gedicht auf. Je nachdem, wonach ich mich fühle.“

Doch nicht nur das Verhalten der Autoren auf der Bühne bietet immer wieder Abwechslung und Überraschungen; die Texte selbst könnten unterschiedlicher kaum sein: politisch oder poetisch, tragisch oder trivial, sozialkritisch oder einfach nur sonderbar – alles ist erlaubt. Ahne spricht heute zum Beispiel über den Begriff Reform. Ein Wort, das seiner Meinung nach früher positiv besetzt war und heute nur noch dazu dient, die Rechte des Einzelnen abzubauen. Er fordert eine Reform der Reform.

Ratte am Po

Sein Kollege Tube geht es unpolitischer an. Er fragt sich, ob er, statt als Netzwerktechniker zu arbeiten, nicht ein glücklicheres Leben als hauptberuflicher Autofahrer geführt hätte. Der nächste Surfpoet malt sich aus, wie Berlin aussehen würde, wenn niemand den Müll von den Straßen wegräumen würde und erzählt von seinen Alpträumen, in denen sich eine Ratte an seinem Po festbeißt. Der nächste Text handelt dann vom universellen Thema Liebe, selbstverständlich in Lesebühnen-typischer lakonischer Manier: Verliebt sein – eine Pro-&-Kontra-Liste.

Dichterlesung mal anders: mit den Surfpoeten im 70er-Jahre-Retro-Ambiente. Foto/Copyright: Sonja Halbherr.So unterschiedlich die Texte auch sein mögen, das Publikum liebt sie fast alle. „Ich komme jede Woche hierher“, erzählt eine Besucherin. „Es wird nie langweilig. Und man erfährt Dinge, von denen man gar nicht wusste, dass sie einen interessieren.“ Vielen geht es wie ihr und sie kommen regelmäßig wieder. „Es ist ein bisschen Talkshow, ein bisschen Gesellschaftskritik und ein bisschen Anekdoten-Rauskramen, wie man’s bei einem Glas Rotwein zu Hause auch nicht anders macht“, fasst ein anderer Besucher den Abend zusammen. „Das macht es so unterhaltsam.“

Immer mehr Anhänger und Nachahmer

Wer möchte, kann in Berlin schon jetzt an jedem Wochentag zwischen verschiedenen Lesebühnen auswählen. Aus der Kulturszene der Hauptstadt sind sie nicht mehr wegzudenken und haben auch in anderen deutschen Städten Nachahmer gefunden. Inzwischen gibt es in jeder größeren Stadt eine oder mehrere Lesebühnen und ständig komme neue hinzu. Und diese entspannte aber durchdachte Abendunterhaltung könnte bald auch im Ausland stattfinden. „Viele Touristen, die mal auf einer Veranstaltung waren, überlegen sich ernsthaft, so was auch bei sich zu machen“, so einer der Surfpoeten, „weil es ihnen so gut gefallen hat und sie nicht genug davon bekommen konnten.“

Auch hier in Prenzlauer Berg verabredet man sich für die nächste Veranstaltung, während der DJ wieder Musik auflegt und alle den Abend mit dem einen oder anderen Bier ausklingen lassen. So werden es immer mehr Leute, die Literatur neu für sich entdecken: live und laut und in einer lockeren Atmosphäre. Eben auf einer Lesebühne.

Deutschlands Lesebühnen im Überblick

Ein Berliner Lesebühnen-Marathon könnte folgendermaßen aussehen: Montags geht es zum Montagstresen ins Café Cralle, dienstags dann zu Liebe statt Drogen in den Bassy Cowboy Club, mittwochs laden die Surfpoeten in das Icon, donnerstags die Chaussee der Enthusiasten – die selbst ernannten „schönsten Schriftsteller der Stadt“ – in den RAW Tempel, freitags geht es dann mit der Lokalrunde im Admiralspalast weiter, samstags kann man in der Kulturbrauerei zum Kantinenlesen gehen und sonntags die Woche auf der Reformbühne Heim & Welt im Cafe Burger ausklingen lassen.

So eine große Auswahl gibt es deutschlandweit zwar noch nicht, doch auch in anderen Städten kann man ab und an den Abend vor oder auf Lesebühnen verbringen. In Potsdam gibt es die Texte im Untergrund, Sax Royal laden in Dresden zu ihren Veranstaltungen, Kaffee.Satz.Lesen und LÄNGS tragen ihre Texte in Hamburg vor, die Weltstars privat treten in Münster gemeinsam auf, Fett und Kursiv lesen regelmäßig in Köln und 7 PS – Eurythmie und Marschmusik halten wöchentlich in Stuttgart ihre Lesebühne ab.

Deutschlands Lesebühnen: Orte und Termine

Sonja Halbherr
ist Diplomandin an der Universität der Künste in Berlin und arbeitet als freie Journalistin.

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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Juli 2008