Der lange Weg zur Wissensgesellschaft

Alle reden vom Wissen. In Deutschland bestimmen wissenschaftliche und technische Erkenntnisse immer stärker Wirtschaft, Medien und Politik. Aber leben wir deshalb schon in einer Wissensgesellschaft, die den Namen verdient? Und: Wohin führt der Weg?
Was „Wissen“ ist, wusste der Brockhaus von 1906 genau. Wissen sei ein „Flecken im preußischen Regierungs-Bezirk Koblenz“ an der Sieg, stand dort im einzigen Kurzbeitrag zum Thema zu lesen. 4.900 Einwohner, Amtsgericht, Landwirtschaftsschule. Mehr über Wissen wusste das renommierte Konversationslexikon damals nicht. Hundert Jahre später ist Wikipedia schon schlauer. Rund 60 Einträge verzeichnet die beliebte Enzyklopädie im Internet, von „Wissen (Stadt)“ über „Impliziertes Wissen“ und „Unsicheres Wissen“ bis hin zum Online-Portal „Spiegel Wissen“, dem „Wissen Media Verlag“ und der Kindersendung „Wissen macht Ah!“.
Wenn das Lexikon den Kanon gesellschaftlich relevanter Informationen fasst, dann hat Wissen in Deutschland derzeit Hochkonjunktur. Und dass alles, was man wissen muss, nicht mehr im gedruckten Brockhaus, sondern im Internet zu lesen ist, zeigt zudem auch hierzulande einen eklatanten Paradigmenwechsel an. War Wissen früher nur regional zugänglich und elitär, so soll es nun global, demokratisch und jederzeit frei verfügbar sein. „Offener Zugang“ (Open Acess) lautet das Gebot der Stunde. „Herrschaftswissen für alle“ ist die zentrale Forderung einer Zeit, die ihre Kenntnis von der Welt Schätzungen zufolge alle fünf Jahre verdoppelt.
Mediale Verwässerungen
Wie in allen Industrieländern, so hat sich auch in Deutschland die soziale Rolle von technischem und wissenschaftlichem Wissen im Verlauf der letzten Jahrzehnte grundsätzlich geändert. Der Einfluss der Wissenschaften wächst beständig. Expertenwissen ist gefragt, „Think Tanks“ wie die Gütersloher Bertelsmann Stiftung sind aus der Politikberatung kaum mehr wegzudenken. Durch Bildungsoffensiven und Exzellenzinitiativen will das Land den Anschluss an die ökonomische Weltspitze wahren. Längst ist Wissen neben Kapital, Bodenschätzen und körperlicher Arbeit zum wichtigsten Rohstoff wirtschaftlicher Entwicklung geworden, die auch den Fachmann als „Ressource“ mit einbezieht. Wo der Bürger sich einst einsam bildete, steht heute der Mensch als Humankapital: „lebenslanges Lernen“ inklusive.
Inzwischen hat das Wissen hierzulande auch die Medien erobert. Dass Kenntnis sich auszahlt, weiß inzwischen nicht nur der Facharbeiter, sondern jeder Zuschauer eines Fernsehquiz. Aber hat sich auch die deutsche Wissensgesellschaft deshalb weiterentwickelt? Nein, sagt Peter Weingart vom Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT) der Universität Bielefeld. „Die medialen Diskurse verwässern den Begriff allenfalls“, konstatiert der Soziologieprofessor. Eine Gesellschaft, die vom Wissen redet, muss noch lange keine Wissensgesellschaft sein, im Gegenteil: „Es ist ja absurd, wenn überall getönt wird, dass wir in einer Wissensgesellschaft leben und gleichzeitig darüber streiten, ob für Bildung oder Forschung 2,6 oder 2,8 Prozent des Bruttosozialprodukts ausgegeben werden sollen“, betont Weingart. „Es ist einer Wissenschaftsgesellschaft nicht angemessen, dass sie Migrantenkinder benachteiligt und ein Teil der Bevölkerung die Flucht in Privatschulen antritt.“
Auch wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel vor dem Wissenschaftsrat Ende Januar 2009 konstatierte, dass Deutschland „in den letzten Jahren auf dem Weg zur Wissensgesellschaft ein ganzes Stück vorangekommen“ sei, ist der Schritt von der Bundesrepublik zur „Bildungsrepublik“ für Weingart noch lange nicht vollzogen.
Die digitale Revolution
Überhaupt ist mit dem Begriff der „Bildungsrepublik“ in Zukunft vielleicht überhaupt kein Staat mehr zu machen. Denn der einzig wahre Qualitätsschub der Wissensgesellschaft ist wohl gerade der, dass sie in den letzten Jahren dank Internet einen transnationalen, globalen Charakter anzunehmen beginnt. Die Digitalisierung des Weltwissens hat begonnen. Wenn es so weitergeht, wird sich die neue Wissensgesellschaft vielleicht eines Tages als international vernetzte „Scientific Community“ im World Wide Web formieren.
Noch steckt die Entwicklung in den Kinderschuhen. Und noch weiß niemand, wie Wissen im Internet global zu organisieren ist. Trotzdem zeigen sich die Möglichkeiten, aber auch Grenzen und Gefahren der Entwicklung schon heute. Der Hang großer Unternehmen zu Patenten und Urheberrechten steht der uneingeschränkten Entwicklung ebenso entgegen wie die Angst hoch technifizierter Gesellschaften, die Basis ihres Wohlstands für Dritt- und Schwellenländer abrufbar zu machen. Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin hat in einem Essay deshalb unlängst von einem „Betrug der Wissensgesellschaft“ gesprochen, mit dem sich die Menschheit um ihren Fortschritt bringe.
Wer ist Experte – und wer nicht?
Mit dem digitalen Mehr an Wissen wächst aber auch die Unsicherheit. Da, wo prinzipiell jedermann am Weltwissen mitschreiben kann, kann auch die Wahrheit jederzeit wieder überschrieben werden. Da, wo jederzeit Informationen abrufbar sind, muss sich niemand mehr bildend etwas merken. Und da, wo jedermann jederzeit Zugriff auf Wissen haben könnte, kommt es zu ökonomischen, politischen, sozialen und ethischen Konflikten grundsätzlicher Natur. Soll man zum Beispiel verhindern, dass Informationen zu schweren Infektionskrankheiten online auch für Terroristen zugänglich sind – auch wenn dadurch Ärzten bei einem biologischen Anschlag gegebenenfalls wichtige Informationen zur Rettung von Betroffenen fehlen?
Der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung Ralf Fücks fordert deshalb, „für die Organisation von Forschung und Entwicklung offene, kooperative, fehlerfreundliche und lernfähige Architekturen zu finden“, die auch im Internet „die Risiken der Wissensproduktion begrenzen, ohne ihre Potentiale abzuwürgen“. Dies dürfte tatsächlich die größte Herausforderung der globalen, aber auch der deutschen Wissensgesellschaft im 21. Jahrhundert sein.
ist einer der beiden Leiter des Südpol-Redaktionsbüros Köster & Vierecke. Zudem arbeitet er als Kultur- und Wissenschaftsjournalist (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung, NZZ am Sonntag, Westdeutscher Rundfunk) und Lexikonberater in Köln.
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März 2009
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