Kuratorisches Statement

  • Werke
  • Kuratorisches Statement

Kuratorisches Statement

„Die Zahl der Internetnutzer hat sich zwischen 2005 und 2010 verdoppelt. 2010 wird ihre Zahl die Zwei-Milliarden-Grenze überwinden, 1,2 Milliarden User werden dabei aus Entwicklungsländern stammen. Eine Reihe von Ländern, darunter Estland, Finnland und Spanien erklärten den Zugang zum World Wide Web zum Bürgerrecht. […] Über 90 Prozent der Weltbevölkerung und 80 Prozent der ländlichen Bevölkerung haben Zugang zu mobilen Netzwerken.“

Die Ausstellung gateways. Kunst und vernetzte Kultur präsentiert Künstler und Werke, die sich mit den veränderten Bedingungen einer zunehmend medial vermittelten Welt und den Aspekten der elektronischen Vernetzung aller Lebensbereiche durch das Internet auseinandersetzen. Netzwerktechnologien führten zu grundlegenden ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen der Gesellschaft. Die Netzkultur mit ihren Gemeinschafts- und Raumbildenden Potenzialen ist prägend für unsere heutige Gesellschaft. Mobilität und Konnektivität sind die maßgeblichen Aspekte und Charakteristika der modernen Netzwerkgesellschaft, Laptop und Smartphone die dominierenden Accessoires des Informationszeitalters. Sie bieten jederzeit und überall Anschluss und Zugang zu einem weltumspannenden digitalen Netzwerk aus Daten und Informationen, das unsere Realität wie eine zweite Haut überlagert und unsere Wahrnehmung auf die uns real umgebenden Dinge prägt. Verbunden mit GPS, RFID und anderen Geoinformationssystemen ermöglichen uns mobile Technologien die zeitliche Überlagerung von Realraum und virtuellem Raum. Der Abruf von Daten erfolgt direkt vor Ort und liefert uns Informationen zum exakten geografischen Standort, zu umliegenden Konsummöglichkeiten oder zu Produkten selbst. Auch das Internet hat sich weiterentwickelt und stellt neben der Mobiltelefonie eines der zentralen partizipatorischen Medien dar. Computerspiele, Second Life oder Online-Portale wie Facebook bieten Gelegenheiten zum weltweiten Austausch und zur globalen Vernetzung.

Die Ausstellung gateways präsentiert Werke, die sich mit dem Thema Kommunikation und Vernetzung auseinandersetzen, und die durch die digitalen Medien hervorgerufenen gesellschaftlichen Veränderungen einer globalen Netzkultur reflektieren. Wie gehen wir mit der zunehmenden Vernetzung um? Wie nutzen wir das Potenzial der globalen Netzwerke? Wie agieren wir in ihnen?

„Gateway“ bedeutet Zugang – Zugang zu Räumen, zu Information, zu Datennetzwerken oder Gemeinschaften. In der Informatik steht „Gateway“ für ein Vermittlungsgerät zur Konvertierung von Daten, als Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Netzwerktypen, das die digitale Transkodierung der unterschiedlichen Medien übernimmt. Ähnlich dieser Funktion der Vermittlung auf der digitalen Ebene thematisieren die in der Ausstellung gezeigten Arbeiten eine Übersetzung von Daten und ihre Auswertung in neuen Bedeutungszusammenhängen. In unterschiedlichen Fragestellungen wird skizziert, welche Konsequenzen die zunehmende Vernetzung auf unsere Handlungen, unsere Wahrnehmung und unser Erleben von Welt hat. In der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Bedeutung des Digitalen in der Gesellschaft geht es nicht vorrangig um die Reflexion der Technologie per se, sondern um die Betrachtung ihrer Auswirkungen als sozioökonomisches Phänomen. Neben der Frage nach dem sich verändernden Raum und seiner zunehmenden Überlagerung mit Information steht die Frage nach der Konstituierung des Selbst im Vordergrund, welche auch durch und innerhalb bestehender Netzwerke stattfindet.

Ein zentraler Aspekt der Ausstellung ist die Rekonfiguration des öffentlichen Raums durch die zunehmende Überlagerung von Informationssphäre und geografischem Raum. Mobile Medien werden von Künstlerinnen und Künstlern auf ihr Potenzial hinterfragt, Zugang zu Räumen und Gemeinschaften zu schaffen und alternative Möglichkeiten von Vernetzung jenseits einer weitgehend konsumorientierten Gesellschaft aufzuzeigen. Mobile Technologien werden genutzt, um das unsichtbare Datennetzwerk auf ungewohnte Weise sichtbar und erfahrbar zu machen. Künstlerische Interventionen beschränken sich dabei nicht auf Datenvisualisierungen eines virtuellen Raums, sondern als Möglichkeit der Sichtbarmachung unterdrückten Wissens.

Die gezeigten künstlerischen Positionen nutzen die Möglichkeiten der lokalen und globalen Vernetzung, um Zugang zu Informationen zu schaffen und sich aktiv in politische und gesellschaftliche Entwicklungen einzumischen. Medienkunst im 21. Jahrhundert beschränkt sich dabei nicht auf mediale Formate, sondern reflektiert die Bedeutung, die neue Technologien für die gesellschaftlichen und sozialen Veränderungen einer zunehmend medial geprägten Lebenswelt haben. In der Ausstellung wird dies in unterschiedlichsten künstlerischen Formaten zu erleben sein.

Eingeladen wurden siebenundzwanzig Künstlerinnen und Künstler aus Europa, die in neunundzwanzig Arbeiten, von Fotografie, Videoprojektionen und skulpturalen Environments bis hin zu Soundspaziergängen und Handyapplikationen, die Bedeutung und die sozialen und kulturellen Auswirkungen der Netzwerktechnologien auf die Gesellschaft untersuchen. Der Aspekt der Vernetzung wird in der Ausstellung nicht nur in den Arbeiten reflektiert, sondern auch physisch erlebbar gemacht. Mit interventionistischen Projekten und Aktionen findet die Ausstellung ihre Fortführung im städtischen Raum Tallinns. Das Publikum ist eingeladen, Museum und Stadträume durch die Angebote der Ausstellung neu zu erleben, ungewohnte Wahrnehmungserfahrungen zu machen und sich aktiv an den Projekten zu beteiligen.

gateways
Kunst und vernetzte Kultur / Art and Networked Culture
13. Mai bis 25. September 2011
Sabine Himmelsbach

Aktuell informiert über gateways