Einführung

Einführung in die Entwicklung der Medienkunst in Deutschland

Einen Überblick über die vielfältigen Formen und Stilrichtungen von Medienkunst zu geben ist ein schwieriges Unternehmen, handelt es sich doch um eine Kunstrichtung, die jahrzehntelang von der Kunstwissenschaft ignoriert wurde und selbst von den ExpertInnen schwer einzugrenzen ist.

Was ist Medienkunst?

Entgegen einiger anderer Ansätze möchte ich den Terminus „Medienkunst“ nicht auf die elektronischen und digitalen Medien beschränken, sondern gerade ihre Wurzeln im Bereich des Experimentalfilmes und der Avantgarde der 1920er Jahre in Europa betonen. Als grundlegenden technischen Parameter könnte man sich vielleicht darauf einigen, dass es sich hierbei um Kunst handelt, die entweder bei ihrer Produktion und /oder ihrer Rezeption Elektrizität benötigt. So müssen wir das Wort „Medium“, das in seinem lateinischen Ursprung ein Mittel oder vermittelndes Element bezeichnet, nicht auf alle anderen (älteren) Kunstgattungen ausdehnen, obwohl Medienwissenschaftler wie Siegfried Zielinski darauf verweisen, dass das Kino auch mit Gaslampen oder Kerzen betrieben werden konnte und Kameras und Projektoren gekurbelt wurden. Auch Eadweard Muybridges Chronofotografie, die er 1872 entwickelte, könnte zum Beispiel zu den Vorläufern gezählt werden.

Der Medienwissenschaftler Hans Ulrich Reck schlägt in seinem Buch Mythos Medienkunst die Differenzierung zwischen den Begriffen 'Medienkunst' als Definition für medienreflexive Kunst und 'Kunst mit Medien' vor, um die mittlerweile weit verbreitete Verwendung von neuen Medien innerhalb der Bildenden Kunst zur Bearbeitung individueller oder gesellschaftlicher Themen gegenüber der 'klassischen' Medienkunst zu unterscheiden. Aber auch diese logische Begriffsanwendung birgt ihre Tücken, da bei etlichen Arbeiten beide Intentionen anzutreffen sind.

Auf dem Berliner Medienkunstfestival Transmediale 2007 wurde von der Fachwelt diskutiert, den mangelbehafteten Begriff Medienkunst durch 'digital culture' zu ersetzen. Dies würde aber sowohl die nicht digitalen Wurzeln der Medienkunst vernachlässigen als auch den Begriff dafür in andere Richtungen erweitern.

Sparten

So beinhaltet die aktuelle Medienkunst ein so umfangreiches Spektrum ihrer Sparten, dass sich allein aus ihrer genealogischen Erforschung ein eigener Studiengang ableiten ließe: Experimentalfilm, Expanded Cinema (beinhaltend Filminstallationen, Multiprojektionen, Filmperformances), Videobänder, Videoinstallationen, Closed Circuit Installationen, Videoperformances, Computerkunst, Computergraphik, Computeranimation, interaktive CD-Roms DVDs, Internet- und Netzkunst, Softwarekunst, Virtual Reality, Augmented Reality, Sound Art, Visual Music, MultiMedia Installationen und -Perfomances interaktiv oder auch nicht, Netradio und Net-TV, Live-Broadcast und Podcast, VJ-Raves, Wireless Technologien bzw. Locative Media, Anwendungen für Handys und Palms, Computergames, Fon- und Faxart bis hin zu Robotronik und Bio Art können alle zur Sparte der Medienkunst gezählt werden, sobald sich KünstlerInnen mit diesen Technologien beschäftigen.

Interessant ist dabei der Aspekt, dass ein Großteil der dabei verwendeten Technologien ursprünglich aus der militärischen Entwicklung stammt. So wurde Video zur Flugüberwachung entwickelt, der Computer zur Dechiffrierung feindlicher Codes und schnelleren Auswertung von Radardaten und Internet als Verbesserung der militärischen Kommunikationsmöglichkeiten. Viele KünstlerInnen sind sich der medienimmanenten Machtpotentiale bewusst, reflektieren und anarchisieren diese oder setzen der Medienmanipulation ihre eigenen Bilder entgegen.

Deutschland als Ausgangspunkt von neuen Prozessen

Ein weiteres Problem bildet die nationale bzw. regionale Eingrenzung, da sich Medienkunst schon immer nomadisch verhalten hat. Ein Phänomen, das dieser Sektor zwangsläufig mit sich bringt. KünstlerInnen ziehen dorthin, wo Ausbildungs-, Produktions- und Jobressourcen vorhanden sind. Hunderte von internationalen Festivals und Events und nicht zuletzt das Internet sorgen ebenfalls für einen regen Austausch an Information. Doch nichtsdestotrotz war Deutschland immer wieder Ausgangspunkt von neuen Prozessen und Richtungen in dieser Kunstgattung. Dabei beziehe ich mich bis zur Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 ausschließlich auf westdeutsche Entwicklungen, da der Mangel an Zugang zu Technologien wie Video und Computer quasi zur Unmöglichkeit der Entstehung von Medienkunst in der ehemaligen DDR beigetragen hat. Eine Ausnahme stellt die kleine Super 8 Undergroundszene der 1970er und 1980er Jahre dar um KünstlerInnen wie Lutz Dammbeck, Cornelia Schleime, a.r.penck und andere, die in dem Buch Gegenbilder - Filmische Subversion in der DDR 1976 – 1989 sehr gut dargestellt wird.



Leider kann dieser Überblick durch den vorgegebenen Rahmen nicht den Anspruch auf Vollständigkeit erheben, sondern muss einzelne Stile und KünstlerInnen stellvertretend für viele andere benennen, und er ist natürlich nicht frei von einer subjektiven Sichtweise. Für weitergehende Recherchen empfehle ich die Buch- und CD-Rom-Publikationen Medien Kunst Aktion und Medien Kunst Interaktion sowie die darauf basierende Website Medien Kunst Netz. Ebenso empfehle ich die DVD und Buchpublikation 40JAHREVIDEOKUNST.DE und die internationale online Datenbank für Experimentalfilm und Videokunst cinovid, die weitere Informationen zu den Klassikern des Experimentalfilms und der Videokunst enthält.


Siegfried Zielinski: Backwards to the Future, in Future Cinema S. 566, ZKM Karlsruhe, MIT Press, Cambridge MA, USA, 2003, ISBN: 0-262-69286-4, vergriffen.

Hans Ulrich Reck: Mythos Medienkunst (Kunstwissenschaftliche Bibliothek, Bd. 20), Walter König Verlag, Köln 2002; ISBN: 3-88375-558-3

Karin Fritzsche / Claus Löser: Gegenbilder - Filmische Subversion in der DDR 1976 – 1989; Gerhard Wolf Verlag, Berlin, 1996; ISBN: 3-928942-38-7

Dieter Daniels / Rudolf Frieling (Hrsg.): Medien Kunst Aktion und Medien Kunst Interaktion, im Auftrag des Goethe-Instituts und des ZKM Karlsruhe; Springer Verlag, Wien, 1997 (Buch und CD-rom in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch), ISBN 3-211-83438-9

Dieter Daniels / Rudolf Frieling (Hrsg.): Medien Kunst Netz 1. Medienkunst im Überblick; Springer Verlag, Wien, 2004; dt./engl.; ISBN 3-211-00570-6

Dieter Daniels / Rudolf Frieling (Hrsg.): Medien Kunst Netz 2. Thematische Schwerpunkte; Springer Verlag, Wien, 2005; dt./engl.; ISBN 3-211-23871-9

Rudolf Frieling / Wulf Herzogenrath (Hrsg.): 40JAHREVIDEOKUNST.DE; Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2006; ISBN: 3-7757-1717-X
Peter Zorn
ist Filmemacher und Medienkunstkurator, Mitbegründer und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, dem Zentrum für künstlerische Bildmedien Sachsen-Anhalt, sowie im Leitungsgremium der Werkleitz Biennale
www.werkleitz.de

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Februar 2008

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