Festivals, Preise, Schulen

Festivals, Preise, Schulen

Deutschland verfügt über ein breites Angebot an Festivals, Preisen und Schulen, die sich mit Medienkunst beschäftigen.







Festivals

Seit Mitte der Achtzigerjahre explodierte auch die Festivallandschaft in Deutschland.

Neben den etablierten Filmfestivals, die sich für Medienkunst interessierten, wie den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen, gründeten sich erste Video- und Experimentalfilmfestivals wie zum Beispiel die Videonale in Bonn oder das European Media Art Festival in Osnabrück, das aus einem Workshop hervorging und heute zu den wichtigsten Festivals für Medienkunst zählt.




Deutschland ist das Land der Medienfestivals, es dürften über 100 in allen Schattierungen und in der ganzen Republik verteilt sein: Die Transmediale in der Hauptstadt Berlin, dem mittlerweile größten Medienkunstfestival Deutschlands, das sich vom ursprünglichen Schwerpunkt der Videokunst in Richtung Software- und Netzkunst vor allem kulturell-politisch engagierter Akteure verlagerte. Im Süden Deutschlands befindet sich unter anderem der Stuttgarter Filmwinter und im Norden das Hamburger Kurzfilmfestival, das als besonders beliebte Einrichtung die zum Kult avancierte Trash Nite anbietet.

Eines meiner persönlichen Lieblingsfestivals ist das Kasseler Dokumentarfilm und Videofest, das jedes Jahr mit einer hochkarätigen Auswahl aus beiden Sektoren glänzt. Natürlich ist auch im Osten Deutschlands etwas zu entdecken: Das Werkleitz Festival stellt Medienkunst zusammen mit anderen Kunstformen zu wechselnden Kontexten vor. In Dresden etablierte sich das CyNet Art Festival für computergestützte Kunst der Transmedia Akademie Hellerau und in Jena das Full Dome Festival, dass das Zeiss Planetarium als 360-Grad-Projektionskuppel für künstlerische „Filme“ nutzt. Leider mussten speziell in den Neuen Bundesländern wichtige und erfolgreiche Events wie das Internationale Forum für elektronische Medien ostranenie an der Stiftung Bauhaus Dessau oder die Medienbiennale Leipzig wegen mangelnder Unterstützung wieder eingestellt werden, während sich die KunstFilmBiennale in Köln seit 2002 mit dem höchstdotierten Preis für diese Kategorie etablieren konnte.

Vertrieb, Preise und Stipendien

Den einzigen nennenswerten Vertrieb von Videokunst bieten bis heute nur 235 Media in Köln, deren Archiv und Distribution 2006 in die öffentliche Stiftung Inter Media Art Institute in Düsseldorf übergingen, sowie die Freunde der deutschen Kinemathek (vor allem auch Experimentalfilm) mit ihren Programm Arsenal Experimental. Einige Festivals distribuieren ihre Auswahl-Programme wie das European Media Art Festival in Osnabrück und die Internationalen Kurzfilmtage in Oberhausen. Die Kurzfilmagentur Hamburg und Wand 5 e.V. / Stuttgarter Filmwinter bilden hier mit einem umfangreicheren Angebot eine Ausnahme. Berlins Boom zur internationalen Kulturmetropole ist es vielleicht zu verdanken, dass seit ein paar Jahren der ImageMovement Store existiert. Ein Laden in der Oranienburger Straße, der ausschließlich auf Künstlerfilme und Vinyl, Videokunst und Experimentalfilm spezialisiert ist.

Neben den Auszeichnungen bei den genannten Festivals, die fast alle Preise in unterschiedlichen Kategorien vergeben, zählt der Marler Videokunstpreis zu den bedeutendsten Preisen in Deutschland. Er bekam 1992 vom Internationalen Medienkunstpreis von SWR und ZKM in Karlsruhe Konkurrenz. Marl behielt aber den längeren Atem, denn der Medienkunstpreis wurde 2005 vom SWR eingestellt mit der fadenscheinigen Begründung, dass die mangelnde Erhöhung der Rundfunkgebühren ein weiteres Mäzenatentum im Bereich der Medienkunst nicht zuließe. Ein weiteres Beispiel für das Versagen öffentlich rechtlicher Fernsehanstalten, dem Publikum eine zeitgenössische Kunstform nahezubringen. Ebenso musste der von 2001 bis 2006 auf wechselnden deutschen Festivals vergebene Werkleitz Award mangels Förderer wieder eingestellt werden. Dafür zählen der Bremer Videokunstpreis und der Nam June Paik Award der Kunststiftung NRW zu den bekannteren neuen Preisen.

Neben den Preisen bieten vor allem Stipendien Möglichkeiten zur Unterstützung von Medienkünstlerinnen und -künstlern. Eine Vielzahl der deutschen Hochschulen, die einen Medienkunstsektor besitzen, bieten Postgraduiertenstipendien, aber zum Teil auch unabhängige Stipendien an. Die Stipendiumseinrichtung Akademie Schloss Solitude bei Stuttgart vergibt ein halb- oder einjähriges Stipendium an Medienkünstler. Der von Werkleitz – Zentrum für Medienkunst in Halle (Saale) initiierte European Media Artists in Residence Exchange bietet europäischen MedienkünstlerInnen ein zweimonatiges Projektstipendium an verschiedenen europäischen Medienkunst-Institutionen. Das Edith-Ruß-Haus in Oldenburg vergibt sechsmonatige hochdotierte Stipendien mit abschließender Abschlussausstellung an meist hochkarätige, manchmal auch junge KünstlerInnen und der Hartware Medienkunstverein in Dortmund betreut Medienkunststipendien ausschließlich für Künstlerinnen des Bundeslandes Nordrheinwestfalen. Der Pact Zollverein in Essen, ebenfalls ein bekannter Kulturveranstalter, bietet bis zu sechsmonatige Stipendien für Medienkünstler an der Schnittstelle zu den darstellenden Künsten.

Kunsthochschulen

Die Zahl der KünstlerInnen, die mit Medien arbeiten, wuchs ebenfalls explosiv an. Die Pioniere setzten unermüdlich ihr Werk fort und fingen seit Ende der 1980er-Jahre vielerorts an, an Kunsthochschulen zu lehren: darunter
  • Nam June Paik an der Kunstakademie Düsseldorf
  • Birgit Hein an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig
  • der österreichische Experimentalfilmer Peter Kubelka an der Städelschule in Frankfurt am Main
  • Maria Vedder und Heinz Emigholz an der Universität der Künste Berlin am Institut für Zeitbasierte Medien
  • Marcel Odenbach und Klaus vom Bruch an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe
  • Rotraut Pape an der Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main
  • Matthias Müller an der Kunsthochschule für Medien in Köln (KHM)
  • und Peter Weibel am Institut für Neue Medien in Frankfurt am Main, bevor er Direktor des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe wurde.

Die Gründung dreier großer Institutionen – des ZKM in Karlsruhe, der KHM in Köln und des Instituts für Neue Medien in Frankfurt – bekräftigte neben anderen die wichtige Position, die Deutschland in der Entwicklung der Neuen Medien seit den 1990er-Jahren innehat. Die Kurzfilmproduktion „Die Führung“ gibt einen amüsanten Einblick in die Strukturen. Der HFG-Student René Frölke beobachtet einen Rundgang des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler durch die Räumlichkeiten der HFG und des ZKMs in Karlsruhe. Geführt wird er von der intellektuellen Elite: dem bekannten Philosophen und HFG Rektor Peter Sloterdijk und dem ZKM Direktor Peter Weibel. Die dabei zu sehende Kunst wird zum Platzhalter für eine Diskussion über die Finanzkrise.

Auch in den neuen Bundesländern entstanden nach 1990 Studiengänge für Medienkunst und neue Medien, darunter an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, der Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig, an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design Halle/Saale sowie an der Bauhaus Universität Weimar, die durch gleich zwei Fakultäten – Medien und Gestaltung – eine neue Generation erfolgreicher MedienkünstlerInnen ausbildet.

Die traditionellen Filmschulen in Berlin, München, Ludwigsburg und Köln haben ebenfalls ihr Arbeitsspektrum erweitert und bieten neben den üblichen narrativen filmischen Formen immer öfter die Möglichkeit mit neuen Medien – oder Crossmedia wie es im Industriejargon genannt wird – zu experimentieren.

Und zu guter Letzt noch ein hausinterner Hinweis auf den „Wegweiser Medienkunst in Deutschland“ des Goethe-Instituts, der weitere Einrichtungen auflistet.



Stephen Kovats: Ost-West Internet / Media Revolution. Edition Bauhaus, Campus Verlag, Frankfurt am Main, 1999, ISBN: 3593363658
Peter Zorn
ist Filmemacher und Medienkunstkurator, Mitbegründer und Vorsitzender der Werkleitz Gesellschaft, dem Zentrum für künstlerische Bildmedien Sachsen-Anhalt, sowie im Leitungsgremium der Werkleitz Biennale
www.werkleitz.de

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Februar 2008, aktualisiert im Februar 2012

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