Vernetzte Kultur

Peter Mörtenböck über raumgestaltende Dialoge

Peter Mörtenböck Wie können wir uns Wege ausdenken, um uns an dialogischen Situationen im urbanen Raum von heute zu beteiligen, um – in Deleuzes Sprache ausgedrückt – die Koexistenz von polyphonen, multivokalen Komposita zu erweitern? In Michail Bachtins Konzept von „Dialog“ stellen Wörter Subjektivität dar, indem sie einen sozialen Raum schaffen, der fundamental interpersonell ist und so eine konstante Aneignung und Transformation der Stimme des anderen ermöglicht.

Was aus solchen Dialogen entsteht ist nicht nur eine Reproduktion von eigenständigen Welten, sondern eine komplexe Karte von Intensitäten, deren Verteilung sich eher aus gegenseitigen Berührungspunkten anstatt in Übereinstimmung mit einem logischen Ansatz entwickelt: individuelle Begegnungen, Bewegungen, Kontakte und spontan koordinierte Handlungen. Keine der Verbindungen zwischen den Begegnungen muss Teil eines allumfassenden Plans sein, Teil der Grammatik eines gemeinsamen Projekts. Dialoge entstehen durch Sprechen und Zuhören, in Prozessen von Unterbrechung und Schichtenbildung und nicht durch das Planen eines gemeinsamen Ergebnisses.

Besucher, die sich zum ungarischen Pavillon auf der Architektur-Biennale in Venedig (2006) begaben, wurden mit einer Kakophonie aus verschiedenen Klängen empfangen – Gezwitscher und Fauchen, Gezirpe und Gegackere. Alle Geräusche kamen aus einem bunten Garten Eden, der im Hof des Pavillons befand. Bei genauerem Hinsehen bemerkte man jedoch, dass die Geräusche nicht von Vögeln oder anderen fröhlichen Lebewesen stammten und dass der Garten nicht aus Bäumen und Pflanzen bestand, sondern aus seltsamen künstlichen Strukturen, die aussahen wie eine Landschaft aus Wäschespinnen, die mit tausenden kleinen chinesischen Spielzeugen behängt waren. Die erzeugte bunte Geräuschkulisse stammte von dieser Mechanik. Die Installation von Usman Haque und Adam Szaboles Somlai-Fischer wurde von der Verbreitung chinesischer Märkte in den Alltag selbst der kleinsten ungarischen Dörfer inspiriert. Die Installation schien zu fragen, was würde passieren, wenn die chinesische Massenproduktion von Wegwerfgütern nicht nur diese Räume mit billigen Spielwaren und Textilien überschwemmen, sondern auch einen Überfluss an billigen Grundbaustoffen bereitstellen würde, die von China aus in die ganze Welt verschickt werden könnten? Was würde aus dem europäischen Stadtbild und seiner Aura aus Langlebigkeit und kultureller Verwurzelung werden, wenn es zu einer Ware des globalen Kapitalismus würde? Welchen Einfluss hätte dies nicht nur auf die Physiognomie der erbauten Umwelt, sondern auch auf die kulturellen Identifikationen, die auf eine Übereinstimmung der Vorstellung von Ort und traditionelle Wege, sich häuslich einzurichten, abgestimmt sind?

Angetrieben von neuen Zwängen der sozialen Mobilität und der Ausdehnung des transnationalen Raums, entstanden durch die ungleichen Bewegungen von Fremdenverkehr, Migration und Flucht, entwickelten sich neue Marktplätze, die neue und extreme physische Konfigurationen aus lokalen Möglichkeiten erschufen. Diese räumlichen Strukturen sind Zwischenzonen, die von verschiedenen Interessensgruppen in Beschlag genommen werden, unabhängig davon, ob sie lokal oder global, formell oder informell sind oder Zugang zu großem oder kleinem Kapital haben. Ihre instabile Positionierung ist mit der ambivalenten Logik von Mobilität und Zirkulation sowie einem Bereich unaufgeforderter Prozesse innerhalb der Strömungen der globalen Geopolitik verbunden.

Raumgestaltende Verfahren sind daher eng mit der Organisation der Weltwirtschaft verwoben. In seinem Buch Networking the World lokalisiert Armand Mattelart den Kampf um territoriale Ressourcen innerhalb einer umstrukturierten Organisation des Wirtschaftsraums, in dem die Orientierung der Weltwirtschaft hin zu einer Netzwerkorganisation durch zwei unterschiedliche Prozesse charakterisiert ist: die Auslagerung von Wirtschaftsaktivitäten in Regionen mit niedrigeren Arbeitskosten in Kombination mit liberaleren Umweltbestimmungen sowie einer hoch flexiblen Agglomeration von Kapitalanlagen in „innovativen“ Weltregionen. Durch die Dynamik dieser Entwicklung droht die Schaffung einer zweigleisigen Sozialgeographie, zusammengesetzt aus einem Netz aus Riesenstädten und verfallenden Regionen zwischen globalen Netzpunkten.

Eine neue Art des urbanen Systems, die sich aus den multidirektionalen Bewegungen der transnationalen urbanen Deregulierungen und Neuausrichtungen entwickelt hat – die „erweiterte Stadt“ als Cluster vernetzter Standorte, entstanden durch politische Unruhen, Migrationsbewegungen, Regulierungsbehörden, Gesetze, Technologien und andere translokale Kräfte, die lokal ausgeübt werden. Diese neue urbane Form deutet in Richtung eines Wandels von einer „Bürgerschaft der Grenzen und Beschränkungen“ hin zu diversen Formen einer „Bürgerschaft des Breitengrades“, die mit der Ausübung lateraler Einflüsse über soziale und politische Bereiche hinweg verbunden ist. Sie signalisiert eine komplexe Verstrickung neoliberaler Regierungstechnologien mit Formen der Selbstorganisation. In dieser Umgebung verhalten sich informelle Märkte wie performative Rahmen, die immer komplexere Beziehungsnetze in Verbindung mit einer Neudefinition des urbanen Systems bilden, und zwar nicht nur als Effekt einer beschleunigten Globalisierung, sondern als eine Reihe aufgestellter kultureller Verfahren und Interaktionen zwischen bestimmten entstehenden Ansammlungen.

Angesichts dieser Mechanismen scheint es, als entstünde ein verstärkendes Netz aus verknoteter Informalität, sobald verschiedene Kulturen lokal übereinstimmen und flüchtige, gegensätzliche und umstrittene Raum-Zeit-Ökosysteme hervorbringen. Territoriale Wahrheiten sind vom bekannten Rahmen geographischer Repräsentation entfernt und werden stattdessen über räumliche Beziehungen und die Erweiterung von Territorien artikuliert, um ideelle Welten, Flüsse, Kontexte, Bilder und Peripherien einzuschließen. Die Orientierung auf den Standort hat sich in eine kreative Teilnahme am translokalen Raum der Aktion gewandelt. Diese Handlungsräume sind Orte der Teilnahme, die aus einer konstanten Verhandlung der Teilnahmebedingungen entstehen, d. h. aus einer konstanten Subversion erwarteter Funktionen und einem Wandel der Definition dessen, was eine Teilnahme tatsächlich ausmacht. Sie sind nicht von einer bestimmten Dauer oder einem konkreten Ort abhängig, basieren aber dennoch auf Prinzipien gegenseitiger Verantwortung und gemeinsamen Zielen. Das Ziel vieler Networking-Aktivitäten ist die Unterbrechung der Linearität der Entwicklungsprozesse, der Gesetzgebungen und von Rollenbildern zugunsten einer horizontal geschichteten Sphäre der kollektiven Produktion, deren Änderungen stetig neue Fragen aufwerfen. Im Gegensatz zu den partizipatorischen Kunstprojekten der 60er und 70er Jahre liegt das Augenmerk hier nicht auf der Produktion eines konkreten identitätsbildenden Orts, sondern auf einer Beteiligungsform, die durch die Teilnahme an Netzen erreicht wird. Das Entscheidende einer modernen Form des urbanen Dialogs ist daher weder eine vorherrschende globale Sphäre noch eine essentialistische lokale Denkweise, sondern eher ein unebenes Terrain unvorhersehbarer Ereignisse, Irritationen und Störungen, die im Moment des Zusammenflusses ungleicher Kräfte entsteht und eine ganze Reihe unvorhersehbarer Wege und Situationen hervorruft.
Peter Mörtenböck
ist ein Architekt, Theoretiker und Kurator mit Wohnsitz in London und Wien. Er ist der Initiator von Networked Cultures, einer internationalen Forschungsplattform, die das Potenzial und die Auswirkungen vernetzter räumlicher Verfahren untersucht (www.networkedcultures.org). Zusammen mit Helge Mooshammer hat er kürzlich Netzwerk Kultur (2010) und Space (Re)Solutions (2011) veröffentlicht. Ihr bald erscheinendes Buch Other Markets (2012) diskutiert den globalen Charakter informeller Wirtschaften.

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Mai 2011