„Wahrheit erkennen, Schönheit lieben, Gutes wollen, das Beste tun“
Der Aufklärer Moses Mendelssohn

Als einer der größten Denker der Aufklärung ist der Philosoph Moses Mendelssohn in die deutsche Geschichte eingegangen. Dass er und seine Familie als Juden im Preußen des 18. Jahrhunderts höchstens geduldet waren, teils verhöhnt wurden und zeitlebens unter extremen Einschränkungen leben mussten, war für den unermüdlichen Kämpfer für Toleranz ein Ausdruck mangelnder Vernunft.
Moses Mendelssohn wurde am 6. September 1729 in Dessau in einfachen Verhältnissen geboren – der Vater hielt die Familie als Synagogendiener und Toraschreiber notdürftig über Wasser. Früh zeigten sich seine ungewöhnliche Begabung und Intelligenz. Als sein Lehrer David Fränkel zum Oberrabbiner berufen wurde, folgte ihm der 14-Jährige nach Berlin.
Zu Fuß machte sich der kleine verwachsene Mann auf den Weg. Am Rosenthaler Tor bat er darum, in die Stadt eingelassen zu werden. Auf die Frage, was er in Berlin wolle, soll er – stotternd – "lernen" geantwortet haben. Im Journal der Wachposten ist für diesen Tag im Oktober 1743 verzeichnet: „Heute passierten das Rosenthaler Tor sechs Ochsen, sieben Schweine, ein Jude.“ – Ein Eintrag, der viel über die Situation sagt, in der die Juden im 18. Jahrhundert in Deutschland lebten.
Jüdisches Leben in Preußen – Erniedrigungen und Einschränkungen
Auch in Preußen litten die Juden unter ebenso starken wie erniedrigenden Reglementierungen. Mendelssohn begleitete die ständige Angst, von einem Moment auf den anderen aus der Stadt ausgewiesen zu werden; selbst der Status „außerordentlicher Schutzjude“, der ihm 1763 vom König verliehen wurde, garantierte ihm und seiner Familie kein unbeschränktes Bleiberecht. Ein Beispiel für die zahlreichen Auflagen, die die Juden im Preußen Friedrichs II. erfüllen mussten, ist der zwangsweise Ankauf von Waren aus der Königlichen Porzellanmanufaktur, die von den Juden selbst obendrein noch ins Ausland exportiert werden mussten. Zwar weisen die jüngsten Forschungen die Geschichte, Mendelssohn sei anlässlich der Geburt seines Sohnes Joseph 1770 gezwungen worden, 20 lebensgroße Porzellanaffen zu kaufen, als gut erfundene Legende aus; dennoch illustriert sie das Ausmaß der Diskriminierung der Juden.
Mendelssohn schlug sich in Berlin zunächst als Hauslehrer beim Seidenhändler Isaak Bernhard durch. Später arbeitete er als Buchhalter in der Seidenmanufaktur, deren Betrieb er nach dem Tod Bernhards im Namen der Witwe äußerst erfolgreich leitet.
Geistiges Leben in Europa – Vernunft und Glauben
Gelernt hat Mendelssohn in Berlin offenbar in rasendem Tempo und größtenteils im Eigenstudium, da Juden der Zugang zur Universität verweigert war. Mendelssohn schaffte es innerhalb von kurzer Zeit zu einem der wichtigsten Denker seiner Epoche zu werden. Er stand in Kontakt zu fast allen bedeutenden Gelehrten seiner Zeit, stand im Mittelpunkt des geistigen Lebens von Berlin und Preußen. Ihn verband eine enge Freundschaft mit Lessing und Friedrich Nicolai, mit denen er zusammen die Briefe, die neueste Literatur betreffend herausgab, eine Zeitschrift, die heute als Begründerin der modernen Literaturkritik gelten kann.
Doch nicht nur als Literaturkritiker machte Mendelssohn sich einen Namen; er war Philosoph, Schriftsteller und Übersetzer. Seine philosophische Schrift Phädon oder über die Unsterblichkeit der Seele in drey Gesprächen (1767) gilt als Zeugnis einer durch Vernunft geleiteten Religion und wurde europaweit zu einem Standardwerk der Aufklärung. In Jerusalem oder über religiöse Macht und Judentum (1783) plädiert er für eine vollständige Trennung von Staat und Kirche und vereinigt den Vernunftglauben der Aufklärung mit der jüdischen Gesetzesreligion. Die Religion bestimme zwar das Handeln der Menschen, das Denken hingegen sei frei. „Weder Kirche noch Staat haben also ein Recht, die Grundsätze und Gesinnungen der Menschen irgendeinem Zwang zu unterwerfen.“
Mendelssohns Verdienste wurden unter den zeitgenössischen Gelehrten hoch geschätzt. 1771 wurde der Autodidakt zum Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften gewählt – doch der sich sonst so aufgeklärt gebende Friedrich II. verweigerte die Aufnahme des Juden, ohne dafür einen Grund zu nennen.
Unermüdlicher Kampf, ein Leben lang – Toleranz und Emanzipation
Trotz aller Rückschläge setzte sich Mendelssohn für Toleranz ein – auch noch, als er vom Schweizer Theologen und Philosophen Johann Caspar Lavater 1769 öffentlich dazu aufgefordert wurde, entweder die von Charles Bonnet ins Feld geführten Argumente für das Christentum zu widerlegen oder sich zum Christentum zu bekennen. Mendelssohn wehrte sich gegen den christlichen Drang andere zu bekehren. „In welcher glücklichen Welt würden wir leben, wenn alle Menschen die Wahrheiten annähmen und ausübten, die die besten Christen und die besten Juden gemeinsam haben!“ Und er weigerte sich, „jede Religion, die eine gute moralische Seite hat, öffentlich […] zu bestreiten.“ Dieser friedfertigen und vorbildhaften Haltung seines Freundes setzte Lessing mit dem „Nathan“ ein Denkmal.
Mendelssohns Ziel war die Anerkennung der Juden als gleichberechtigte Bürger. Er war überzeugt, dass die sprachliche Annäherung ein entscheidender Schritt dazu wäre. Zu einem Zusammenwachsen der beiden Kulturen wollte er mit seiner Neuübersetzung der Bibel aus dem Hebräischen ins Deutsche beitragen. „Es kommt eine Zeit, und sie ist nicht so fern, als man glaubt, wo die Juden nicht mehr Fremde sein werden in ihrem Vaterlande. Das werden sie aber nicht von außen her erlangen, durch fürstliche Gnade und weltliche Gunst, sondern nur durch die Macht der fortschreitenden Bildung.“
So optimistisch Mendelssohn in die Zukunft sah, so sehr muss er unter dem unwürdigen Umgang mit seiner Person und seinen Glaubenbrüdern gelitten haben. Als gleichberechtigter Bürger wurde er in seinem Heimatland bis zum seinem Tod am 4. Januar 1786 nie akzeptiert.
| Literature:
Amos Elon: Zu einer anderen Zeit. Porträt der deutsch-jüdischen Epoche (1743–1933), (i.e., ‘In Other Times. A Portrait of the German-Jewish Epoch (1743-1933)’) München 2003. |
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November 2005



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