Philosophie und Religion

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Glaube und Gewissheit

Papst Benedikt XVI.

Trotz aller Intellektualität: Ohne den wärmenden Katholizismus seiner bayerischen Heimat ist die Theologie Papst Benedikt XVI. nicht zu erklären.

Man muss in Traunstein gewesen sein, um Papst Benedikt XVI. zu verstehen, nicht in Marktl, wo sie den großen Wirbel um Joseph Ratzinger machen, der vor 80 Jahren dort geboren wurde. Traunstein liegt fern von den großen Städten am Fuß der Alpen, das bescheidene Bauernhaus liegt ein wenig abgelegen, das sein Vater, der Polizist, kaufte, und in dem Joseph Ratzinger den größten Teil seiner Jugend verbrachte. Wer Glück hat, bekommt dort die Zinnkrüglein gezeigt, mit denen der fromme Junge mit seinem Bruder und seiner Schwester einst Heilige Messe gespielt hat.

Joseph Kardinal Ratzinger, der bisherige Erzbischof von München und Freising, verabschiedet sich am 28.02.1982 auf dem Marienplatz in München von den Gläubigen. Copyright: picture-alliance/ dpaDer kleine Joseph ist groß geworden und berühmt. Er war Professor in Münster, Bonn, Tübingen und Regensburg, er war Erzbischof von München, Präfekt der Glaubenskongregation, und nun ist er Papst für mehr als eine Milliarde Katholiken; er ist der bekannteste Deutsche der Welt. Aber in ihm lebt noch Traunstein, der Ort vor den Bergen: mit seinem ungebrochenen Katholizismus, vor dem auch die Nationalsozialisten machtlos standen, mit seiner bodenständigen Frömmigkeit. In Joseph Ratzinger lebt die Wärme einer Heimat, in die nichts Fremdes, Verunsicherndes, Unheimliches eindringt. Vieles, was der große Theologe über die westliche Welt und die Modernisierungen in der katholischen Kirche gesagt hat, entspringt dem Gefühl: Hier geht etwas verloren. Hier werden Wärme und Heimat gegen eine kalte Fremde getauscht, die große Wahrheit des Glaubens gegen die kleine Münze des Relativismus – doch in den Stürmen der Zeit kann die katholische Kirche, kann das Abendland damit nicht bestehen.

Es ist faszinierend zu sehen, wie sich im Papsttum Biographie und Weltgeschichte kreuzen, begegnen, bedingen – bei Johannes XXIII. bei Johannes Paul II. und jetzt auch bei Papst Benedikt XVI. Joseph Ratzinger wurde Papst in einer Zeit, in der das aufgeklärte, moderne Europa seine Grenzen spürt, im Zeitalter der Zivilisations- und Religionskonflikte. Und die neue Sehnsucht nach Maßstäben im Weltenchaos trifft sich mit der Sehnsucht nach dem wärmenden Katholizismus des Papstes, der hinter seiner intellektuellen Schärfe lebt.

Vernunft spielt von Anfang an eine Rolle

Papst Benedict XVI bei einer Generalaudienz im Vatikan; Copyright: picture-alliance/ dpa/dpawebDas Glaubens- und Gedanken-gebäude Joseph Ratzingers ist geordnet, die Schönheit und Ordnung der katholischen Liturgie faszinieren ihn von Kindheit an. Und die Vernunft spielt von Anfang an eine wichtige Rolle. 1956, in seiner Habilitation, befasst er sich mit dem Theologen Bonaventura, der sich im 13. Jahrhundert mit den schwärmerischen Strömungen im Franziskanerorden auseinandersetzt, um "den geistigen Verwirrungen seiner Zeit das Bild der wahren christlichen Weisheit entgegenzuhalten“. Das Heil, sagt Ratzinger mit Bonaventura, ist nur jenseits der menschlichen Geschichte zu erwarten. Das trennte den jungen Theologen, der damals als reformfreundlich galt, von der Studentenbewegung von 1968, die er als Professor in Tübingen erlebte: Sie war ihm zu unduldsam, und heilsoptimistisch, zu intolerant gegenüber dem scheuen, unpolitischen Professor aus Bayern. Ratzinger floh regelrecht an die neu gegründete Universität im beschaulichen Regensburg.

Er kehrte zurück nach Bayern, zurück zu jenem Katholizismus, der ihm Heimat bedeutet, der nicht immer fragt und zweifelt, mit dem sich kein politisches Programm verbindet, außer dass die Werte des traditionellen christlichen Lebens bewahrt werden müssen. Er nahm diesen heimatlichen Katholizismus mit nach München und dann nach Rom: Der Glaube an Jesus Christus, den Herrn, ist nicht für die Theologen da, die ihn sezieren und untersuchen, sondern für das durchschnittliche Kirchenvolk, das Hilfe, Trost und Leitung im Leben sucht. Er ist kein politisches oder wirtschaftspolitisches Programm, sondern Maßstab aller Programme. Und die Hüterin dieses Glaubens ist die katholische Kirche; sie darf ihn nicht für kleine Münze an die Moderne verkaufen, bloß damit die Menschen zufrieden sind. Deshalb stieß sich der oberste Theologe der katholischen Kirche an der Befreiungstheologie, die ihm zu politisch war, deshalb blieben ihm die Versuche fremd, Psychologie, Feminismus oder östliche Weisheit in der Kirche einen Platz zu geben.

Gegen die "Diktatur des Relativismus"

Papst Benedikt XVI. macht Urlaub im Aostatal; Copyright: picture-alliance/ dpaKurz vor seiner Wahl zum Papst hat Joseph Ratzinger, der Kardinalsdekan, das Bild einer Kirche gezeichnet, die sich kompromisslos gegen die "Diktatur des Relativismus" stellt. Viele Kardinäle waren begeistert und haben ihn wegen dieser Rede gewählt, viele Beobachter waren erschrocken und fürchteten ein Pontifikat voller bitterer Konflikte. Das ist bislang nicht geschehen, im Gegenteil hat Benedikt XVI. jene überrascht, die in ihm nur den "Panzerkardinal" und finsteren Glaubenswächter sahen. Er ist in sympathischer Schüchternheit vor die Gläubigen getreten und hat ihnen vom Glauben und seiner Schönheit erzählt. Er hat in seiner ersten Enzyklika von der Liebe gesprochen und nicht von Verboten; er hat jetzt ein lesenswertes Buch herausgebracht, das er als Ausdruck seiner Suche nach Jesus geschrieben hat, dem Grund seines Glaubens.

Und trotzdem hat sich an der Linie Joseph Ratzingers nichts Grundsätzliches geändert. Das zeigt sich an der Verve, mit der der Papst sich in die politischen Auseinandersetzungen um verschiedene Ehe- und Lebenspartnerschaftsgesetze eingemischt hat. Es zeigt sich aber vor allem in seinen grundsätzlichen Äußerungen. In seiner Rede vergangenes Jahr in Regensburg während der Bayern-Reise hat Benedikt das Traunsteiner Bewusstsein philosophisch überhöht, das ist das Brisante dieser Vorlesung, weniger das Zitat über Mohammed. Der Glaube ist nach Auffassung des Papstes vernünftig, er hat damit einen objektivierbaren Wahrheitsanspruch. Nur wer sich dieses Glaubens sicher und bewusst ist, kann den Dialog – und notfalls auch die Auseinandersetzung – mit anderen Religionen führen. Der Protestantismus und die Aufklärung haben dagegen die Religion ins Individuelle, Subjektive verlagert, die Wahrheit relativiert. Nun muss der Papst von der Wahrheit reden. Aber geht das heute so ungebrochen wie noch vor fünfzig Jahren? Das Denken des Papstes ist tolerant: Er akzeptiert, dass es andere Auffassungen als die der offiziellen katholischen Lehre gibt; das unterscheidet ihn auch von allen Fundamentalisten. Aber es ist antipluralistisch, weil es davon ausgeht, dass andere Überzeugungen keinen vergleichbaren Wahrheitsanspruch erheben können wie die katholische Kirche.

Papst Benedict XVI gruesst Kinder in Rom; Copyright: picture-alliance/ dpaDoch droht damit nicht aus dem notwendigen Glauben der Kirche an die Zusage Gottes, er werde sie zur Wahrheit führen, ein Wahrheitsanspruch zu entstehen, der zum Kampfinstrument gegen die Moderne wird? Auf seiner Brasilien-Reise im Mai 2007 hat der Papst alle katholischen Politiker aufgefordert, gegen liberale Scheidungs-, Abtreibungs- oder Lebenspartnerschaftsgesetze zu stimmen, sogar Verständnis für Exkommunikations-Drohungen für Abgeordnete gezeigt, die für ein Abtreibungsgesetz stimmen. Doch in einer Kirche, die gegen die Moderne kämpft, notfalls um den Preis, dass sie nur noch die hundertprozentig Überzeugten vereint, hätten die Brüche und Widersprüche der Suchenden keinen Platz mehr. Die Kirche selber wäre keine suchende Kirche mehr, keine Kirche für Andere; sie wäre eine für sich und ihre treuen Anhänger.

Dann würde an Strahlkraft verlieren, was nicht nur Katholiken an diesem Papst hoch schätzen sollten. Er stößt sich an der Blindheit der angeblich aufgeklärten Vernunft für die nichtmaterielle Dimension der Wahrheit, an der Herrschaft des Nächstliegenden. Er ist skeptisch gegenüber allen innerweltlichen Heilsversprechen, gegenüber der Ökonomisierung aller Bereiche des Menschlichen, gegenüber den falschen Propheten der ewigen Gesundheit und des nicht nachlassenden Spaßes. Hier ist der Papst aus Bayern erfrischend unmodern: den Fortschrittsoptimisten gestrig, den Neoliberalen sozialromantisch, den Gleichgültigen in seiner Frömmigkeit ein Ärgernis. Und in diesem Sinne tut der Traunsteiner Katholizismus der Welt gut.

Matthias Drobinski
Jahrgang 1964, Studium der Geschichte, katholischen Theologie und Germanistik. Hamburger Journalistenschule, seit 1997 innenpolitischer Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

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Mai 2007

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