Umwelt

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Ökotourismus – sanft, natürlich oder nachhaltig?

Copyright: MEV/Mike WitschelSafari in Afrika, Erlebnistour in der Antarktis, Bergsteigen am Himalaja – dem modernen Tourismus sind kaum Grenzen gesetzt. Doch schon Mitte der 1960er Jahre setzte im Tourismus ein ökologisch orientiertes Denken ein, ab 1990 sorgte ein stärkeres Umweltbewusstsein für einen regelrechten Ökoboom - genannt "Ökotourismus", "sanfter Tourismus" oder "nachhaltiges Reisen".

Aber im Gütesiegelwirrwarr verbergen sich zahlreiche vermeintlich umweltbewusste Reiseangebote. Was einst Wissenschaftlern mit speziellem Interesse vorbehalten war, macht heute den Reiz so genannter Erlebnisreisen aus: Kälte, Meer und Eis, Hitze, Schlafen unter freiem Himmel, umgeben von heulenden Hyänen – alles natürlich mit dem Komfort einer Luxusreise. Liebstes Transportmittel für die liebste Freizeitbeschäftigung der Deutschen ist das Flugzeug. Action und Spaß bestimmen heute die Urlaubsplanung weit mehr als die in den 90er Jahren gefragte Umwelt- und Sozialverträglichkeit. Wer sein schlechtes Gewissen beruhigen mag, jettet in die anthroposophische Vollwert-Finca auf Mallorca oder bucht eine Wochenendwanderung auf Korsika.

Licht im Gütesiegel-Wirrwarr

Barfüßler; Copyright: Viabono GmbHAttraktive Reisehappen im grünen Design gibt es auf dem Reisemarkt viele. Namen wie Ecotourism, grüner, intelligenter, sanfter oder nachhaltiger Tourismus kursieren wild durcheinander. Der Marktanteil des Ökotourismus lässt sich daher bislang nur schätzen. Ungefähr liegt der Wert wohl bei 15 Prozent, Tendenz steigend. Um dem reiselustigen Verbraucher einen Weg durch den Begriffs- und Gütesiegeldschungel zu ebnen, wurde im Jahr 2001 auf Initiative des Bundesumweltministeriums "Viabono" gegründet. Hinter dieser Dachmarke für umwelt- und sozialveträgliches Reisen verbergen sich zwölf Spitzenorganisationen aus Umwelt- und Verbraucherschutz sowie der deutschen Tourismuswirtschaft. Anhand eines 40-Punkte umfassenden Kriterienkatalogs unterziehen sich alle Viabono-Anbieter einer strengen Umweltverträglichkeitskontrolle. Mittlerweile haben mehr als 420 Anbieter von Hotels, Ferienwohnungen, Campingplätzen, aber auch Tourismuskommunen, Naturparks, Jugendbildungseinrichtungen und Kanuanbieter eine Viabono-Lizenz erhalten. Neben unverfälschten Naturerlebnissen garantiert Viabono umweltverträgliches Reisen. Gästetransfer vom Bahnhof und Fahrradverleih vor Ort sind selbstverständlich, die kulinarische Vielfalt wird durch regionale oder biologisch angebaute Produkte bestimmt.

Quadratur des Kreises

Ökotourismus soll allen Beteiligten bei erträglichen Kosten den größtmöglichen Gewinn bringen, ökologisch, ökonomisch, sozial und kulturell. Er soll die Umwelt schützen, wirtschaftlichen Erfolg bringen, sozialverträglich sein, Kulturgut bewahren und selbstverständlich die Touristen zufrieden stellen. In der Realität sieht Tourismus bislang ganz anders aus. Im Ressourcen verschlingenden Kampf um attraktive Reiseziele und Preisdumping sind Biogas, Komposthaufen, Pfandflaschen und Baumpflanzungen nur kleine grüne Tupfer. Reisen zu Umweltschutzvorhaben in Costa Rica, wissenschaftlichen oder sozialen Projekten in Afrika oder Asien: Das Gros ökotouristischer Angebote ist nur via Flugzeug erreichbar – und damit die gute Absicht gleich Umwelt belastend. Längst hat sich die Devise "Seltener, dafür aber umso länger" in ferne Länder zu reisen, gewandelt: "Immer kürzer und immer öfter". Billigflüge, Mietwagen, Essen und Trinken all inclusive, locken den termingestresste Geschäftsleute zum Kurztrip auf ferne Inseln oder zum Après-Ski in die Alpen.

Sanftes Wandern auf der Via Alpina

Wilder Kaiser Österreich; Copyright: MEV/Mark KitzDie Alpen, ein einzigartiges Gebiet, das sich auf 200.000 km und über acht europäische Staaten erstreckt, sind eines der meistbesuchten touristischen Ziele weltweit. Massentourismus, Bettenburgen und Liftanlagen sind aber immer nur eine Seite. Den Alpenbewohnern sichern die Einnahmen aus dem Tourismus das nötige Zusatzeinkommen. Dass sich Erholungsbedürftigkeit, Wirtschaft und Natur in Einklang bringen lassen, zeigt die "Via Alpina". Alle Alpenstaaten haben sich zusammengetan und ein Völker verbindendes Alpenwandernetz entwickelt. Die Streckenführung wurde unter Berücksichtigung zahlreicher politischer, umweltrelevanter und touristischer Aspekte gestaltet. Ziel ist es, ärmere Alpenregionen zu etablieren und die dortigen Naturschönheiten und Sehenswürdigkeiten attraktiver zu machen. Die Via Alpina wurde offiziell als konkreter Beitrag zur Umsetzung der Alpenkonvention anerkannt, mit dem Ziel, die nachhaltige Entwicklung der Alpen zu gewährleisten.

In der Diskussion um Nachhaltigkeit, Ökologie und Sozialverträglichkeit sollte die Frage, ob Reisen in die entlegensten Winkel der Erde überhaupt sein müssen, nicht in Vergessenheit geraten. Flüge ins Weltall sind bereits heute buchbar, allein die gigantischen Reisekosten limitieren diesen Tourismuszweig. Für all jene, die sich diese und andere ökologisch unverantwortliche Reisen nicht leisten (wollen), laden tolle Bildbände, beeindruckende Dokumentationen und unzählige Internetseiten zu einer Reise in Gedanken ein.

Eva-Maria Levermann
Die Autorin ist Dipl.-Biologin und freie Journalistin in Bonn

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Februar 2006

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