Kreativwirtschaft: unverzichtbar, aber mit hohem Geschäftsrisiko


In ihr arbeiten rund eine Million Menschen, in 244.000 großen, kleinen und kleinsten Unternehmen oder als Einzelunternehmer. Ihr Jahresumsatz beträgt zusammen rund 143 Milliarden Euro. Die Kreativwirtschaft in Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige entwickelt.
Andreas Krüger und Matthias Ahrens gehören zur Generation der neuen Kreativmanager. Sie leiten das Projekt Planet Modulor, ein Verbund von Unternehmen aus Handwerk, Kunst und Kultur. Sie gruppieren sich im Aufbau-Haus in Berlin-Kreuzberg rund um das Unternehmen Modulor Material Total. Der deutschlandweit größte Anbieter von Modellbau-, Architekturbedarf und Werkstoffen bietet Nähstudios, Tapetendesignern, Mosaikkünstlern, Möbelhandwerkern, Fotografen und Soundtechnikern Flächen zum Produzieren und Verkaufen.
„Die Idee zu Planet Modulor ist einmalig“, sagt Matthias Ahrens, „Ausgangspunkt waren Kundenanfragen nach Weiterverarbeitung der von uns gehandelten Materialien. Und so suchten wir irgendwann selbst nach solchen Unternehmen, um sie unseren Kunden zu empfehlen.“ Die Angebote sollten für professionelle Bereiche wie Architektur, Bühnenbau und Werbung interessant sein, aber auch für ambitionierte Selbermacher. Das Haus mit dem renommierten Aufbau-Verlag und Planet Modulor machte aus der Stadtbrache am Moritzplatz, der früher die Grenze zwischen dem West- und Ostteil Berlins markierte, ein lebendiges Zentrum.
Neue Formen des Arbeitens
Kreative, die eine verloren geglaubte Stadtlandschaft wieder beleben – auch das ist Teil eines Wirtschaftszweigs, der wie kein anderer von der Fähigkeit seiner Marktteilnehmer zur Innovation, Selbstorganisation und Flexibilität lebt. Hier entstehen neue Formen des Arbeitens, wie zum Beispiel eine Nähwerkstatt mit Selbstbeteiligung. Auch alte Handwerkstechniken leben wieder auf – wie die Glasmalerei, das Schreinern mit hochwertigen Hölzern oder die Buchherstellung mit Bleisatz und klassischen Buchdruckverfahren im Geiste Gutenbergs.
Wer gehört alles zur Kreativwirtschaft? Autoren, Filmemacher, Musiker, bildende und darstellende Künstler, Architekten, Designer und die Entwickler von Computerspielen – es sind überwiegend Freiberufler sowie Klein- und Kleinstbetriebe. Sie sind nicht öffentlich angestellt (wie in Museen, Theatern oder Orchestern) und gehören auch nicht zum Personal von Kulturstiftungen, sondern sind erwerbswirtschaftlich tätig. Eine Enquete-Kommission des Bundestags hat einmal elf Teilmärkte ausgemacht, die unter anderem Musik, Film, Architektur, Design und Software-Entwicklung umfassen.
Zwei Drittel des gesamten Umsatzes in der Kreativbranche stammen aus dem Pressemarkt, der Software- und Spiele-Industrie, dem Werbemarkt und der Designwirtschaft. Auffällig ist, bemerkt der Bericht der Kommission „Kultur in Deutschland“, dass nicht die Zahl der selbstständigen Künstler geschrumpft ist, sondern die der kleineren gewerblichen Unternehmen: Kleine Musik-, Buch- und Presseverlage, Einzelhändler, Filmproduktions- und Filmvertriebsfirmen, Werbeagenturen und Spiele-Entwickler sind in nennenswerter Zahl nicht mehr am Markt vertreten. Diesem Unternehmensrückgang stehen Zuwächse bei den Designbüros, den selbstständigen Schriftstellern, Bühnenkünstlern, Übersetzern, den Innenarchitekten oder den Tonstudios gegenüber.
Impulsgeber für Innovationen
Zwei Drittel der Kreativunternehmen unterstützen ihre Auftraggeber in der Anfangsphase von Innovationsprozessen und tragen wesentlich zur Ideenfindung und Konzeptentwicklung bei. Das ergab eine Untersuchung des Bundeswirtschaftsministeriums. Jedes dritte Kreativunternehmen ist für die Industrie tätig: designt Autos, entwickelt Produktlinien für Möbel, Kücheneinrichtungen oder Geschirr. Ohne die Kreativunternehmer als Impulsgeber fehlten die Anstöße für Innovationen. Deswegen – so der Bericht – müsste die Kreativwirtschaft noch mehr gefördert und durch neue Finanzierungsinstrumente stärker eingebunden werden.
Denn die Risiken zu scheitern sind immer noch sehr hoch. Selbstausbeutung, ein 16-Stunden-Tag, die Unsicherheit bis der nächste Auftrag kommt – die Branche kennt das. „Das Bild in der Öffentlichkeit ist zuweilen geprägt von einigen ‚Stars‘ aus der Kreativszene mit sehr hohen Einkommen. Lebensrealität ist aber oft, dass faire Einkommen und soziale Sicherung in dieser Branche für viele ein Fremdwort sind“, schreibt die SPD-Fraktion in einem Antrag an die Bundesregierung, der darauf zielt, „die wirtschaftlich und soziale Lage der Kultur- und Kreativschaffenden zu verbessern“.
Künstler und Publizisten unter Druck
Nach den Zahlen der Künstlersozialkasse, bei der knapp 180.000 selbstständige Künstler und Publizisten versichert sind, beträgt der durchschnittliche Jahresverdienst aktuell 14.000 Euro. In dem Antrag wird darauf hingewiesen, dass die Digitalisierung „bei allen positiven Effekten auch zu einer gravierenden Veränderung der Wertschöpfungskette und damit zu einem erheblichen Kosten- und Anpassungsdruck“ geführt hat. Deswegen müssten dringend angemessene Vergütungsformen und
-wege für die Verwertung künstlerischer und kreativer Arbeit gefunden werden.
Schließlich haben Bund und Länder realisiert, dass Kultur- und Künstlerförderung zugleich auch Wirtschaftsförderung ist. Längst gilt das kulturelle Umfeld einer Region oder Kommune als entscheidender Standortfaktor bei der Ansiedlung von Unternehmen. Bleibt das Argument der knappen Kassen: Wenn die Verwaltung sich zwischen der Sanierung einer Schule und dem finanziellen Zuschuss für eine ortsansässige Galerie entscheiden muss, ist guter Rat teuer. Wenn es um Kultur und Kreativität geht, ist beides unverzichtbar.
ist freier Journalist in Berlin und leitet dort eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas-ppr.de).
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März 2013
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Links zum Thema
- Initiative Kreativ- und Kulturwirtschaft der Bundesregierung

- Schlussbericht der Enquete-Kommission „Kultur in Deutschland“

- Antrag der SPD-Fraktion zur Kulturwirtschaft vom Dezember 2012

- Projekt Modulor im Aufbau-Haus

- Ausbildung für Kreative aus den unterschiedlichsten Fachbereichen: Das Hasso-Plattner-Institut „School of Design Thinking“ (goethe.de)


- Jung, kreativ, international – Creative industries in Berlin (goethe.de)






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