Produktion und Nachhaltigkeit von Kleidungstextilien in Estland

In Estland gibt es momentan keine eigenständige vollständige Textilindustrie, die Produktionsetappen sind nicht von Anfang bis Ende lokal oder verfolgbar. Die Rohmaterialien werden importiert und Textilerzeugnisse werden vor Ort verarbeitet oder produziert oder der Rohstoff wird vor Ort angebaut und die Erzeugnisse woanders hergestellt. Mängel gibt es sowohl bei der gleichbleibenden Qualität als auch beim Produktionsumfang, auch ist der Arbeitspreis hoch. Aus diesen Gründen kann von einer funktionierenden nachhaltigen Produktion nicht gesprochen werden.
Nachhaltige Produktion im 19. Jahrhundert
Die vor bald einem Jahrhundert erfolgte lokale Produktion von Textilien und Bekleidung kann aber als nachhaltig angesehen werden. Die Herstellung von Kleidung war mit anderen Tätigkeiten und Prozessen verknüpft, die Produktionsmengen waren klein und die Nachfrage nach dem benötigten Stoff schwankte nicht. Stoffe wurden als wichtige Ressource angesehen – sie wurden so viel wiederverwendet wie möglich.
In der estnischen Tradition kennt man zwei hauptsächliche Textilfasern: Wolle und Leinen (Vunder 2008:153). Von ihren Eigenschaften her passen diese gut zum Klima und ergänzen einander. Leinen wurde wegen seiner Feinheit und Kühlfähigkeit bis ins 20. Jahrhundert als Unterwäsche und Leichtbekleidung (Sommerbekleidung und Wäsche) genutzt und Wolle in Oberbekleidung und Überwürfen wegen ihrer Wärmeerhaltung. Bei der Umarbeitung dieser Fasern zu Stoffen wurden Produktionstechniken und Werkzeuge ständig verfeinert. Ein Bedarf für die Suche nach neuen beständigen Alternativen in der Natur war nicht vorhanden.
In Estland wurde auch industrieller Hanf für Arbeitsgeräte (Seile, Schnüre) angebaut. Die meiste Arbeits- und Festbekleidung und deren Stoffe wurden zu Hause selbst hergestellt, dies bis Anfang des 20. Jahrhunderts. An der Herstellung von Kleidung nahmen alle Familienmitglieder teil und die Produktionsetappen entsprachen den Jahreszeiten und anderen saisonalen Arbeiten. Nur Oberbekleidung wurde mit Hilfe von Schneidern und Kürschnern genäht. (Vunder 2008:160) Mitte des 19. Jahrhunderts begann das Leinen als lokaler Rohstoff vor der importierten Baumwolle zurückzuweichen. Auch traditionelle Arbeitstechniken und -mittel gingen zurück und wurden ersetzt durch Handarbeitsgeräte aus Fabrikproduktion (zum Beispiel Näh- und Stickmaschinen, Nadeln, Häkelnadeln) ersetzt. (Vunder 2008:153) Im häuslichen Bereich hielt sich das Leinen noch bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts.
Produktion alternativer Textilien in Estland
Da die Herstellung von Textilien von der damaligen Lebensweise nicht zu trennen war, ist es nicht möglich das Gewesene als nachhaltige Lösung vollständig in den heutigen Kontext zu überführen. Heutzutage hat die Kleinproduktion ihren Platz, ebenso mittlere oder Großproduktion. Die Hauptfragen sind, wie man die bereits tätigen Textilfabriken in nachhaltige Produktion überführen und welche Rohstoffe man noch als Textilmaterialien und an der Kleidung verwenden kann. Aus der estnischen Tradition ist die Verwendung mehrerer Pflanzen in ähnlicher Weise wie Textilfasern bekannt, die für Bekleidung verwendet wurden. Aus Birkenrinde, Lindenbast und Weidenrinde stellte man Bastschuhe, Pasteln und Körbe her. Zur Herstellung von Gegenständen wurde auch durch Kochen biegsam gemachte Fichtenrinde verwendet. Aus Lindenbast findet sich in den Sammlungen des Estnischen Nationalmuseums ein mit Milch eingeweichter und mit Pflanzen gefärbter Gürtel. Nach Aussage der Pflanzenkennerin Mercedes Merimaa verfügen außer den genannten natürlichen Textilien über solche Eigenschaften wie Stärke, Länge und Zähigkeit auch noch Hopfen, Ackerwinde und Kratzbeere. Zum Flechten wurden auch Farn, Stroh und Schilf verwendet.
Ein Weg voller Möglichkeiten
Berücksichtigt man die heutigen Ansprüche und den lokalen Kontext, kann man als potentielle Textilfasern zur Kleiderherstellung Schafwolle, Leinen, Nesseln, Industriehanf und Torffasern ansehen. Die Schafzucht ist ein in Estland zunehmender Trend, es steigt auch die Wertschätzung von Wolle. Trotzdem fehlt es an funktionierenden Produktionsstrukturen, die es ermöglichten vor Ort vom Rohstoff zum Endprodukt zu gelangen. Es fehlt auch an Gesetzgebung um bei Textilmaterialien biologische Produktion von gewöhnlicher Produktion zu unterscheiden. Bei der Herstellung von Pflanzenfasern ist die Situation noch mangelhafter: Es gibt weder Anbau von Rohstoffen noch zu deren Verarbeitung geeignete vollständige Produktionsmöglichkeiten. Es würde sich jedoch lohnen in Pflanzenfasern zu investieren, denn Leinen, Hanf, und Nesseln lassen sich in die schon vorhandene biologische Lebensmittelproduktion integrieren, sie lassen sich im Rotationsverfahren zusammen mit Lebensmittelkulturen anbauen.
Für jede der genannten Fasern gibt es eigene Gründe, warum sie in der Gegend als Textilrohstoff anzubauen wären. Über Anbau und Verarbeitung von Leinen ist reichlich Information erhalten und die Fasern brauchen bei der Kultivierung keine Pflanzenschutzmittel. Industriehanf lässt sich als Vorkultur anderer Feldkulturen anbauen, denn die Pflanze reichert den Boden an. Bobby Pugh, Hanfladenbesitzer in Brighton erklärt, dass Hanf die Lösung für viele Umweltprobleme sein könnte, denn theoretisch ist es möglich 90% der heute verwendeten Erzeugnisse durch Hanf zu ersetzen. Nesseln bieten aber durch ihre Eigenschaften zusätzliche Werte im Vergleich zu Leinen und Hanf: das Textilmaterial ist stärker als Baumwolle, elastischer, weicher und seidiger als Leinen. Auch Torffasern aus einer Sumpfpflanze namens scheidiges Wollgras, sind ein potentiell nachhaltiger Textilrohstoff. Die Fasern sind momentan Industrieabfall der Torfindustrie, für den es keine Verwendung gibt. Der Übergang zu nachhaltigen Herstellungsweisen und Rohstoffen ist ein langer Weg, aber voller Möglichkeiten.
ERM EA 15. Mihkel Sild. Vastused rahvateaduslikkudele küsimuskavadele, II ehitused, 1931–1932, lk 363
Vunder, Elle. Tööelu, käsitöö, kodune käsitöö. Eesti Rahvakultuur. Koost Ants Viires, Elle Vunder. Tallinn: Eesti entsüklopeediakirjastus, 2008
Interview mit Mercedes Merimaa (Pflanzenkennerin), 14.04.2012
Interview mit Olivia Till (Schafzüchterin, verarbeitet Wolle und veranstaltet theoretische und praktische Schulungen zum Thema), 17.12.2012
Textildeseignerin und Doktorandin an der Kunstakademia Estland
Übersetzt von Axel Jagau
Copyright: Goethe-Institut e. V.
März 2013



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