Der Zeichensetzer – Ein Porträt von Magdy El-Shafee
Magdy El-Shafee gilt als Vorreiter des politischen Comics in Ägypten. Früher brachten seine Zeichnungen das zum Ausdruck, was sich niemand zu sagen traute. Heute setzt er sich dafür ein, dass die Revolution zu Ende gebracht wird.
Als die Polizisten die Straßen Kairos verlassen hatten und das Gebäude der Regierungspartei brannte, da wusste Magdy
Magdy El-Shafee, 50, zeichnet Comics. Vor vier Jahren veröffentlichte er mit Metro die erste ägyptische Graphic Novel. „Ich spürte einfach, ich muss jetzt etwas machen“, sagt der Autor. Er fing damals an, bis tief in die Nacht zu zeichnen und zu schreiben. Das Ergebnis war ein höchst politischer Roman, der auf mehr als hundert Seiten die Geschichte eines jungen Mannes erzählt, der seinem hoffnungslosen Leben entfliehen möchte und sich in einem chaotischen und korrupten Kairo verliert.
„Superman war mein Retter“
ISBN 978-3-03731-099-1
Edition Moderne, Zürich
Magdy El-Shafee wohnt mit seiner Familie in Madinat Nasr, einer Gegend im Osten Kairos, in der in den vergangenen fünfzig Jahren wuchtige Betonhäuser aneinandergereiht wurden, die den Menschen kaum Luft zum Atmen geben. Geboren und aufgewachsen ist er in Libyen, der Vater machte dort als Chemiker gutes Geld. Später zog die Familie nach Saudi-Arabien. Dort habe er oft tagelang Superman gelesen. „Er war mein Retter gegen die Langeweile und das restriktive Leben“, sagt Magdy. Und doch habe er auch gute Erinnerungen an dieses strenge Land mit seinen konservativen Traditionen. „Fast jede saudische Familie hat ein Zelt zu Hause und fährt einmal im Monat in die Wüste“, sagt er. „Diese Meditation fehlt uns Ägyptern.“
Als Teenager begann er dann, auf jeden Zettel, der irgendwo herumlag, Zeichnungen zu kritzeln. „Ich hatte so großes Glück mit meinen Eltern, denn sie liebten Kunst“, sagt Magdy. Also durfte er machen, was er wollte. Fuhr nach Paris, wo ihn die Kunst „so richtig packte“, unterhielt sich mit Straßenkünstlern, die Comics und Porträts malten und kam in die Szene hinein.
Ins Wespennest gestochen
„Kaum ein Künstler kann in Ägypten finanziell überleben“, sagt er. Deshalb jobbte Magdy El-Shafee in den Neunzigerjahren in der pharmazeutischen Industrie, bis er eine Stelle beim staatlichen ägyptischen Comic-Magazin Alaa El-Deen bekam. „Es gab das Gerücht, diese Publikation gebe es nur, um der Frau des Präsidenten einen Gefallen zu tun“, sagt er. Denn Alaa ist der Vorname von Hosni Mubaraks ältestem Sohn. Den nötigen Freiraum für seine Kunst bekam er erst bei der regierungskritischen Zeitung Al-Dustur, wo er schließlich das tun konnte, wovon er träumte: für Erwachsene zeichnen, gegen Korruption kämpfen, mit Kunst das Land verändern.
In dieser Zeit entstand auch seine erste Graphic Novel: Metro. Eineinhalb Jahre hatte er an diesem literarischen Roman gezeichnet, der unter den Jugendlichen später wie eine geheime Schrift herumgereicht wurde. Ihm sei nicht bewusst gewesen, in welches Wespennest er gestochen habe, sagt Magdy. Nur zufällig erfuhr er damals, in welchen Schwierigkeiten er steckte. „Ich ging in einen Buchladen, in dem ich zwei Wochen zuvor einige Exemplare signiert hatte“, sagt Magdy. Er habe dann aus Interesse nach seinem Buch gefragt. „Wir führen solche Dinge nicht!“, habe ihm die Verkäuferin barsch geantwortet. Es war eine jener Situationen, die den Autor nachdenklich machten. „Hätte sie doch einfach die Wahrheit gesagt, dass die Bücher konfisziert wurden“, sagt Magdy El-Shafee.
Etwas bewirken
Und doch war es erst das Verbot, das die Graphic Novel zu etwas machte, vor dem das Regime Angst hatte: einer Kampfschrift. Allmählich formte sich eine undurchsichtige Szene, die den Kampf mit dem Regime aufnehmen wollte. Blogger riefen im Internet dazu auf, für die Freiheit zu kämpfen. Aktivisten gingen auf die Straße und riefen zu Streiks auf. Und Magdy El-Shafee zeichnete weiter. „Plötzlich merkten die Menschen, dass sie etwas bewirken können“, sagt er. Er habe lange darüber nachgedacht, warum die Revolutionen in Libyen und Syrien letztlich in blutige Kriege gemündet haben – und nicht dem ägyptischen Vorbild folgen konnten. „Wir haben eine intakte Gesellschaft in Ägypten“, sagt Magdy. „Die gab uns den nötigen Raum und hielt uns bis zum Rücktritt Mubaraks zusammen.“
Deshalb glaubt Magdy El-Shafee auch an die Kraft der Comic-Magazine in Ägypten, die seit der Revolution auf den Markt gekommen sind. Zu den Neuerscheinungen gehört El Doshma, ein Heft, das vom Hischam-Mubarak-Zentrum für Menschenrechte herausgegeben wird. Magdy El-Shafee ist einer der Heftmacher und berät die Künstler. Er selbst arbeitet momentan an einer neuen Graphic Novel, die „etwas über die Revolution“ zum Thema habe. Es sei jedoch noch zu früh, um darüber zu reden.
Das Graffiti, das er während der Revolution unter der Brücke an die Wand gesprüht hatte, ist längst übermalt worden. Er sei trotzdem überzeugt, dass die Revolution am Ende siegen werde: „Wir haben die Idee für ein neues Land, und die ist stärker als alle anderen Mächte.“
arbeitet als freier Journalist und Reporter in Kairo.
Copyright: Goethe-Institut Kairo
April 2012
Links zum Thema
- Comic und Politik – „Die Freiheit hat ihren Preis“ (tagesspiegel.de)

- Magdy El-Shafee, Website


- „Magische Kräfte“ – Comic-Magazine in Ägypten (goethe.de)


- Aufklärung mit dem Zeichenstift – Gestern zensiert, heute berühmt – der ägyptische Comic-Zeichner Magdy El Shafee (NZZ Online)

- Graphic-Novel „Metro“

- Vorreiter der politischen Zeichner – Von Anette Selg




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