Kleinverlage in Ägypten – Trotz schwerer Zeiten optimistisch

Bücher begegnen einem auf Schritt und Tritt entlang des Gehsteiges an der Tahrir Street. Die vielbefahrene Straße führt zum berühmten gleichnamigen Platz, auf dem im Januar 2011 tausende von Ägyptern demonstrierten, um Präsident Hosni Mubarak zu stürzen. Dass der revolutionäre Geist auch heute, 17 Monate nach dem Umsturz, noch durchaus lebendig ist, beweist ein kurzer Blick auf die bei den Lesern äußerst beliebten Buchtitel, die an die mehr als zweiwöchigen Proteste von damals erinnern sollen.
Doch viele kleinere Verlage in Ägypten haben nach wie vor Schwierigkeiten, auf dem Buchmarkt Fuß zu fassen und ihre Bücher an die Leserschaft zu bringen. „Wir machen momentan eine schwierige Phase durch“, erklärt Mohamed Hashim vom kleinen, aber vielversprechenden Kairoer Verlagshaus Merit in einem Interview mit dem Goethe-Institut, „wahrscheinlich bekommen wir gerade die wirtschaftliche Flaute im Lande zu spüren. Aber ich glaube auch, dass eine Veränderung in der Luft liegt.“
„Die Revolution ist noch immer Thema Nummer eins“
vom Tahrir-Platz
Mohamed El-Baaly vom Sefsafa-Verlag ist derselben Ansicht. Er meint, dass das Verlagswesen derzeit zwar wegen des schlechten Konjunkturklimas in Ägypten zu kämpfen habe, dass jedoch in der Branche „demnächst eine Erholung einsetzen wird, weil sich die Wirtschaftslage im Land wieder stabilisiert.“
Einen dauerhaften Erfolg der kleinen Verlage werden dann allerdings nicht reißerische Titel gewährleisten, sondern vielmehr die konsequente Suche nach besseren Autoren, betont Mohamed El-Baaly. Mit dicken Wälzern könne man heute beim ägyptischen Leser jedenfalls nicht mehr punkten. Stattdessen sei vor allem qualitativ hochwertige Literatur angesagt. „Die Art und Weise, auf die die Ägypter an ihre Informationen gelangen wollen, ändert sich“, so Mohamed El-Baaly weiter. „Bücher werden zwar nach wie vor als wichtige Informationsquelle betrachtet. Doch gerade deshalb sollten wir auf keinen Fall minderwertige Bücher auf den Markt bringen. Das gilt sowohl für den Inhalt als auch für die Druckqualität.“
Sehr zum Leidwesen der Verlage sind die Verkaufszahlen eher rückgängig. Die „großen Autoren“ ziehen bei den Ägyptern eben immer noch besser als neue Namen. Das Konzept der kleinen Verlage, die auf neue Absatzmärkte im post-revolutionären Ägypten gehofft hatten, scheint also vorerst nicht aufzugehen.
Wie Ahmed Mehanna vom Dar Noun-Verlag dem Goethe-Institut gegenüber erklärt, „konzentrieren sich die großen renommierten Verlage fast ausschließlich auf die bekannten Autoren. Dadurch bekommen die kleinen Verlage nur sehr schwer Zugang zum Markt.“
Umstrittene Inhalte
Die Tatsache, dass man in Ägypten mit vergleichsweise geringen Mitteln eine Zeitung herausbringen kann, während die Druckkosten für qualitativ hochwertige Bücher stetig ansteigen, macht den kleinen Verlagen ebenfalls zu schaffen. Darüber hinaus müssen alle Verlage jeden neuen Text vor der Veröffentlichung zuerst vom Bildungsministerium und vom Kulturministerium absegnen lassen.
So stießen beispielsweise fast alle geplanten Neuerscheinungen von Dar Nour bei den Ministerien wegen angeblicher „umstrittener Inhalte“ auf Ablehnung.
Auch wenn sich diesbezüglich im vergangenen Jahr einiges verändert hat, spielt, Ahmed Mehanna zufolge, „die Zensur für die Regierung weiterhin eine wichtige Rolle. Bücher, die das Vorgehen der Militärs in Frage stellen, sind nun einmal nicht gerne gesehen.“
Hohe Produktionskosten und Zensur sind also die entscheidenden Faktoren, die den Durchbruch kleinerer Verlage zunächst massiv behindern, obwohl die Qualität der Bücher, Fachleuten zufolge, erheblich besser geworden ist. Nach Angaben von Sherif Kassem, dem Vorsitzenden des Bildungsausschusses im ägyptischen Verlegerverband, haben Zeitungen im post-revolutionären Ägypten Hochkonjunktur, während sich bei den Absatzzahlen auf dem Buchmarkt kaum etwas tut: „Der Hauptgrund liegt darin, dass die Buchhändler nicht risikofreudig genug sind, um kleinere Verlage in ihr Programm aufzunehmen. Ein neuer Verlag muss also erst einmal gute Autoren finden, dann muss er viel Geld in die Herstellung investieren und schließlich muss er auch noch versuchen, seine Produkte irgendwie in die Buchläden zu bekommen.“
Ein wirtschaftliches Dilemma
Wie der Sprecher einer großen ägyptischen Buchhandlung dem Goethe-Institut mit der Bitte um Anonymität mitteilte, werde man in absehbarer Zeit keine neuen Verlage führen, „weil es schlicht und einfach unrentabel ist, Werbung für Autoren und Verlage zu machen, die unsere Kunden noch nicht kennen.“
Dieses aus wirtschaftlichen Erwägungen der Buchhändler resultierende Dilemma macht den kleinen Verlagen einmal mehr das Leben schwer, weil dadurch zusätzliche Kosten für Werbung entstehen.
Mohamed El-Baaly formuliert es folgendermaßen: „Der Kampf, unsere Bücher auf den Markt zu bringen, wird immer härter, weil sich die namhaften Buchhandlungen weigern, unsere Titel in großem Stil zu vermarkten.“ Bei steigenden Herstellungskosten für Bücher mit geringen Auflagenzahlen bliebe den kleinen Verlagen jedoch oft nur noch ein kleiner finanzieller Spielraum für Autorenförderung und Werbung.
Aber gerade die Werbung hält einen kleinen Verlag am Leben. Und obwohl die kleinen Verlagshäuser Merit, Dar Nour und Sefsafa eigenen Angaben zufolge einigermaßen schwarze Zahlen schreiben, reicht der Gewinn nicht für größer angelegte Werbekampagnen, die wiederum für einen höheren Bekanntheitsgrad dieser kleinen Verlage sorgen könnten.
Ahmed Mehanna meint dazu: „Auf der Buchmesse können die kleineren Verlage die Einnahmequellen erschließen, die ihnen zumindest ein weiteres Jahr lang das Überleben sichern. Wir werden in den bis dahin verbleibenden Monaten hoffentlich mehr darüber erfahren, wie Literatur und Medien in Ägypten zukünftig funktionieren. Aber natürlich macht die unsichere Gesamtsituation im Land die Sache für uns nicht unbedingt einfacher.“
ist ein in Ägypten lebender Journalist und der Chefredakteur und Gründer des ägyptischen Nachrichtenblogs Bikya Masr.
Übersetzung: Andreas Bünger
Copyright: Goethe-Institut Kairo
Juli 2012












