Aktiv für gesellschaftliche Verantwortung – Eine „Learning Journey“ nach Berlin


Acht Aktivisten aus Palästina, Irak, Ägypten und Marokko bestiegen unerschrocken die bereitgestellten Fahrräder und eroberten mit sportlichem Eifer den Berliner Bezirk Kreuzberg. Berlin ist eine wichtige Station der „Learning Journeys“ im Rahmen des Cultural Innovators Network. Der Startschuss für das Projekt fiel Anfang Juni 2012.
Es war ihr zweiter Tag in der Stadt. Berlin überraschte die Netzwerker mit für sie ungewohnt kalter Sommertemperatur von 18 Grad C. Doch der trübe Himmel konnte die gute Laune nicht verderben. Die Gäste begaben sich mit dem Rad an diesem Tag auf die Spuren von Berliner Initiativen, die sich speziell für die Entwicklung von bürgerschaftlichem Engagement einsetzen.
Da ging es um Themen, wie Eigenverantwortlichkeit in Stadt-Quartieren, um die aktive Mitgestaltung des Wohnumfeldes, um die Energiewende „von unten“, das Schaffen einer naturverbundenen Umgebung mitten in der städtischen Steinwüste. Dafür stehen zum Beispiel die „Kiezwandler SO36“ mit ihrem Engagement, Obstbäume in einem öffentlichen Park zu pflanzen und zu pflegen wie auch die Prinzessinnengärten am Moritzplatz, die einen Baugrund besetzt haben, um dort zum Beispiel Kartoffeln und Tomaten anzupflanzen. Die wachsen nicht direkt in der Erde, sondern in Reissäcken oder Kisten, so dass die Pflanzungen jederzeit den Ort wechseln können. „Denn falls sich ein Investor für den städtischen Baugrund findet, entscheidet sich die Kommune wahrscheinlich für das Geld und nicht für uns“, vermutet eine freiwillige Mitarbeiterin.

Raum für Ideen
Was in Berlin funktioniert, kann und muss nicht im Nahen Osten oder in Marokko möglich sein.
Doch in einem sind sich alle Kulturaktivisten einig. Es geht hier in Europa wie auch in Ländern auf der anderen Seite des Mittelmeeres um die Eroberung des städtischen und ländlichen Raumes durch die Bevölkerung sowie um die damit verbundene politische Transformation und Verantwortung des Einzelnen. Und da können sie sich gegenseitig inspirieren.
„Wir nutzen auch unsere Natur, aber nicht in einer organisierten Weise. Für die meisten Einwohner bei uns ist die Frage der Sicherheit wichtiger“, sagt Tarek B. aus Palästina. „Bei uns gibt es in der Stadt mittlerweile mehr Steine als Natur, die Bauarbeiten haben immer Vorrang - das bringt Kapital.“ Adil O. kommt aus Marokko und meint, dass da nur der Druck auf die Politik helfen könne, sich für die Natur stark zu machen, zum Beispiel durch größeres Engagement für Themen der Umwelt in der Schule. „In Ägypten gab es nach dem Arabischen Frühling sogar schon Bürgerinitiativen, die Parks und Strände schützten. Jetzt ist es kaum mehr möglich, weil die Armee das nicht akzeptiert,“ bedauert Zeyad S. aus Alexandria.
Die politischen und sozialen Voraussetzungen für eine aktive Zivilgesellschaft in den Ländern der Teilnehmer sind zwar unterschiedlich, doch „Vielfalt ist für mich der Schlüssel zu mehr Kreativität und neuen Ideen für eine gesellschaftliche Veränderung“, sagt Daniel Stoevesandt, Leiter des Goethe-Instituts in Alexandria und Koordinator des Cultural Innovators Network.
In den folgenden Tagen ging es weiter durch Berlin – allerdings zu Fuß und mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Drahtesel blieb zu Hause. Auf dem Programm standen Besuche in Bildungseinrichtungen, alternativen Kulturinitiativen und Stiftungen. Die Gäste waren bei der Youth Bank und unternahmen einen Kurztrip nach Leipzig.
Amal N. aus Palästina findet die „Learning Journeys“ hervorragend. Für sie ist Netzwerken zwischen Europa und dem Nahen Osten generell wichtig für die soziale, kulturelle und politische Entwicklung beider Seiten. „Ganz toll finde ich die Möglichkeit, Projekte und Menschen persönlich kennenzulernen. So entstehen ganz andere, dauerhafte Bindungen. Die Fragestellungen und somit auch die Umsetzung neuer Ideen im eigenen Land werden konkreter.“ Die Freiheit der Teilnehmer sei bei diesem Projekt besonders groß, da am Ende von den Aktivisten selber entschieden werde, welche Programme auf die Agenda kommen und gefördert werden.










