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Soziale Verantwortung übernehmen – Eine „Learning Journey“ nach Ägypten

Cultural Ressource Kairo, Foto: Bridgette Auger

Die Revolution in Ägypten hat in vielen Lebensbereichen neue Freiräume eröffnet. So auch in der Kulturarbeit. Die Teilnehmer der Learning Journey Ägypten haben eine Reihe etablierter, aber auch ganz junger Initiativen besucht und rausgefunden, wie kulturelles Arbeiten im post-revolutionären Ägypten aussieht.

„In Ägypten waren 90 Prozent der Menschen noch nie in einer Konzerthalle oder einem Theater. Das wollen wir ändern“, sagt Basma al-Husseiny, die Direktorin von Al Mawred al Thaqaf, einer Kultureinrichtung in Kairo. Im großzügigen Büro der Organisation auf der kleinen Nilinsel Manial treffen sich junge Musiker, Filmschaffende und Kulturmanager und arbeiten gemeinsam an Projekten. „Wir unterstützen junge Künstler in dem wir ihnen helfen ihre Arbeit besser zu vermarkten und durch finanzielle Produktionszuschüsse“, sagt al-Husseiny. „Es geht uns vor allem um Kulturmanagement.“

Die Teilnehmer der Learning Journey aus Griechenland, Montenegro, Serbien, Deutschland, Italien und Spanien erhielten eine Präsentation der Arbeit der Stiftung. Doch schon bald entspann sich rund um den Tisch ein reger Austausch von Erfahrungen zwischen den verschiedenen Ländern.

Der Ansatz von Al Mawred Al Thaqaf ist zweispurig. Zum einen versuchen sie auf Regierungs- und Ministeriumsebene eine neue Kulturpolitik zu erarbeiten und zum anderen arbeiten sie nah an den Menschen. „Wir haben in letzter Zeit zum Beispiel verstärkt Shaby-Musik gefördert“, sagt al-Husseiny. „Dafür haben wir viel Kritik geerntet.“

Shaby-Musik ist die Musik der Armenviertel rund um Kairo. Laute Bässe, schrille, schnelle Beats und eingängige Texte macht die Musik vor allem in ärmeren Bevölkerungsschichten beliebt. „Ägypten hat eine starke Klassengesellschaft. Auf solche Musik wird hinuntergeschaut“, sagt al-Husseiny. Für sie ist dieser Trend jedoch mehr als bloße Popmusik. „Die teils sehr expliziten Texte sind die wahre Herausforderung an die Islamisten.“

Journeys - Egypt, Foto: Bridgette Auger

Überhaupt sieht al-Husseiny einen Großteil ihrer Arbeit als Kampf zu Bewahrung kultureller Freiräume an. Seit der Revolution sind islamistische Organisationen wie die Muslimbruderschaft im Aufwind. Al-Husseiny sieht darin eine Gefahr für die künstlerische Freiheit. „Die Islamisten sagen, das Kunst anständig sein muss. Doch wer entscheidet was anständig ist?“

Teilnehmer Vladimir Palibrk geht in seiner Arbeit als Produzent alternativer Comics oftmals ähnlichen Fragen nach. Dementsprechend begeistert ist er von den Initiativen, die Al Mawred Al Thaqaf startet. „Vor allem die Tatsache, dass sie Shaby-Musik promoten ist großartig. Das ist Musik und kultureller Input von unten!“, sagt der 30-jährige Serbe.

In der Nähe des Büros von Al Mawred Al Thaqaf sitzt Takaeeba. Der Verein versteht sich als „Kultureller Inkubator“ und will jungen kulturellen Initiativen Starthilfe geben. „Verschiedene Künstler kommen zu uns und können sich kreativ ausleben, wie sie wollen“, sagt Dilia Diwoid, Mitarbeiterin des Projekts. „Wir helfen ihnen dann auf der organisatorischen Seite, im Management.“

Ahmed Hassan kam mit der Idee für ein kulturelles Projekt im Armenviertel Shubra al-Kheima. Ahmed selbst ist dort aufgewachsen. Durch das Projekt will er Kindern die Möglichkeit geben sich kreativ zu betätigen und Neues zu lernen. Genau wie Al Mawred Al Thaqaf will er unten ansetzen. Und auch er wird ­– mitunter unfreiwillig – in einen Kulturkampf hineingezogen. „Wenn wir zum Beispiel Englischunterricht anbieten, dann kommen Eltern und fragen, warum die Kinder nicht stattdessen den Koran lernen“, erzählt der 30-jährige Hassan. Er hat für sich selbst rausgefunden, dass man dann mit gutem Beispiel voran gehen muss, um die Leute zu überzeugen. So ist zum Beispiel ein Haus der Nachbarschaft zum Treffpunkt vieler Teilnehmer der Initiative geworden. „Zuerst waren die Konservativen des Viertels misstrauisch, weil hier Männer und Frauen zusammenarbeiteten. Mittlerweile haben sie sich daran gewöhnt“, sagt Hassan.

An die Arbeit des Mahatat Kollektivs werden sich die Menschen wohl nicht so schnell gewöhnen. Das Künstlerkollektiv veranstaltet überall in Kairo scheinbar spontane Kunstaktionen und Ausstellungen. Bilder von den Aktionen hängen überall im bunten Büro des Kollektivs. Ein Schablonengraffiti der ägyptischen Musikikone Um Kulsoum schaut auf den kleinen Eingangsbereich hinunter. „Wir wollten außerhalb der Gallerien arbeiten, außerhalb von Orten wo normalerweise Kunst stattfindet“, erzählt Heba El Cheikh. „Nach der Revolution ist eine Nische entstanden, plötzlich konnten wir den öffentlichen Raum nutzen.“

Einer dieser öffentlichen Räume, den Mahatat (ägyptisch für „Haltestelle“) eroberte, waren U-Bahnstationen. „Kunst macht das Leben der Menschen besser. Deswegen wollten wir sie einfach zugänglich machen“, sagt Heba.  Die Gruppe führt zusammen mit zahlreichen anderen Künstler Tanz-, Beatbox-, und Parcourperformances auf. 

Die Reaktionen der Passanten sind für gewöhnlich durchmischt, doch vorwiegend positiv. Filmaufnahmen der Aktionen zeigen, wie Kinder anfangen mitzutanzen, Menschen stehen bleiben und klatschen. „Das ist die Demokratisierung von Kunst“, sagt Heba.




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