... in der arabischen Welt

Heavy Metal im Nahen Osten

Sebastian ChristDas Handy klingelt. „Wir treffen uns an der Tankstelle“, sagt die Stimme. „Wartet einfach dort auf uns.“ Es fühlt sich aufregend an, ein bisschen wie in einem Spionagefilm. Dabei wollen wir einfach nur eine Reportage schreiben.

Gemeinsam mit Hager, einer Freundin aus Tunesien, stehe ich in der jordanischen Hauptstadt Amman und warte auf Nasser, Adnan und Zeid, die uns ein Interview geben wollen.

Das Thema unserer Reportage ist – zugegebener Maßen – ein wenig ungewöhnlich: Heavy Metal im Nahen Osten. Die Musiker dort kämpfen mit zahlreichen Vorurteilen. Konzerte werden verboten, CDs beschlagnahmt, Fans verhaftet. Heavy Metal – das kann in einem arabischen Land eine Menge Ärger bedeuten.

Schwierige Recherche in Jordanien

Das merkt man schon bei der Recherche im Internet: Nach langer Suche finden wir ein Forum für arabische Musiker. Zehn Metal-Bands gibt es in Jordanien, und wir schreiben sie alle an. Sie sind begeistert, dass wir über die Szene schreiben wollen. Aber ein Interview, noch dazu mit Fotos – lieber nicht. Endlich kommt der Anruf von Nasser.

Wir treffen uns an der Tankstelle. Die Jungs sind kaum älter als 25. Sie tragen T-Shirts mit dem Cover ihrer Band Infested Mind, schwarze Hosen und Turnschuhe. „Ich weiß, wir sehen nicht gerade aus wie typische arabische Jugendliche“, sagt Nasser zur Begrüßung. „Wir sind es gewohnt, angestarrt zu werden.“ In Deutschland würde man sie nicht einmal so leicht als Metal-Fans erkennen.

Im Heavy Metal-Studio

Copyright: Sebastian Christ

Mit dem Auto fahren wir zum Studio, das nur ein paar Straßen weiter liegt. Von außen ist nichts zu sehen. Nasser holt den Schlüssel aus der Tasche, schließt eine grüne Tür auf und wir steigen in den Keller hinunter. „Underground-Musik”, sagt Nasser und muss lachen. Die Türe schließt er wieder sorgfältig ab: „Vor einiger Zeit war jemand vom Geheimdienst hier, seitdem sind wir vorsichtiger geworden.”

Ob er das wohl als Spaß meint? „ Auf keinen Fall“, sagt Nasser. Er und seine Freunde haben schon öfter miterlebt, wie befreundete Musiker festgenommen wurden. “ Wir werden verachtet und als Satanisten beschimpft“, sagt Adnan. „Die Leute glauben, dass wir Tierblut trinken und Orgien feiern, dabei haben wir einfach einen anderen Musikgeschmack.”

Misstrauen der Behörden

Und ihre Szene wächst: Zurzeit sind es rund 700 Musiker und Fans, die Zahl nimmt stetig zu. Dadurch wächst aber auch das Misstrauen der Behörden: Wer sich als Außenstehender beim Ministerium oder den Behörden nach den Metal-Fans erkundigen will, bekommt – nach unzähligen erfolglosen Telefonaten – immer die gleiche Antwort: „Damit habe ich nichts zu tun, fragen Sie jemand anderen.”

Und genau das tun wir schließlich: Wir gehen zur Polizeistation. Auf dem Weg dorthin wird Hager immer nervöser. „Warum machst du dir Sorgen“, frage ich sie. „Man geht bei uns nicht einfach zur Polizei“, ist ihre Antwort. „Nur wenn man in Schwierigkeiten ist oder etwas angestellt hat.“

Bei der Wache angekommen, muss Hager viel Überzeugungsarbeit leisten. Zehn Minuten und zwei Kontrollen später sind wir im Hauptgebäude. Einer der Vorgesetzten kommt mit schnellen Schritten auf uns zu. Hager redet mit ihm, wir gehen in sein Büro. Die beiden unterhalten sich auf Arabisch – fünf Minuten, zehn Minuten. „Ok“, sagt Hager schließlich. „Wir können gehen.“ Ich fühle mich überrumpelt, habe noch keine einzige Frage stellen können. „Sprechen Sie Englisch“, frage ich den Polizisten. „Nein, tut mir leid“, antwortet er – auf Englisch. Schließlich nimmt er sich aber doch ein wenig Zeit für uns. Hager übersetzt.

„Wir haben nichts gegen die Musik”, sagt der Polizist. Seinen Namen möchte er lieber nicht nennen. „Aber Satanismus ist verboten.” Der Frage, was diese beiden Dinge miteinander zu tun haben, weicht er aus. „Jeder Musiker, der eine Lizenz hat, kann ein Konzert veranstalten”, sagt er. Und warum bekommen die Metal-Fans keine Lizenz? „Dafür bin ich nicht zuständig“, sagt er. „Das entscheidet jemand anders.“

Vermitteln zwischen Polizei und der Heavy Metal-Szene

Copyright: Sebastian Christ

Adnan und Nasser haben öfter versucht, zwischen der Heavy Metal-Szene und der Polizei zu vermitteln – vergeblich. „Wir wollten ein Konzert für den Geheimdienst und die Polizisten veranstalten“, sagt Adnan. „Damit sie sich ein Bild von unserer Musik machen können.“ Eine Antwort auf ihren Brief haben sie nicht bekommen. Stattdessen werden ihre Konzerte weiterhin verboten.

Aufgeben kommt für sie dennoch nicht in Frage. „Heavy Metal ist magisch", sagt Adnan. „Heavy Metal ist Leben", sagt Nasser. Und Zeid sagt: „Wir würden unser Leben dafür geben." Er nimmt die Gitarre in die Hand und nickt Adnan zu. „Was sollen wir spielen?", fragt er. Adnan setzt sich ans Schlagzeug und legt einfach los. Es wird laut im Proberaum, und für die nächsten paar Minuten sind die beiden völlig in ihr Spiel versunken.

Als das Lied zu Ende ist, zögert Nasser einen Moment, bis er die Gitarre weglegt. „Das Gefühl, auf der Bühne zu stehen, und auf tausende Metal-Fans zu schauen, die alle das gleiche fühlen wie du, das ist unglaublich“, sagt er. „Dafür lohnt es sich, weiter zu machen."

Kathrin Streckenbach
schreibt uns aus Deutschland
Copyright: Li-lak
April 2008

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