20 Jahre Mauerfall: Sind Ost- und Westdeutsche eigentlich immer noch verschieden?
Am 9. November feiern die Deutschen das zwanzigste Jubiläum des Falls der Berliner Mauer 1989. In Ost und West wird Bilanz gezogen. Man diskutiert über Hoffnungen und Utopien von damals, deren Erfüllung oder Verlust im Hier und Jetzt. Was aber bedeutet das für junge Menschen, die, als die Mauer fiel, noch nicht geboren oder Kleinkinder waren? Dominik Peters hat nachgefragt.Was denken junge Menschen, die in einem Deutschland aufgewachsen sind, dessen innerdeutsche Grenzen sie nur aus Geschichtsbüchern kennen. Verharren wir „Wende-Kinder“, also Kinder, die kurz vor oder nach dem Fall der Mauer geboren wurden, in den Denkweisen unserer Eltern – und damit im geteilten Deutschland – oder sind wir die „Generation Einheit“, für die eine Unterscheidung von Ossi und Wessi allenfalls ein Relikt aus vergangenen Tagen ist?
„Hier wächst zusammen, was zusammen gehört“
„Ich habe die Geschichte abgehakt und entwickle meine eigene deutsche Sichtweise“, sagt Martin Eberle. Der 25-Jährige ist im ostdeutschen Jena geboren, ging im ostdeutschen Halle zur Schule und im westdeutschen Mannheim zur Uni. Heute arbeitet er in Essen, das ebenfalls im Westen liegt. Martin hat also die Ossis wie die Wessis kennenlernt – und findet dass, egal wo er lebte, er einer von Vielen, ein Deutscher unter Deutschen, ein Gleicher unter Gleichen war. „Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Ost und West, aber doch genauso zwischen Nord und Süd.“Nachdenklich stimmt ihn allerdings, „dass durch oberflächliche Betrachtungen zum Beispiel. in den Erinnerungen der älteren Generation und mithilfe der Medien scheinbar getrennte Identitäten entstehen, ja sogar gefördert werden: die der Ossis und der Wessis.“ Dieses verordnete Schubladendenken erschwere es vielen Wende-Kindern, sich vorurteilsfrei einander zu nähern. Um dieser künstlichen Identitätsbildung entgegen zu treten gibt es für ihn nur einen Weg: „Man muss bereit sein zuzuhören.“ Wie schön es sein kann, die Mauern im Kopf zu überwinden, hat er selbst erlebt: Seine Freundin kommt aus dem Westen. Auch deshalb ist er überzeugt: „Hier wächst zusammen, was zusammen gehört.“
Diesen Satz sagte auch Willy Brandt am 10. November 1989 zu unseren Eltern. Heute wollen viele davon aber nichts mehr wissen – im Gegenteil: Die Kluft ist tief viele wissen immer noch wenig über die Menschen im jeweils anderen Teil Deutschlands und Vorurteile gibt es immer noch reichlich. Der Wessi denkt, dass jeder Ossi im Plattenbau lebt, sein Kühlschrank vor lauter Spreewaldgurken, Bautz‘ner Senf und Rotkäppchen-Sekt, also vor ostdeutschen Produkte, überquillt, er zuviel jammert und Trabi fährt. Der Ossi wiederum hält den Wessi für einen oberflächlichen Schaumschläger, der verschwenderisch, arrogant und überheblich ist. Viele Vorurteile wurden auch 20 Jahre nach dem Mauerfall nicht abgebaut, sondern haben sich verfestigt, teilweise sogar vergrößert und werden in vielen Familien an die jüngeren Generationen weitergegeben.
„Warum gehst Du denn schon wieder ins Ausland?“
Das hat auch Miriam Neidig aus dem westdeutschen Ettlingen erlebt. Nach dem Abitur ging sie für ein Jahr in den Jemen. Als die 21-Jährige nach Deutschland zurückkehrte und sich für ein Studium in Halle in Ostdeutschland entschied, wurde sie gefragt: „Warum gehst du denn schon wieder ins Ausland?“ Über solche Äußerungen kann die Politikwissenschaftsstudentin nur den Kopf schütteln. Sie fühlt sich wohl in Halle und hat schnell Freunde in ihrer neuen Heimat gefunden: „Wir gehen am Wochenende ins Kino, treffen uns zum Spieleabend und sitzen zusammen in den Vorlesungen – wir sind ganz normale Studenten.“ Sie, die Westdeutsche, die jetzt „im Ausland“ lebt, bei den unbekannten Ostdeutschen.Das Problem, da stimmt sie mit Martin überein, ist die erschreckende Unkenntnis über den anderen: „Keiner kennt alle, aber alle glauben, alle zu kennen.“
Wandel durch Annäherung
Auch ich bin ein Kind der Wiedervereinigung, Jahrgang 1987, meine Freundin ist es auch, Jahrgang 1986; ich bin aus dem Westen, sie ist aus dem Osten und das merkt man. Oft ertappen wir uns dabei, an Differenzen zu denken, Ost und West einander gegenüberzustellen.Als Säugling trug ich Pampers, sie Stoffwindeln. Von meinem ersten Geburtstag gibt es Farbfotos, bei ihr sind es Schwarz-Weiß-Aufnahmen. Einen Telefonanschluss gab es bei mir zu Hause schon immer, bei ihr erst ab 1993. Meine Eltern erzählen mir von Reisen über alle Grenzen hinweg; ihre Eltern erzählen ihr von Reisebeschränkung und Unterdrückung.
Diese Unterschiede gerade in den entscheidenden frühkindlichen Erinnerungen zeigen, dass wir verschieden sind. Aber ist das wichtig? Ich glaube nicht, es ist normal verschieden zu sein. Wichtig ist, dass wir anfangen die letzten vorhandenen Mauerreste in unseren Köpfen zu Fall zu bringen, eine eigene Identität entwickeln und aufhören, Unterschiede zu suchen. Damit die Wiedervereinigung in den Köpfen ankommt, bedarf es meiner Meinung nach nicht des lähmenden und verklärenden Blicks nach hinten, sondern der Orientierung an einer gemeinsamen Zukunft. Wir Wende-Kinder haben den Schlüssel zur endgültigen Maueröffnung in unseren Händen – egal ob in Marburg oder Magdeburg, Bitterfeld oder Bielefeld.
Dominik Peters, Halle








