Gleichberechtigung global. Eine Zwischenbilanz

Eine der bestimmenden Bewegungen des späten 20. Jahrhunderts ist der Kampf für die Gleichberechtigung. Dieser Kampf hat eine lange Geschichte, und obwohl Fortschritte erzielt wurden, ist man noch weit vom Ziel entfernt. In keiner Gesellschaft der Welt ist die Gleichberechtigung von Frauen und Männern vollständig verwirklicht, das heißt nirgendwo auf der Welt haben Frauen die gleichen Chancen auf ein "gutes Leben" wie Männer. Wenn endlich eine gleichberechtigte Lage erreicht wird, wird dies einen Wendepunkt in der menschlichen Entwicklung darstellen.
Ein Mittel, das uns helfen kann, die Entwicklung der Gleichberechtigung zu verfolgen, ist der seit 1990 jährlich erscheinende "Bericht über die menschliche Entwicklung" (Human Development Report, eine Studie des UNDP/United Nations Development Program, das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen). Ein unabhängiges Expertenteam untersucht in dem Bericht wichtige Fragen von globaler Bedeutung wie Bildungsgrad, Lebenserwartung, das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen und so weiter. Die Entwicklung dieser Faktoren wird als Maßstab für den menschlichen Fortschritt angesehen, wobei Fortschritt die Vergrößerung der Auswahlmöglichkeiten der Menschen bedeutet.
Gleichberechtigung ist ein grundsätzlicher Akt der Befreiung
Rechtlich gesehen ist die Gleichstellung von Mann und Frau auf internationaler Ebene zum Beispiel durch die allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1945, die Erklärung der Weltmenschenrechtskonferenz in Wien 1995 und die Erklärung der Uno-Weltfrauen-Konferenz in Peking 1995 gesichert; auf nationaler Ebene wird sie von den nationalen Verfassungen rechtlich garantiert. In der Praxis aber genießen Frauen immer noch nicht die gleichen Möglichkeiten und auch Verantwortungen wie Männer.
In den letzten dreißig Jahren wurde zwar viel in die Bildung und die Gesundheit der Frau investiert, aber die Türen zu ökonomisch und politisch verantwortlichen Positionen öffnen sich immer noch langsam und widerwillig. Wie im UNDP-Bericht von 1995 argumentiert wird, legt die allgemeine Erklärung der Menschenrechte das universelle Recht fest, aber die Umsetzung der Gleichstellung ist in jedem Land je nach sozialem, kulturellem und ökonomischem Kontext verschieden.
Einige Ziele der Gleichberechtigung sind das sexuelle Selbstbestimmungsrecht von Frauen, die Verurteilung von Gewalt gegen Frauen, ein höheres Bildungsniveau für Frauen, bessere sanitäre Bedingungen für Mütter, gleiches Gehalt für dieselbe Arbeit, keine Diskriminierung am Arbeitsplatz, Schutz vor häuslicher Gewalt, die Verbesserung der Familien- und Müttergesetze, eine größere Beteilung der Männer am Familienleben.
In jeder Gesellschaft erlebt man eine andere soziokulturelle Wirklichkeit mit einer unterschiedlichen Auffassung des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern, daher kann jedes Land auf dem Weg zur Gleichberechtigung unterschiedliche Prioritäten festlegen, unter Achtung der Menschenrechte. Aber die Veränderungen sind nötig und möglich, auch wenn sie nur schrittweise erreicht werden können.
Die Durchsetzung der Gleichberechtigung von Mann und Frau ist keine wohlwollende Konzession seitens der Regierungen, sie ist ein grundlegender Akt für die Entwicklung einer jeden demokratischen Gesellschaft. Es sollte Aufgabe der Regierungen sein, ökonomische Barrieren zu entfernen und diskriminierende Machtstrukturen zu eliminieren. Denn "in die Fähigkeiten der Frauen zu investieren und ihnen die Macht zu geben, ihre Entscheidungen selbst zu treffen, hat nicht nur große Bedeutung an sich, sondern es ist auch der sicherste Weg, zu wirtschaftlichem Wachstum und der gesamten Entwicklung beizutragen", unterstreicht der UNDP-Bericht von 1995.
Das Ziel: eine neue Verantwortung
In der Praxis aber ist bei gleicher Tätigkeit der Lohn von Frauen niedriger als der ihrer männlichen Kollegen; von den Kreditmärkten sind Frauen oft gänzlich ausgeschlossen, weil sie keine Sicherheit bieten können. Auch bei dem Zugang zu sozialen Dienstleistung und Ressourcen gibt es Diskriminierung. Wäre die nicht – oder unterbezahlte – Arbeit von Frauen gerecht bezahlt, wären Frauen in vielen Gesellschaften sehr wahrscheinlich die Hauptverdienerinnen in der Familie. Dies würde auch Auswirkungen auf die familiären Sitten haben, auf das Besitzrecht in der Ehe, die Scheidungsvereinbarungen und die Garantien für Kredite. In einer solchen Situation wäre es für Politiker unmöglich, bei ihren sozialen, politischen und ökonomischen Entscheidungen Frauen nicht mit einzubeziehen.
Aber die Machtgleichstellung zwischen Mann und Frau erreicht man nicht, wenn man nur die Situation der Frauen verbessert und nicht das Verhältnis der Geschlechter zueinander verändert.
Der Weg zur Gleichberechtigung ist also ein Prozess, der eine neue Art zu denken erfordert, denn diese Entwicklung ist nicht nur ein ökonomischer Wandel, sondern sie verändert auch Kultur und Bildung. Diese neue Art zu denken betrifft vor allem die stereotypen Vorstellungen von Frau und Mann, die den Weg für ein neues Menschenbild frei machen müssen, in dem der Mensch als das essenzielle Element für Veränderung angesehen wird und Fortschritt als eine Vergrößerung der Auswahlmöglichkeiten für beide Geschlechter betrachtet wird. Nur dadurch kann eine Um- und Neuverteilung von Verantwortungen und Rollen erfolgen.
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Dieser Artikel erschien zuerst bei fluter.de








