Thema: Umweltschutz

Bioprodukte haben Konjunktur

BionadeGenmanipulierter Mais und verdorbenes Fleisch im Supermarkt, bei dem einfach nur das Haltbarkeitsdatum ausgetauscht wurde: Im Zeitalter der Gentechnik und der Lebensmittelskandale wollen die Deutschen bewusster essen. Immer mehr greifen daher zu Bioprodukten.

Die Lebensmittelskandale der vergangenen Jahre haben ihre Ursache. In der Lebensmittelbranche tobt ein Preiskampf, der dazu führt, dass Lebensmittel immer billiger produziert werden. Die Verlierer sind dabei die Verbraucher: Sie werden geradezu an der Nase herumgeführt, wie sich stellvertretend am Erdbeerjoghurt zeigen lässt: Die Bilder auf der Verpackung der Joghurtbecher locken mit opulenten Erdbeer-Arrangements, aber ein 250-Gramm-Becher Erdbeerjoghurt enthält höchstens eine einzige Frucht, meistens sogar weniger. Für ein Geschmackserlebnis sorgen da nicht die Beeren, sondern ein spezieller Schimmelpilz, der auf Sägespänen wächst und ein billiges Erdbeeraroma produziert. Noch schlimmer wird es, wenn wissentlich schlecht gewordenes Fleisch weiter im Verkauf bleibt, wie das in den letzten zwei Jahren gleich mehrfach passierte: Verdorbenes Hackfleisch in der Packung wurde bei einer großen Supermarktkette einfach umetikettiert und mit einem neuen Haltbarkeitsdatum versehen. Das rötliche Licht in den Tiefkühlregalen tut sein Übriges und lässt das Fleisch weiterhin „gesund“ aussehen. Auch Döner-Fleisch ist in Verruf geraten, nachdem an mehreren Orten in Deutschland jeweils gleich mehrere Kilo oder sogar Tonnen verdorbener Spieße entdeckt wurde. Die Verbraucher verlieren das Vertrauen, weil die Beispiele zeigen, dass amtliche Siegel und Lebensmittelprüfungen scheinbar nicht ausreichen bzw. nicht funktionieren.

Da wundert es also nicht, wenn immer mehr Leute zu Bioprodukten greifen, auch wenn diese teurer sind. Deutschland verfügt über ein seit Mitte der 1980er-Jahre stetig anwachsendes Netz von Bioläden. Aber nicht nur diese kleinen alternativen Bioläden verkaufen Bioprodukte. Auch Supermarkt-Ketten und sogar Discounter führen verstärkt Waren aus ökologischer Landwirtschaft in ihrem Sortiment. Bio boomt. Davon profitieren nicht nur alte traditionelle Anbauverbände, die auf eine über achtzigjährige Geschichte zurückblicken. Auch neue Geschäftsideen sind möglich.

Eine Öko-Limo aus Bayern erobert Deutschland

Als Anfang der 1990er-Jahre die kleine Peter-Brauerei in Ostheim in der bayerischen Rhön kurz vor dem Konkurs stand, kam dem Braumeister Dieter Leipold, für den sich bislang alles um Bier gedreht hatte, die rettende Idee: ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk, das durch Fermentation aus kontrolliert biologisch gewonnenen Rohstoffen hergestellt wird: die Bionade (Name setzt sich zusammen aus „Bio“ und „Limonade“). Die Bionade kommt ohne Farbstoffe aus, sprudelt kaum und hat wenig Zucker. Die weltweit bisher einzigartige Innovation brauchte aber ein bisschen, um sich zu etablieren. Zunächst interessierten sich nur Kurkliniken und Fitnessclubs für die Öko-Brause. Als 1997 ein Hamburger Getränkegroßhändler die Bionade in sein Sortiment aufnahm, wurde sie bald zum Szenegetränk in deutschen Großstädten. 2002 und 2003 wurden 2 Mio. Flaschen abgesetzt. Danach verdreifachte sich der Absatz Jahr für Jahr und lag 2006 bei 70 Mio. Flaschen. Da kam auch der Getränkeriese Coca-Cola auf den Geschmack und machte dem Aufsteiger ein Übernahmeangebot. Die Peter-Brauerei, die mittlerweile mit der extra gegründeten Bionade GmbH viel mehr verdient als mit Bierbrauen, lehnte jedoch ab.

Pseudo-Bio und Bio-Siegel

Noch wächst der Markt. 2006 betrugen die Erlöse aus dem Absatz von ökologisch erzeugten Nahrungsmitteln circa 4,6 Mrd. Euro. Da finden sich gerne Trittbrettfahrer ein. „Frisch vom Bauernhof“, „von glücklichen Kühen, „aus kontrolliertem Anbau“ liest man plötzlich auf zahlreichen Pseudo-Bioprodukten.

Um einen fairen Wettbewerb zu garantieren und um zu vermeiden, dass Verbraucher mit falschen Qualitätssiegeln hinters Licht geführt werden, hat die Europäische Gemeinschaft 1991 die Bio-Kennzeichnungsverordnung in Kraft gesetzt. Ein Bio-Siegel dürfen nur noch solche Produkte tragen, die nach festgelegten Bestimmungen erzeugt und kontrolliert wurden.

Ökologische Anbauverbände wie Demeter, Naturland, Bioland und andere erfüllen allerdings noch strengere Standards als die EU-Norm und werben deshalb lieber mit ihren eigenen Marken- und Gütesiegeln. Sie haben allerdings von den großen Lebensmittel-Discountern Konkurrenz bekommen, seitdem Aldi, Plus und Co ebenfalls auf die Bio-Schiene setzen. Bio ist also längst keine Nische mehr in Deutschland. Aber: Auf vielen Rohstoffmärkten gibt es europaweit nicht genügend Ware für die rasant wachsende Nachfrage. Also steigen die Erzeugerpreise, während die Landwirte und Bioläden die Verbraucherpreise nicht komplett angleichen, um wettbewerbsfähig mit den Discountern zu bleiben. Dieses Verhältnis lässt sich nicht dauerhaft aushalten, und am Ende zahle der Kunde womöglich noch drauf, warnt der Deutsche Bauernverband.

Auch die Kleidung wird ökologisch

-Klamotten aus Hanf. Copyright: picture-allianceAuch im Nonfood-Bereich wird Bio immer beliebter, etwa bei der Kleidung. Wer auf Naturfasern wie Baumwolle setzt, weiß oft nicht, dass diese im Laufe des Verarbeitungsprozesses mit so vielen Chemikalien gebleicht, deodoriert, gefärbt und imprägniert werden, dass ihnen die Natur regelrecht ausgetrieben wird. Auf der Suche nach Alternativen feiert Totgeglaubtes Wiederauferstehung: Die Fasern der Hanfpflanze waren die Grundlage der heute berühmtesten Hose, der Jeans, die vor über hundert Jahren als Arbeitskleidung für die Goldgräber Amerikas entwickelt wurden. Die Hanf-Jeans sollen nun zu neuen Ehren kommen. Denn Hanf benötigt nur wenig Wasser und Nährstoffe und ist bestens für den ökologischen Landbau geeignet. Am Niederrhein wachsen schon rauschmittelarme Hanfpflanzen, aus denen Bluejeans werden sollen. Derzeit arbeiten Forscher des Deutschen Textilforschungszentrums Nord-West an neuen Kleiderproduktionsverfahren, damit in den nächsten Jahren vielleicht die ersten Hanfjeans aus Deutschland auf den Markt kommen – zu Preisen, die nur geringfügig über denen anderer Markenjeans liegen sollen.

Früher war die Welt des Bioladens und der Biobauern der beschauliche Gegenentwurf zum hektischen Treiben des Geschäftslebens. Heute sind Bioprodukte ganz selbstverständlich Teil des Geschäfts.

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Detlef Kutz
ist freier Journalist in Köln
Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
Mai 2007
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