Wackersdorf, Castor und die GRÜNEN: Wie kam es zur deutschen Umweltbewegung?

In den 1980er-Jahren gab es in Deutschland keine Jeansjacke ohne den gelben Button mit der Aufschrift „Atomkraft? – nein danke!“. Taschen und Halstücher mussten in Regenbogenfarben sein und am besten aus Afrika stammen. Alle gingen demonstrieren, und wenn nicht, dann in eine Aktionsgruppe der zahlreichen Umweltverbände. Eine kleine Partei namens DIE GRÜNEN etablierte sich. Wie alles kam und wo die Umweltbewegung heute steht.
Der 14. November 1981 ist der wohl eindrucksvollste Tag in der Geschichte der deutschen Umweltbewegung: 150.000 Menschen demonstrieren gegen die Startbahn West und damit gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Der Demonstration vorausgegangen war die Räumung eines Hüttendorfs mit rund 70 Gebäuden. In dem hatten Umweltschützer eineinhalb Jahre lang im Flörsheimer Wald gehaust, der für die Startbahn West gerodet werden sollte. Und dieses Hüttendorf entfaltete eine enorme Sogkraft auf eine noch junge Ökoszene: Aus dem ganzen Bundesgebiet kamen Unterstützer angereist. Doch aller Protest half nicht, die Startbahn wurde schließlich gebaut.
Waldsterben und Atommüll gaben der Umweltbewegung Schwung
Ende der 1970er- bis Mitte der 1980er-Jahre ist die deutsche Umweltbewegung so aktiv wie in keinem anderen Jahrzehnt. Das Waldsterben erschütterte die Menschen. Und vor allem ein Thema dominierte: die Atomenergie. 1979 verhinderten 100.000 Demonstranten den Bau einer Atommüll-Wiederaufbereitungsanlage im niedersächsischen Gorleben. Der Ort wird allerdings später mit einem Zwischenlager für Atommüll bestraft. Massenproteste richteten sich auch gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Brokdorf (Schleswig-Holstein). Ebenfalls 100.000 Menschen lehnten sich unter dem Motto Stoppt den WAAhnsinn 1986 in Wackersdorf (Bayern) gegen den Bau einer Wiederaufbereitungsanlage für Atommüll auf. In Brokdorf wie Wackersdorf kam es zu blutigen Schlachten zwischen Atomgegnern und der Polizei; mehrere hundert Menschen wurden verletzt. Doch die Demonstranten konnten an beiden Orten den Baustart nicht verhindern. Ironie der Geschichte: 1989 wird zumindest der Bau der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf gestoppt. Die Betreiber hatten sich dafür entschieden, den Atommüll lieber in Frankreich aufzubereiten.
Doch seit Wackersdorf ist es in der Bundesrepublik verhältnismäßig ruhig geworden. Die Zeit der Massendemos ist vorbei. Öffentlichkeitswirksame Proteste gibt es heute nur noch in Gorleben, wo die Demos und Blockaden gegen den Castor-Transport ins Atommüll-Zwischenlager zum alljährlichen Ritual geworden sind. Doch spätestens seit die Bundesregierung 2000 beschlossen hat, mittelfristig alle Atomkraftwerke abzuschalten, nimmt die Teilnehmerzahl der Proteste immer weiter ab.
Mit dem Thema „Umweltschutz“ in die Politik
Der Umweltbewegung mangelt es heute an einem großen Gegner wie der Atomkraft, und der Klimawandel als Thema ist vielleicht zu abstrakt, um die Leute für die Straße zu mobilisieren. Doch ein Umweltbewusstsein haben die meisten inzwischen entwickelt: 2006 hielten 93% der Deutschen Umweltschutz für wichtig; unter den drängendsten Problemen Deutschlands wird „Umweltschutz“ gleich auf Rang 2 hinter „Arbeitslosigkeit“ genannt.Derweil hat sich die Umweltbewegung institutionalisiert und professionalisiert. Die beiden Naturschutzorganisationen BUND und Greenpeace Deutschland kommen heute zusammen auf fast eine Million Fördermitglieder. Als professionelle Lobbyisten nehmen sie heute beratend auf die große Politik Einfluss.
Und natürlich ist da noch die politische Partei DIE GRÜNEN. 1983 zog sie in den Deutschen Bundestag ein und setzte sich dort unter anderem für die Gründung eines Umweltausschusses ein. Anfangs wurden DIE GRÜNEN noch belächelt und mussten erst lernen, mit dem politischen System umzugehen (Ihr Mitglied Joschka Fischer trug bei seiner Vereidigung 1985 als hessischer Umweltminister Turnschuhe und Jeans. 1998 wurde er in der Regierung Schröder Vizekanzler und Außenminister.). Die Partei hat es aber geschafft, Umweltschutz von einem außerparlamentarischen zu einem hochpolitischen Thema werden zu lassen.
An den Wahlergebnissen der Partei lässt sich aber auch gut ablesen, dass Umweltthemen konjunkturellen Schwankungen unterliegen: Nach der Tschernobyl-Katastrophe erzielten DIE GRÜNEN 1987 bei der Bundestagswahl 8,3%. Nur drei Jahre später flogen sie wieder aus dem Bundestag - der ökologische Slogan „Alle reden von Deutschland. Wir reden vom Klima.“ verfehlte den Zeitgeist. Den Deutschen schien die Umwelt in dieser Situation wohl nicht so wichtig wie die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Aber die Lage besserte sich und die Grünen regierten zusammen mit der SPD von 1998 bis 2005 das Land. Allerdings nicht radikal-ökologisch, sondern konsens-orientiert. Die BUND-Chefin Angelika Zahrt merkte deswegen 2003 an, es gäbe für die Umweltbewegung noch immer genügend zu tun.
Und tatsächlich gibt es beim Umweltschutz noch immer viel zu tun. Denn auch wenn 93% der Deutschen Umweltschutz für wichtig halten: Wer tut schon wirklich persönlich etwas dafür? Bahnfahren sei zu teuer, eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf Autobahnen komme nicht in Frage, Energiesparlampen würden angeblich ungemütliches Licht machen. Und Ökostrom-Anbieter haben einen minimalen Marktanteil. Fakt ist auch, dass in Deutschland 2006 die Emissionen des Klimakillers CO2 um 0,6 % zugenommen haben. Und gerade wurde der Grundstein für ein neues, im höchsten Maße umweltschädliches Braunkohlekraftwerk gelegt, während Kanzlerin Angela Merkel die internationalen Anstrengungen und Vereinbarungen zum Klimawandel als Erfolg der deutschen EU-Ratspräsidentschaft verkauft. Umweltschutz ist eben doch nicht so einfach.
studiert Journalistik und Politikwissenschaft in Leipzig und bloggt unter www.trice.de.








