Thema: Umweltschutz

„Wir sind das Volk“ – ein Bürgerkongress für ein gerechteres Klima

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„Wir sind das Volk“ – dieser Spruch gehört den Demonstranten in der DDR, die 1989 die Mauer stürzen wollten. Jetzt wird er wieder genutzt. Unter dem Motto „Reclaim the climate – für ein Klima der Gerechtigkeit“ trafen sie sich im Mai in Berlin zum McPlanet-Kongress. Unter ihnen viele Jugendliche.

Das Eis an den Polen schmilzt, Hurrikane erreichen ungeahnte Stärken, Asien und Afrika werden von Überschwemmungen heimgesucht, Europa von Hitzewellen: Das Klimachaos greift um sich. Und am meisten haben die zu leiden, die nicht zu den Verursachern gehören: die ärmeren südlichen Länder. Gleichzeitig macht die Politik zu wenig. 15 Jahre nach Unterzeichnung der Klimakonvention in Rio und 10 Jahre nach Abschluss des Kyoto-Protokolls denken viele, dass der entscheidende Durchbruch in der internationalen Klimapolitik immer noch fehlt. So sind im Mai über 2000 Leute aus ganz Deutschland auf Einladung der Organisationen attac, Bund für Umwelt und Naturschutz, Greenpeace und einiger Stiftungen nach Berlin gekommen. Unter dem Motto „Reclaim the climate – für ein Klima der Gerechtigkeit“ trafen sie beim Kongress McPlanet.com in über 100 Veranstaltungen Workshops und Panel-Diskussionen auf 170 Referentinnen und Referenten.

Klimawandel muss mit gerechterer Politik einhergehen

Kern- und Streitthema des Kongresses war wie immer das Kohlendioxid. Die CO2-Emissionen steigen immer schneller. Experten wie Hans-Jochen Luhmann, Ökonom am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, meinen, dass die Erderwärmung mit den gegenwärtigen Handlungen und Szenarien nicht auf 2 Grad zu begrenzen ist. 20% Rückgang an CO2-Emissionen in der EU bis 2020 seien zu wenig. Luhmann plädiert deswegen neben den bisherigen Reduktionszielen dafür, negative Emissionen zu produzieren. Das erreicht man beispielsweise damit, dass man CO2 abtrennt, wenn man Biomasse verbrennt. Das Kohlendioxid gelangt so nicht in die Atmosphäre. Außerdem halten Luhmann und andere Wissenschaftler eine Ausweitung des europäischen Emissionshandels auf Flug- und Autoverkehr für unabdingbar. Roland Hipp von Greenpeace fordert, das Geld vom Emissionshandel den südlichen Ländern zukommen zu lassen, die durch uns leiden. „Wir werden uns sonst in Zukunft mit dem Phänomen Klimamigration auseinandersetzen müssen. Prognosen sagen, dass schon bald 22 Mio. Menschen in Afrika unter Wassermangel leiden“, so Hipp. Vertreter der südlichen Länder weisen aber darauf hin, dass es mit Geld allein nicht getan ist.

Alternative Energieentwicklung könnte bald lohnender Wirtschaftszweig sein

Martin Khor vom Third World Network Malaysia geht sogar noch einen Schritt weiter: „In den Nord-Ländern muss ein Lebenswandel stattfinden. Wir müssen runter auf einen CO2-Ausstoß von 2 Tonnen pro Person. Erst mit diesem guten Beispiel kann man dann neu verhandeln. Warum sollten sonst die Entwicklungsländer einen Vertrag zur Reduktion unterschreiben, wenn sie bei weitem nicht so viel ausstoßen wie die Industrieländer?“ Diese Meinung vertritt auch die Antiglobalisierungsbewegung attac, in Gestalt eines ihres Mitbegründers Sven Giegold, und fordert zweitens eine gerechte, neue Weltwirtschaftsordnung. Doch attac will nicht nur kritisieren, sondern sieht auch für sich selbst als Lobby-Gruppe eine neue Aufgabe: „Klimaheuchelei entlarven, Politik von Wirtschaft trennen“.

Überhaupt haben die McPlanet-Organisatoren „es satt, dass Politik vorrangig von Wirtschaftsinteressen gesteuert wird.“ Dazu gehört für viele eine systematische Be- und Verhinderung alternativer Energien. Beispielsweise würden in Deutschland noch viel mehr Leute auf Ökostrom umsteigen, wenn dieser auch in größerem Maßstab produziert und flächendeckender in den bisherigen Stromnetzen angeboten werden könnte. Bisher laufen in Deutschland bereits über 3.500 Anlagen zur Biogas-Gewinnung, die zusammen eine Leistung von 1100 MW kommen – was auch ein großes Atomkraftwerk leistet. Doch das langt dem Fachverband Biogas noch lange nicht: Bis 2020 sollen alternativ 76 Mrd. Kilowattstunden Strom erzeugt werden, was fast ein Fünftel des Bedarfs der Deutschen ausmachen würde. Nicht nur für die Umwelt, auch für den Arbeitsmarkt wäre das eine gute Entwicklung: Der Fachverband rechnet dann laut einer Studie mit 85.000 Arbeitsplätzen und einem Branchenumsatz von 7,5 Mrd. Euro. Und drittens wäre man nicht mehr so sehr vom russischen Energiemarkt abhängig.

„Politisches Engagement ist Pflicht“

Fragt man einige der vielen Jugendlichen, die am Kongress vor allem als einer der rund 170 Helferinnen und Helfer teilnahmen, so haben die die Vorschläge, die auf den Panels diskutiert wurden, längst verinnerlicht. Für sie ist es ganz klar, dass eine Klima Veränderung nur mit einer Besserung der Welt einhergehen kann. Jenny, 19, und Franzi, 17, zum Beispiel engagieren sich bei den Pfadfindern und bei Greenpeace, in Umweltgruppen in der Schule und leben nach eigenen Aussagen umweltbewusst und naturverbunden. „Politisches Engagement ist Pflicht“, sagt Franzi, „es geht ja nicht nur um meine Bildung, sondern um die der Gesellschaft. Wir haben eine Verantwortung zu übernehmen.“ Und Jenny fügt hinzu: „Es geht eigentlich sogar mehr um die andere Seite der Welt, etwa Afrika, weil die Menschen dort nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie wir. Ist doch klar, dass sich die Entwicklungsarbeit da mehr auf die Klimapolitik ausrichten muss! Zurzeit ist das Thema ja viel in den Medien, aber das langt nicht. Ich würde mir wünschen, dass mehr Leute radikaler wären. Man muss zum Beispiel 16% Lohnerhöhung fordern, auch wenn es unrealistisch ist, aber wenn man nur 1% fordert, kommt selbst das nicht zustande.“ Ob die Parteien in Deutschland das neben G8, EU-Ratspräsidentschaft und internen Koalitionskonflikten momentan überhaupt wahrnehmen? Kanzlerin Merkel jedenfalls eröffnet zwischendrin heimlich, still und leise in Nordrhein-Westfalen ein neues Braunkohlekraftwerk.

Kerstin Fritzsche Ist Li-Lak-Redakteurin
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