Riskant vernetzt

Kinderzimmer 2.0

copyright: colourbox.com©: colourbox.com SchülerVZ, Kwick, YouTube – soziale Netzwerke drücken Kindern und Jugendlichen ihren Stempel auf. Die 15-jährige Sonja ist schon ein Teil der digitalen Gemeinschaft - und kennt auch die Schattenseiten des neuen Booms.

Wenn Sonja durch die Straßen ihres Heimatortes stolziert, liegt Musik in der Luft. Im Gleichschritt zum Rhythmus von Rihannas „Hate That I Love You“ marschiert die 15-Jährige nach Hause. Sehen kann man sie noch nicht, dafür aber bereits von Weitem hören, denn die Lautstärke ihres Handys mit MP3-Funktion ist bis zum Anschlag aufgedreht. Kaum hat sie die Türschwelle der Wohnung passiert, lässt sich das Mädchen vor seinem Computer nieder. Heute sei sie wegen einer Erkältung nicht in der Schule gewesen, für den Weg zum Arzt habe die Kraft gerade noch gereicht, sagt Sonja, während sie sich beim Windows Live Messenger, einem Instant-Messaging-Programm von Microsoft, einloggt.

Den neuesten Klatsch und Tratsch in ihrer Schulklasse will sie sich nicht entgehen lassen. Doch die Buddies sind offline. Das gleiche Bild auch bei SchülerVZ, dem größten Online-Netzwerk für Schüler in Deutschland. Erwartungsvoll wandert Sonjas Blick über die persönliche Pinnwand – Fehlanzeige. „Die meisten sind noch in der Schule, es ist ja erst Mittag“, folgert die Realschülerin und fügt hinzu: „Das Leben im Internet fängt erst noch an.“

Das heutige Leben spielt sich in den eigenen vier Wänden ab

Ein ähnliches Szenario spielt sich täglich in Millionen deutscher Kinderzimmer ab. 95 Prozent aller Haushalte mit Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren sind bereits online. Knapp die Hälfte der Jugendlichen in diesen Haushalten verfügt über einen eigenen Internet-Anschluss. Ob StudiVZ, SchülerVZ, Kwick, Lokalisten, MySpace oder YouTube, um nur die bekanntesten Online-Gemeinschaften zu nennen – das Web 2.0 mit seinen sozialen Netzwerken hat die deutschen Kinderzimmer im Sturm erobert.

Das Leben heutzutage spielt sich mehr denn je in den eigenen vier Wänden ab. Was einst auf dem Spielplatz vor sich ging, wird heute in Form von mailen, chatten oder gruscheln (ein Neologismus, gebildet aus den Wörtern grüßen und kuscheln) ausgedrückt. Man unterhält sich, lästert oder tauscht die neuesten Bilder und Musikstücke aus. Während die einen jene Plattformen dafür nutzen, um in Kontakt mit Freunden zu bleiben, dienen sie anderen nur zur Selbstdarstellung.

Ein Ende ist nicht in Sicht: Innerhalb eines Jahres haben sich die Mitgliederzahlen bei SchülerVZ auf 3,5 Millionen verzehnfacht. Gut jeder dritte Schüler ab 12 Jahren in Deutschland ist somit Teil der digitalen Gemeinschaft. Beim großen Bruder StudiVZ, der Netz-Community für Studenten, sind es gar sechs Millionen Nutzer. Laut unternehmenseigenen Angaben gründen die Mitglieder von SchülerVZ pro Tag an die 2300 neue Gruppen, rund 600.000 Bilder werden täglich hochgeladen.

Dicke Kinder und klauende Mütter

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Sonja hat sich vor einem halben Jahr bei SchülerVZ eingeschrieben. Auf dem Bild, das ihre persönliche Startseite schmückt, posiert sie in Model-Manier mit dunkler Sonnenbrille und offenem Haar. Sie hat 29 Freunde und ist Mitglied in 21 Gruppen, die Namen tragen wie „Deine Mutter klaut bei Kik“, „Dicke Kinder sind schwer zu kidnappen“ oder "Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg".

An die vier Stunden täglich verbringt die Neuntklässlerin vor dem Computer. Dabei ist es gar nicht so einfach den Überblick zu behalten. „Meistens sind mehrere Seiten gleichzeitig geöffnet“, sagt Sonja, die soeben eine Message bei Kwick erhalten hat. PlaygirlP90, eine Schulfreundin, möchte wissen: „Was geht Süße, kommst nachher zu mir chillen?!“ „Bin noch nicht ganz fit, aber morgen komme ich wieder in die Schule“, antwortet Sonja und während sie in die Tasten haut, taucht auf dem Bildschirm eine kleine Box mit griechischer Flagge auf. Ein Junge aus der Parallelklasse, der unter den Benutzernamen GreecePower die digitale Welt unsicher macht, hat sich gerade beim Windows Live Messenger angemeldet und fordert Sonja zu einer Webcam-Session auf. „Nicht der schon wieder“, meint Sonja und blockiert den unliebsamen Eindringling ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Eltern sind besorgt, die Jugendschützer warnen

Sonjas Eltern wissen nur wenig von dem, was im Zimmer ihrer Tochter vor sich geht. „Natürlich machen wir uns Gedanken, man hört ja ständig die verrücktesten Geschichten, die in den Medien herumgeistern“, erklärt die Mutter. Und die Sorgen ihrer Eltern sind nicht unbegründet. Der Boom der sozialen Netzwerke schafft gleichzeitig eine neue Plattform für pornografische Inhalte und rechtsextreme Propaganda. Jugendschützer sind alarmiert, denn gefährliches Material zu verbreiten, ist alles andere als schwierig. Regelmäßig durchforsten Experten SchülerVZ, Lokalisten.de oder Wer-kennt-wen.de, um solche Inhalte aus dem Verkehr zu ziehen.

Sonja weiß wie weit sie gehen kann

Sonja versichert indes, dass sie ihre Grenzen kennt. „Ich chatte nur mit Leuten, die ich kenne und auch sonst bin ich nur auf Seiten, die mir bekannt sind“, erklärt die 15-Jährige. Als abschreckendes Beispiel diene ihr das Erlebnis einer Freundin. „Sie hat wochenlang mit einen Fremden gechattet – am Ende stellte sich heraus, dass es ein Erwachsener war, der sie zu sich nach Hause einladen wollte“, berichtet Sonja. Dass ihre Tochter versichert, dass sie nicht in solch eine Lage geraten würde, nimmt Sonjas Mutter – wenn auch nachdenklich – mit Erleichterung zur Kenntnis. Letztendlich hat sie kaum eine andere Wahl, als sich auf die Worte ihrer Tochter zu verlassen. Erwachsene können sich zwar unter Angabe falscher Geburtsdaten Einlass verschaffen – bei SchülerVZ reicht dazu die Einladung durch ein Mitglied – doch lückenlos kontrollieren können und wollen die meisten Eltern ihre heranwachsenden Kinder nicht. „Wir wissen nur grob, was unsere Tochter im Internet macht, aber es ist uns lieber, als würde sie sich irgendwo draußen herumtreiben.“, meint Sonjas Mutter.

Die nächste Nachricht, die auf dem PC-Bildschirm reinflattert, quittiert sie gar mit einem breiten Lächeln, Sonja hingegen weniger: PlaygirlP90 ist dabei eine Datei an Sonja zu übermitteln – die Hausaufgaben für den nächsten Tag.

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Bartek Langer

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