Kampf der Fundamentalismen

Heinrich Wilhelm Schäfer - Kampf der Fundamentalismen: Radikales Christentum, Radikaler Islam und Europas Moderne © Verlag der WeltreligionenHeinrich Wilhelm Schäfer
Kampf der Fundamentalismen: Radikales Christentum, Radikaler Islam und Europas Moderne


Verlag der Weltreligionen, 2008, 252 Seiten

Fundamentalismus ist in der heutigen Zeit eines der meistdiskutierten Themen. Diese Diskussion ist häufig von sehr einseitigen oder polarisierenden Thesen wie der vom „Kampf zwischen McWorld und Jihad“ geprägt. Der Religionssoziologe Heinrich Wilhelm Schäfer hat nun ein Buch vorgelegt, dessen Stärke darin liegt, Fundamentalismus nicht als genuin islamisches oder auch nur religiöses Phänomen zu begreifen, sondern als universales Phänomen, das auch moderne und säkularisierte Gesellschaften befallen kann. In „Radikales Christentum, radikaler Islam und Europas Moderne“ skizziert er die einzelnen, gegenwärtig prominenten fundamentalistischen Bewegungen in Europa, Amerika, Afrika und der islamischen Welt und ebenso einen Fundamentalismus der Moderne.

Heinrich Wilhelm Schäfer versteht Fundamentalismen als spezifische Strategien unterschiedlicher Modernen. Fundamentalismen wandeln Interessenkonflikte in Identitätskonflikte um. Ziel ist zumeist die Verbesserung der Lage gesellschaftlicher Zwischenschichten. Das Gemeinsame der Fundamentalismen ist daher nicht religiös-inhaltlich, wie häufig gesagt wird, sondern in erster Linie abhängig von der Lage und den Interessen, aus denen heraus die verschiedenen Gruppen agieren.

Im islamischen Fundamentalismus drückt sich die Reaktion von Zwischenschichten auf autoritäre, von außen oktroyierte Modernisierung sowie auf mangelnde eigene Aufstiegschancen aus. Daher gilt der islamische Fundamentalismus in den Ursprungsländern als soziale Protestbewegung gegen lokale Regime und die Dominanz des Westens, in der Diaspora als Versuch der Wiedergewinnung von Identität unter Bedingungen der Migration. In der US-amerikanischen Moderne dagegen ist Fundamentalismus innenpolitisch eine Reaktion auf die vermeintliche „Verunreinigung“ des Ursprungsmythos von „God’s Own Country“, außenpolitisch auf vermutete Gefährdungen des politischen Systems der USA. Fundamentalismus artikuliert sich hier unter Anderem als Legitimation einer hegemonialen Außenpolitik. Europa könnte nach der Meinung des Autors demgegenüber ein Gegengewicht darstellen: Mit seiner starken Tradition einer reflexiven Moderne könnte es den verschiedensten Formen des Fundamentalismus entgegenwirken. Schäfers gut geschriebene, dabei hochgradig sachliche, nie voreingenommene Argumentation zeigt also zugleich Möglichkeiten auf, der gesamtgesellschaftlichen Radikalisierung zu entgehen. Sein Buch ist für jede Auseinandersetzung mit Fundamentalismen gleich welcher Couleur unerlässlich.




DER AUTOR
Heinrich Schäfer ist Theologe und Soziologe. Lehrtätigkeiten an der Universität in Bochum und Bielefeld Forschungsaufträge u.a. über Pfingstbewegung und Protestantismus in den Bürgerkriegen Mittelamerikas und in den USA. Sowie über die Rolle von Religionen an den Reibungspunkten kultureller, ökonomischer und politischer Globalisierung. 1995 bis 2003 theologische sowie soziologische Lehre und Forschung in verschiedenen Ländern Lateinamerikas.

    Übersetzungsförderung

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