Die Unwirtlichkeit der Städte

Mitscherlich - Die Unwirtlichkeit der Städte © Suhrkamp VerlagAlexander Mitscherlich
Die Unwirtlichkeit der Städte – Anstiftung zum Unfrieden

Suhrkamp Verlag, 2008, Sonderausgabe zum 100. Geburtstag von A. Mitscherlich, 216 Seiten

„Unsere Städte und unsere Wohnungen sind Produkte der Phantasie wie der Phantasielosigkeit, der Großzügigkeit wie des engen Eigensinns. Da sie aus harter Materie bestehen, wirken sie auch wie Prägestöcke; wir müssen uns ihnen anpassen. Und das ändert zum Teil unser Verhalten, unser Wesen. Es geht um einen im Wortsinn fatalen, einen schicksalsbildenden Zirkel: Menschen schaffen sich in den Städten einen Lebensraum, aber auch ein Ausdrucksfeld mit Tausenden von Facetten, doch rückläufig schafft diese Stadtgestalt am sozialen Charakter der Bewohner mit“, schreibt Alexander Mitscherlich in seinem Buch „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“, das 1965 rasch zu einem Klassiker in der Bundesrepublik der Neubauten wird, mit zahlreichen Auflagen und über 200.000 verkauften Exemplaren.

Was drücken die Neubauten in den westdeutschen Städten aus? Worin beeinflussen sie ihre Bewohner, im Guten wie im Schlechten? Worin liegt die „Herzlosigkeit“, das heißt die Unwirtlichkeit beim Wiederaufbau der zerstörten alten Städte in Deutschland? Welche politischen Konsequenzen müßte man daraus für die Zukunft ziehen – die Neuordnung der Besitzverhältnisse an Grund und Boden in unseren Städten? Auf diese Fragen gab Alexander Mitscherlichs Essay vor vierzig Jahren Antworten, die Städtebauer beschäftigt, Architekten angeleitet, Studenten auf die Straße getrieben haben. Es sind Fragen und Antworten, die heute die Vorgeschichte unserer Gegenwart verständlich machen. Die Stadtsoziologin Marianne Rodenstein und der Architekt Nikolaus Hirsch stellen in zwei Nachworten Entstehungsbedingung und Wirkung von Alexander Mitscherlichs bahnbrechender Schrift dar. (Verlagsinformation)

Dieses flammende Pamphlet des Psychoanalytikers Alexander Mitscherlich erschien zunächst 1965 und ist nun erneut in einer durch kommentierende Essays erweiterten Fassung aufgelegt worden. In psychologischer Perspektive untersucht Mitscherlich, wie sich die Neubauten moderner Großstädte auf das Zusammenleben ihrer Bewohner auswirken und welche politischen Effekte unterschiedliche Wohnformationen wie Hoch- oder Einfamilienhäuser haben können. Mitscherlich beklagt eine „Herzlosigkeit“ des neuen, auf bloße Funktionalität abgestellten, urbanen Raums, dem die Kraft zur sozialen Integration im Gegensatz zur alten Stadt abhanden gekommen sei. Dieses Buch hatte in Deutschland einen immensen Einfluss auf die Debatten über menschengerechte Stadtplanung. Aufgrund seiner gedanklichen und psychologischen Klarsicht ist es aber noch heute überall dort von ungebrochener Relevanz, wo alte Stadträume zugunsten effektiverer Architekturen umgestaltet oder beseitigt werden. (Ronald Düker)

„Alexander Mitscherlichs ‚Die Unwirtlichkeit unserer Städte’ gehört zur Architektur Deutschlands wie der Häuserkampf zur Studentenrevolte. Schon der Titel dieses Essays […] ist genial: Mitscherlich hätte sein Buch auch ‚Die Hässlichkeit unserer Städte’ nennen können. Doch er wählte das seinerzeit schon antiquierte Wort ‚Unwirtlichkeit’ und machte damit sofort klar, worum es ging: um die Befindlichkeit der Städter. Wie ein Hotelier gegenüber seinen zahlenden Gästen, so die Assoziation, sind Städtebauer verpflichtet, die Bewohner sich heimisch fühlen zu lassen.“
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)




DER AUTOR
Alexander Mitscherlich, geboren am 20. September 1908 in München, gehört zu den großen kritischen Gelehrten der Bundesrepublik Deutschland. Von 1960 bis 1976 leitete der Mediziner und Psychoanalytiker das von ihm gegründete Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt am Main. 1969 erhielt Alexander Mitscherlich den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Alexander Mitscherlich starb am 26. Juni 1982 in Frankfurt am Main.