Leseprobe

Abdelwahab Benmansour

(Algerien)

Aus dem Roman Die Ehrenrichter
Übersetzt von Angela Tschorsnig



Heute ist eine seltsame Nacht, und es ist kalt, sehr kalt. Ich gehe im Zimmer herum, suche rund herum nach der Tür und kann sie nicht finden. Noch einmal von vorne: Ich fange in dieser Ecke hier an, lege meine Hand an die Wand, fühle den Putz, taste mich mit der Hand an der Wand entlang zur zweiten Ecke, zur dritten und schließlich zur vierten. Ich finde einfach die Türe nicht! Nachdenken: Vielleicht hat das Zimmer mehr als vier Ecken? Weiter suchen. Ich stolpere. Die leere Weinflasche. Sie zerbricht. Meine Mutter sagte immer: „Scherben bringen Glück.“ Sie meinte damit Gläser und Geschirr. Wenn ich sie wieder sehe, frage ich sie, ob es auch für Weinflaschen gilt. Hatte sie mir nicht geraten, mich nach Oran zu flüchten? Auf meine Frage wegen Nouara hatte sie geantwortet, Nouara habe keine Ehre im Leib. Um ihre Ehre zu retten, gab mein Vater offiziell bekannt, der Sohn von Tahar Baghdadi werde Nouara heiraten. Die Heirat geschehe mit dem Segen der Bruderschaft. Die Bruderschaft werde auch die Mitgift stellen. Nouara bekomme als Brautgabe das Grundstück, das der Bruderschaft nach dem Tod von Kaddour al-Kabran zugefallen war, der keine Verwandten mehr hatte und keine Nachkommen hinterließ. Meine Großmutter packte ihre Sachen und beschloss, nie wieder nach Djebala zurückzukehren. Sie lud mich ein, und ich ging auch nach Oran. Mein Vater gab die Anweisung, den ungehorsamen Sohn zu verstoßen. Ich habe die Türe immer noch nicht gefunden. Die fünfte Ecke. Die sechste. Die siebte. Mir wird schwindelig. Mein Kopf dreht sich ganz alleine. Ich muss mich übergeben. Ich speie den Wein aus. Danach mache ich mich wieder auf die Suche nach der Tür. Ich werde dort weitersuchen, wo ich aufgehört habe. Ich ertaste mit der Hand die Mauer und gehe los. Die erste Ecke. Die zweite. Ich fange bei der ersten mit Zählen an. Die zweite. Schmerz durchfährt meine Hand. Ich fasse sie mit der anderen. Etwas Warmes und Feuchtes fließt meinen Zeigefinger entlang. Ich stecke ihn in den Mund und schmecke auf der Zunge das Blut. Ein gutes Zeichen: Ich werde am Ende die Türe finden. Würde das Blut grün fließen, kämen die Heiligen und spendeten ihren Segen. Ich mache mich wieder auf die Suche. Noch eine Ecke. Und noch eine.

 

 Andere Autoren aus Algerien