Atef Talal Abu-Saif
(Palästina)
“Gaza ist ein großes Gefängnis. Eine alte Stadt, die mir leblos vorkommt. Ein Bild aus einer erstarrten Zeit. Sehr staubig. Das Meer bedeutet nicht mehr als ein lebloses Fenster, eine Dekoration, ein Wandbild. Einem Freund, der nach 27 Jahren in der Diaspora nach Palästina zurückkehrte und sich riesig freute, sagte ich einmal, dass Gaza ein großes Gefängnis sei. Ein paar Jahre später stimmte er mir mit der Bemerkung zu, dass Gaza nichts als ein Gefängnis sei, nur ein Gefängnis eben...“
Geboren wurde Atef Abu-Saif 1973 im Gabalia-Flüchtlingslager im Gaza-Streifen. Seine Familie stammte aus Jaffa, wurde jedoch von dort vertrieben. Noch auf dem Sterbebett erzählte seine Großmutter Aysha Geschichten vom Leben dieser Stadt und noch heute klingt ihr Leben und ihre Traurigkeit in den Erzählungen seiner Helden mit.
Alles ist wie immer ist der Titel seines ersten Erzählbandes, in dem Insassen eines Flüchtlingslagers von ihren Erfahrungen berichten. In der Grundschule pflegte der Landeskundelehrer zu erzählen, dass sich die menschlichen Gemeinschaften in Stadt, Dorf und Wüste eingliedern ließen. Und das Flüchtlingslager? fragte sich der Schüler Abu-Saif, der weder die Stadt, noch das Dorf, noch die Wüste kannte.
Da es im Flüchtlingslager keine Bücherei gab, las Abu-Saif keine Kinderbücher, sondern alles, was die Bibliothek seines Vaters an religiösen und geschichtlichen Büchern zu bieten hatte. Nach dem Abitur studierte er Anglistik an der Birzeit-Universität. Dabei veranlasste ihn die politische Atmosphäre des Campus, sich intensiv mit dem palästinensischen Selbstverständnis auseinander zu setzen.
Sein erster Roman Schatten in der Erinnerung spiegelt diese Suche nach der eigenen kulturellen Identität: Ein Junge aus London kommt nach Gaza, um seinen palästinensischen Großvater kennen zu lernen. Die Handlung ist scheinbar unspektakulär, erfährt aber durch die innere Veränderung des Jungen eine Tiefe, die weit über das persönliche Erleben hinausgeht.
In seinem Roman Schneeball erzählt der Autor von einer romantischen Liebe, die aus tiefer Verzweiflung heraus entsteht und alle Aspekte der politischen Realität in sich trägt.
Atef Abu-Saif erwarb an der Bradford University in Großbritannien seinen Mastertitel mit einer Arbeit über die „ Europäische Integration“. Seine Doktorarbeit an der Universität von Florenz behandelt die palästinensische Entität. Auf die Frage „Warum studieren Sie Politik?“ antwortet Atef Abu-Saif mit einer Passage aus seinem ersten Roman: Eine Frau fleht einen israelischen Offizier an, ihren festgenommenen neunjährigen Sohn freizulassen, da er mit Politik doch gar nichts zu tun habe. Seine abweisende Antwort lautet: „Bei Euch hat ja jeder Esel etwas mit Politik zu tun!“






