Leseprobe

H’mida Ayachi

(Algerien)

Aus dem Roman Irrgärten – Die Nacht der Versuchung

Übersetzt von Angela Tschorsnig

 

Nachts um eins fielen sie wie Adler aus dem Schattenreich ein und verteilten sich überall im Ort. Ohne Vorankündigung überfielen sie das Dorf, in dem Hamidou geboren worden war. Sie brachen die Türen ein.

Aufgerissene Augen, klopfende Herzen, zum Zerreißen gespannte Nerven.

Sie trieben die Menschen aus den Häusern und überschütteten alles mit Benzin.

Flammen loderten auf, fraßen Türen, Betten, Matratzen und Geschirr. Markerschütternde Schreie zerrissen die Dunkelheit. Der Himmel leuchtete rot. Der Horizont erbebte vor Angst. Hastende Schritte in alle Richtungen. Hilferufe. Heulen. Der Tod. Nackt und wild klopfte er an die Türen, brüllte, schäumte und kläffte mit gefletschten Zähnen. Das leibhaftige jüngste Gericht schleuderte Blitz und Donner aus seinem geöffneten Schlund.

Maskiert waren sie nicht. „Wir bringen alle um, wir schlachten alle ab, die mit den Tyrannen zusammenarbeiten“, brüllten sie in maßlosem Zorn und äußerster Erregung. Sie massakrierten 40 Frauen und Kinder. Die Auswahl der Opfer war gezielt, einige, auf die sie es abgesehen hatten, trafen sie nicht an.

Er war der Anführer. Die Bewohner erkannten ihn alle. Sie hörten sein grauenhaftes Brüllen, das ihnen in die entsetzten Gesichter peitschte. Hamidous Vater lief davon. Die unfassbaren Gräueltaten brachten ihn fast um den Verstand. Wie gelähmt starrte er durch die Hecke, die entlang der Dorfgrenze zwischen Makdara und Tadmout verläuft.

Er sah sie wüten wie wilde Tiere.

Er hörte sie schreien und fluchen.

Er hörte sie heulen wie hungrige Wölfe.

Er sah sie Möbel aus den Häusern ins Feuer werfen.

Ihr Anführer war aus Makdara. Er war es. Er. Sie hatten ihn alle erkannt. Mit seinem Hinkebein und dem dicken Bauch. Mit seiner krächzenden Stimme. Unmaskiert war er auf sein graues Pferd gestiegen. Mit sprühenden Augen. Alle hatten ihn erkannt. Klein gewachsen. Hervortretende Augen. Hakennase. Langes Haar. Sie hatten ihn alle erkannt.

Am Morgen kamen Gendarmerie und Bürgermilizen, trafen Journalisten von Presse, Funk und Fernsehen ein. Sie sagten aus, sie hätten sie nicht alle erkannt. Aber ihn, ihn hatten sie alle erkannt.

Er war aus dem Dorf. Sie nannten ihnen seinen Namen: Abou Zaid mit dem grauen Pferd. Den Emir Abou Zeid hatten alle erkannt. Er war afghanisch gekleidet gewesen, bis an die Zähne bewaffnet und hatte ein schwarzes Band um die Stirn getragen. Er hatte mit dem Arm hier und dort hingewiesen und Befehle erteilt.

Der Vater sagte danach zu seinem Sohn Hamidou: „Ich habe mit angesehen, wie sie die Häuser anzündeten, töteten, massakrierten und mordeten.

Ich war wie gelähmt. Ich hörte sie näherkommen und lief weg von der Hecke, die auf der Grenze zwischen unserem Dorf und Tadmout verläuft. Ich geriet immer weiter hinüber nach Tadmout. Sie trugen Maschinengewehre, Jagdgewehre mit abgesägtem Lauf, Fleischerbeile und Säbel. Ich war wie gelähmt. Das Feuer kam auf die Hecke zu. Sie schossen. Die Hunde aus Makdara bellten und jaulten. In ihr Heulen mischten sich die Schreie von Frauen und Kindern. Ein grauenhaftes Toben. Auf einmal hörte ich nichts mehr. Der Tod streifte mich mit seinem Flügel und alle meine Glieder erstarrten. Tödliche Kälte breitete sich in allen meinen Gelenken aus. Ich hatte keinen Körper mehr. Er war zu einem Eisblock erstarrt. Ich zerfiel und löste mich auf. Dann brachen auf einmal die Stimmen über mich herein. Ich konnte wieder sehen und nahm die Geschehnisse wie aus einer fernen Welt tief in einer Höhle wahr. Sie machten den letzten Verschreckten Zeichen abzuhauen, woraufhin diese verschwanden. Immer lauter ertönte das dumpfe Krachen der Geschosse. Der Geruch nach Feuer, Rauch und Angst war beißend geworden. Mir wurde schwindlig. Der Geruch nach Feuer, Rauch und Angst wurde noch beißender. Mir war entsetzlich übel. „Warum, oh Gott? Warum nur, warum?“, stöhnte ich.

Noch lauter erhob sich das Wehklagen.

Noch schriller ertönte das Geschrei.

 

 Andere Autoren aus Algerien