Leseprobe

Alaa Khaled

(Ägypten)

Aus Eine verborgene Seite (Prosastück)
Übersetzt von Claudia Knieps



In einer Phase meines Lebens, als ich mich darauf konzentrierte, mein Talent, die subtilen Dinge wahrzunehmen, zu üben – ich erinnere mich nicht genau, wie ich in mir selbst jenes Talent entdeckte, außer nach meinem professionellen Ausüben des Schreibens -, offenbarte sich mir ein Wert, dem jene Dinge innewohnten. Ich erinnere mich an die Äußerung einer Frau. Sie las meine Gedichtsammlung und trug mir vor, woran es liege, dass die subtilen Dinge und ihre Wahrnehmung mehr der Frau als dem Mann gewidmet seien. Sie meinte, dass die Intimität, die diesen Dingen Leben gibt, meistens aus der Verbindung der Frau mit ihrer kleinen Welt hervorgeht. Ihr Körper, ihr Zimmer, sogar jene Dinge, mit denen sie sich schön macht, hätten Anteil an der Teilung dieser Welt und überhäuften diese mit einem Mehr an Subtilität. Was den Mann betraf, so sah sie ihn als eine Gesamtheit in Bezug zu seiner, ihn umgebenden Welt, weil sein grundsätzliches Problem sei, wie er sich selbst behauptet, und nicht, sie und die sie umgebende Welt, zu betrachten. Ich dachte wiederholt über diese Äußerung nach und fand darin etwas Wahres. Es ist die Verbindung der Subtilität und der Einzelheiten mit dem weiblichen Anstrich, die anstrebt, die Intimität in der kleinen Welt, die uns umgibt, zu verbreiten. In der Kindheit werden die Rollen verteilt, ohne dass wir es wissen; die Saat dieser Subtilität wächst. Das Kind beginnt, die kleine Welt, die es umgibt, die Welt der Mutter, zu vermissen. Vielleicht veranlasst es die immerwährende Sehnsucht nach dieser Welt, mehr an diesen Grenzen festzuhalten, und es will nicht groß werden. Wenn das Leben an diesen Grenzen stehen bleiben würde, gäbe es kein Problem. Aber es gibt hier eine andere große Welt, die nicht ignoriert werden kann. Je mehr die Wahrnehmung der Größe der Welt zunimmt, desto mehr steigt die Intensität, seine kleine Welt, in ihrer Anhäufung von Einzelheiten zu beschützen. Dieses Kind selbst flüchtet vielleicht zu einer anderen List, um sich selbst vor dem Heranwachsen zu bewahren, vor dem Fortschreiten im Lebensalter. Was bedeutet das Fortschreiten im Lebensalter anderes als der Weg, der ein Ende hat, an dessen Ende der Tod mit seiner drückenden Macht wartet. Ist das Festhalten an den Grenzen der kleinen Welt und ihre Bewahrung nichts als eine Täuschung für etwas anderes; und zwar die Suche nach einem ewigen Leben, zu dem der Tod nicht vordringt. Alles, was klein war, wird im anderen Leben groß. Die Sehnsucht kehrt zu den vergessenen Dingen zurück aufgrund ihrer Subtilität und Einfachheit, um ihnen irgendeine Größe beizumessen, indem sie ihnen eine Dimension hinzufügt, die nicht bei ihnen vorhanden war. Vielleicht auch sind die ersten Dinge, die groß werden, die anderen bei uns, die im Schweigen wachsen und in unserer Nähe ein schweigsames Leben führen.

Wir leben nicht ein einziges Leben, das diese Dinge in ihrem Volumen oder im Ausmaß unserer Liebe oder Abneigung für sie festlegt, vielmehr verändert sich das Leben in auf- und absteigendem Rhythmus. Mit dieser Veränderung verändert sich das Verhältnis jener alten Dinge in unserem Gedächtnis und im Verhältnis unserer Liebe zu ihnen. Die verborgene Sehnsucht im Gedanken ist das Wachsen selbst, im Fortschreiten des Lebensalters, in der Verschiedenheit des Hauses der Kindheit von den Häusern, die nach ihm kommen werden.

Es ist unmöglich, dass die Sehnsucht sich über alle Kindheitserinnerungen ausbreitet, es sei denn, sie verliert das Wichtigste ihrer Elemente, und zwar ihre Selektivität, und wandelt sich zu einem Apparat, der den Film des Lebens wiederholt, so wie es ist, Minute für Minute. Weil es wesentlich ist, wendet es sich darum den essentiellen Dingen zu.

Es wird ausgewählt aus den Erinnerungen, was dem Ziel dient, für das man leidenschaftlich empfand. Diese Sehnsucht steht nicht im Widerspruch zu einer Form des neuen Bewusstseins, das versucht, die Verbindung zur Vergangenheit ganz zu trennen. Sicher gibt es in der Vergangenheit Dinge, die nicht nur kritisiert, sondern aufgegeben werden müssen. Und es gibt Dinge und Erinnerungen, die jenseits der Kritik liegen, vielleicht, weil sie tief in unseren Seelengründen sind. Möglicherweise sind sie einer der Pfeiler, die unsere Persönlichkeit stützen, denn die Persönlichkeit lebt nicht nur durch die Wirklichkeit. Die Dinge der Vergangenheit sind für die Kritik unerreichbar, weil sie schlichtweg unempfänglich für die Veränderung sind.

Dieses Verlangen gelangt nicht zur Reife, bevor nicht das Kind alles, das wir einst waren und das gleichzeitig sein Standort auf der Basis der Erinnerungen war, verdaut, nachdem dieses Kind die Grenzen seines beschränkten Königtums erweiterte. Was den betrifft, der fortfuhr, dieses egoistische Kind zu beschützen, so geriet sein Verlangen zu nichts als zu einer Rückkehr in die Kindheit mit all ihrem Materialismus und ihrem Sein ohne Verantwortung, selbst wenn dieses Sein ohne Verantwortung das Leiden selbst wäre. Was die andere Rückkehr betrifft, so ist sie eine Rückkehr zu sich selbst und gleichzeitig keine Rückkehr, weil der Weg, den die Reise der Rückkehr kreuzt, nicht bei den Grenzen und Symbolen der Kindheit stehen geblieben ist. Möglicherweise führt er zu einer anderen Kindheit, zur Vergangenheit und auch zur Zukunft. Gegenüber diesem wesentlichen Ding, das zeitlos ist, ist die Unschuld. Die Kindheit - sowie ihre Unschuld - ist eine der Künste des religiösen Erlebens, oder im gewissen Sinne des mystischen Erlebens. Aus ihr gibt es kein Entkommen. Die Erinnerung ist unser zweites Leben, das Gegenstück zu unserem Leben, sogar, wenn diese Erinnerung als Sehnsucht nach dem Leiden verborgen wäre, nach unseren Symbolen, denen Weiblichkeit und Mütterlichkeit aufgebürdet sind. Die Suche nach dem Ursprung der Fundamente des Lebens setzt sich meist fort und manchmal hält sie inne, in diesem mütterlichen Sinn für das Leben, dem neuen religiösen Sinn.

 

1 Das wichtigste Element: Die Selektivität

 

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