Akram Farah Musallam
Aus dem Roman Alexanders Gedanken
Übersetzt von Helene Adjouri
Ich verändere mich sehr, während ich dir erzähle. Ich verändere mich jeden Tag, mehr als ich mich während des Grübelns veränderte. Meine Träume verändern sich und manchmal erfüllt mich ein sonderbares Wohlgefühl. Heute werde ich dir erzählen, wie dieser Haudegen geheiratet hat. Ob er ein Haudegen war, mein Großvater väterlicherseits? Wer weiß. Was bedeutet das Wort „Haudegen“ überhaupt? Ich nenne ihn so, liebevoll. Ich habe ihn kaum gekannt, aber er hatte ein sehr einnehmendes Wesen. Seine Heirat war so einfach, du kannst es dir gar nicht vorstellen. Generationen haben von seiner Heirat erzählt. Der Vater meines Großvaters und der Vater meiner Großmutter gingen eines Tages, zur Zeit der Olivenernte, in den Berg, den du gegenüber sehen kannst. (Über diesen Berg habe ich noch eine andere Geschichte).
Wichtig für diese Geschichte ist, dass sie dort zwei benachbarte Olivenhaine besaßen, und es der Zufall wollte, dass sie beide zur gleichen Zeit urinieren mussten. Bei der Olivenernte – wie bei der Ernte im Allgemeinen - verrichten die Bauern ihre Notdurft natürlich im Freien. Es gibt keine beweglichen Toiletten und es bleibt dir keine andere Wahl, als dir einen fernen, vor den Augen der anderen Menschen geschützten Platz zu suchen, z.B. die Wurzel eines großen Baumes, eine Mauer oder einen großen Steinhaufen.
Der Zufall wollte es also, dass sie beide gleichzeitig urinieren mussten und der Zufall wollte es auch, dass sie sich an einem bestimmten Steinhaufen trafen, der Vater meines Großvaters auf der einen und der Vater meiner Großmutter auf der anderen Seite. Die beiden kannten sich bereits und während sie dort standen und mit dem Urinieren beschäftigt waren, tauschten sie Grüße aus und unterhielten sich flüchtig über die Ernte. Der Vater meines Großvaters, der als erster begonnen hatte, beendete sein Wasserlassen und schüttelte die letzten Tropfen heraus. Er nahm einen glatten Stein, um sich um der Reinheit Willen abzutrocknen, als ihm ein Gedanke kam, den er sofort aussprach. Er rief dem Vater meiner Großmutter zu: Sollen wir nicht deine Tochter mit meinem Sohn verheiraten? Er fragte dies und schloss seine Hose, gerade in dem Moment, als der Vater meiner Großmutter auch angefangen hatte, sich abzutrocknen. Dieser antwortete: Aber natürlich! Finden wir denn einen Besseren für unsere Tochter als euren Sohn? Wir können das Beste erwarten! Ich lachte mit ihm, wie ich niemals vorher gelacht habe.
Und so geschah es dann, ich schwöre es dir. So einfach, durch diesen Zufall bei der „Pinkelpause“, wurde über die Frage meiner Existenz oder Nicht-Existenz und über weiteres Leben schicksalhaft entschieden. Und Du willst, dass ich verstehe. Was soll ich verstehen? Wer konnte im Voraus wissen, dass dieser Zufall eine Geburt bewirken würde? Damit meine ich meine eigene!!! Bis heute stelle ich mir diesen Moment vor, als hätte ich ihn mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich sehe die durstige Erde, den Urin trinkend. Ich stelle mir die Stärke des Strahls vor, der ein Loch in den Sand bohrt. Wo ist dieses Loch jetzt?
Ich liebte meinen Großvater wegen seiner Geschichte. Erinnern kann ich mich kaum an ihn. Er war eitel, so wurde über ihn berichtet, er parfümierte sich bis zur Schuhsohle mit Eau de Cologne ein, dem Parfüm, das es damals gab. Er war einer aus dem Leben, ein waschechter Haudegen eben. Und Du möchtest, dass ich verstehe. Bei diesen hilft das Verstehen nicht, die Suche nach Erklärungen ist hier sinnlos... denn sie sind Leben. Wahres Leben. Ohne Grenzen.






